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Beim Frankfurt-Abend mit Andrea Diener, Isabella Caldart, Ria Endres, Michael Quast (Moderation), Karin Stiller und Stefan Geyer, (v.l.) ging es im wahrsten Wortsinn zur Sache.

Open Books

Launischer Abschluss beim Frankfurt-Abend

  • Florian Leclerc
    vonFlorian Leclerc
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Vier Bücher mit Frankfurt-Bezug stehen im Mittelpunkt des „Frankfurt-Abends“, mit dem das Lesefest Open Books endet. Moderator Michael Quast nimmt kein Blatt vor dem Mund.

Wer sich mit Michael Quast ins Rampenlicht der Volksbühne im Großen Hirschgraben setzt, quasi das Wohnzimmer des Theaterleiters, wird ahnen, was ihn erwartet. So ging es auch Isabella Caldart, Ria Endres, Karin Stiller, Andrea Diener und Stefan Geyer beim „Frankfurt-Abend“ von Open Books am Samstag.

Die fünf hatten Bücher mitgebracht, in denen sie Frankfurt auf unterschiedliche Weisen betrachten: Andrea Diener und Stefan Geyer widmen sich im essayistischen Sachbuch „Stöffche“ der Ebbelweikultur. Karin Stiller geht in ihrem Roman „Winkelsee“ der Legende vom Wilddieb Hans Winkelsee nach, der mit neun Schüssen eine Neun in die Fahne des Eschenheimer Turms geschossen haben soll, um seiner Hinrichtung zu entgehen.

Ria Endres legt mit „Nordend. Ein Stadtteil wird verkauft“ eine essayistische Erzählung der Gentrifizierung in Frankfurt vor, der von der Stadtregierung gleich welcher Couleur nicht aufgehalten wird. Isabella Caldart führt in der Anthologie „Frankfurt zum Verweilen“ anhand von Dichterinnen und Denkern zu touristischen Orten in Frankfurt, deren Geschichte auch vielen Frankfurtern unbekannt sein dürfte.

Michael Quast machte sich einen Spaß daraus, die vier lesenswerten Bücher, die die Kenntnisse über Frankfurt erweitern, auseinanderzunehmen. Bei „Frankfurt zum Verweilen“ sei ihm aufgefallen, dass die großen Frankfurter Literaten gar nicht vorkämen – „ich sag nur Börne und Stoltze“.

Auswahl der Autor:innen möglichst geschlechtergerecht

Woraufhin Isabella Caldart als Herausgeberin ihren Anspruch untermauerte, die Auswahl der Autor:innen möglichst geschlechtergerecht zu gestalten – so kommen Safiye Can und Eva Demski vor, nicht aber Martin Mosebach und Bodo Kirchhoff. „Ein paar Herren habe ich weggelassen, auch Goethe, und ich war nicht ganz traurig“, sagte sie. Quast erwiderte, die literarischen Vorlagen seien arg kurz geraten. Das Bändchen habe, wie die übrigen Titel der Reihe zu anderen Städten, nur 112 Seiten, so Caldart.

Bei Karin Stiller ging es Michael Quast vornehmlich darum, in welchen Bibliotheken sie recherchiert habe, wen sie dort traf – „vielleicht Isabella Caldart? - und was alles im Roman vorkommt oder nicht. „Kensington kommt auch in Ihrem Roman vor, ich weiß es“, meinte er. Da war die Diskussion schon bei Ria Endres angelangt. Die 74-jährige Schriftstellerin befragte er, wohl wegen der Dramaturgie des Kontrasts, mit vorzüglicher Hochachtung.

Ria Endres hat, ausgehend von ihrer Wohnung in der Lersnerstraße, eine Geschichte der Verdrängung aufgeschrieben, wie sie symptomatisch für viele Metropolen ist. Das Haus soll verkauft, die Wohnungen luxussaniert, die Mieten verteuert werden. Passenderweise liegt die Lersnerstraße in Nordend-West, wo die Milieuschutzsatzung nicht gilt. „Ich habe erlebt, wie schnell ein Leben kippen kann“, sagte Endres, die seit 40 Jahren in der Mietwohnung lebt.

Sie kritisierte eine Politik, bei der Grundstücke von Stadt und Land – wie beim alten Polizeipräsidium – an einen Investor verkauft werden, statt sie im öffentlichem Besitz zu lassen und massiv Wohnungen zu errichten, die sich auch der Normalbürger leisten kann.

Die Gier, der Profit, das Geld

In Frankfurt fehle Wohnraum für bis zu 100 000 Menschen, sagte sie. Da seien Luxuswohntürme, wie sie am Güterplatz entstehen, kontraproduktiv. Luxuswohntürme seien zum Teil Geldwäscheobjekte, die möglichst teuer gekauft würden, um möglichst viel Geld zu waschen. Danach stünden sie leer.

Die Gier, der Profit, das Geld. „Das ist halt Frankfurt“, meinte Quast, der den Abend mit „Stöffche“ beschloss, „weil Ebbelwei ein versöhnliches Thema ist“. Es ist das zweite Buch der beiden Schreibenden über den Apfelwein, nach „Süß, sauer, pur: Unterwegs in der Frankfurter Apfelweinkultur“, das vor vier Jahren erschien.

Stefan Geyer trug seine Erlebnisse mit besonderen Wirtin in der Gaststätte „Weida Im Blauen Bock“ im Frankfurter Nordend vor. Andrea Diener beschrieb detailgenau, wie die typische Frankfurter Apfelweinkneipe eingerichtet ist, spartanisch eben, und was das über die Grundeinstellung der Wirte aussagt. Aber selbst das spezifisch Frankfurterische am Ebbelwei ließ der Gastgeber nicht recht gelten, den das Stöffche werde ja im ganzen Rhein-Main-Gebiet getrunken und, mit Ausnahme von Possmann, nicht in Frankfurt gekeltert, sondern im Spessart und im Odenwald.

Wer auf der Bühne saß, kam dabei mächtig ins Schwitzen. Aber das Publikum hatte seinen Spaß.

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