Ein hellwacher Geist, dem es diebische Freude zu machen schien, wenn einem das Lachen im Halse stecken blieb.
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Ein hellwacher Geist, dem es diebische Freude zu machen schien, wenn einem das Lachen im Halse stecken blieb.

Matthias Beltz

„Seine Texte hatten Widerhaken“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Matthias Beltz wäre am Samstag 70 Jahre alt geworden. Der große Kabarettist ist in Frankfurt unvergessen. Harry Oberländer, Direktor des Hessischen Literaturforums, spricht im FR-Interview über seinen Freund.

Herr Oberländer, in diesen Tagen von Pegida und Anti-Pegida habe ich öfter an Matthias Beltz gedacht. Er hat einmal den schönen Satz gesagt: Die Helden sind tot, das Mittelmaß regiert, drum brauchen wir ein Leitbild.
Das ist einer von seinen starken Sätzen.

Passt das nicht zur augenblicklichen Situation?
Wir hören ja immer, dass sich bei den Pegida-Protesten nicht nur Neonazis versammeln, sondern die schweigende Mitte der bürgerlichen Gesellschaft. Ich bin da vorsichtig. Ob das wirklich so zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Matthias hat erst mal grundsätzlich gesagt: Im Mittelpunkt steht der Mensch.

Die Leute suchen Orientierung.
Sie haben den Eindruck, dass sie nicht mehr richtig zu Wort kommen, dass sie nicht gehört werden. Ich fand es bezeichnend, dass einer bei einer Pegida-Demonstration ein Schild hochhielt, mit dem er gegen die Gebühreneinzugszentrale, die GEZ, protestierte. Die Leute fühlen sich über den Tisch gezogen.

Was würde Matthias Beltz aus dieser Situation heute machen?
Ein gutes Kabarett-Programm. Er würde natürlich den Islamismus und den Terror scharf kritisieren. Matthias war immer ein scharfer Religionskritiker.

Er war ein Kritiker von Eiferern.
Ja. Er war kein gemütlicher Spaßmacher, seine Texte hatten Widerhaken. Er hatte eine ziemliche Härte. Er hat sich selbst gewünscht, dass den Leuten das Lachen im Hals steckenbleibt. Das entstand alles vor dem Hintergrund, dass er noch in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs im Vogelsberg geboren worden war. Sein Vater ist nicht aus diesem Krieg zurückgekommen. Matthias wurde ganz tief geprägt vom Erschrecken über den Krieg und die Nazibarbarei. Das flammt in seinen Texten immer wieder auf.

Es gab so Momente von großer Irritation bei seinen Auftritten, bei denen es ganz still wurde im Saal.
Ja, das stimmt.

Die Leute fragten sich dann: Was hat er da gerade gesagt?
Ja. Matthias störte sich am Mainstream, an der politischen Korrektheit. Da hat er mit Freude dagegen verstoßen. Sehr individuell und sehr anarchistisch. Die große kulturelle Auseinandersetzung, die wir im Moment erleben, ist diese ganz alte Auseinandersetzung über das Gelächter. Worüber wird gelacht? Darf man alles dem Gelächter aussetzen?

Ist das tatsächlich so: Satire darf alles?
Das ist erst einmal ein richtiger Satz von Tucholsky. Aber man muss sehr sorgfältig erörtern, wo die Grenzen liegen. Man darf sich auf keinem Fall dem Druck beugen. Dass also jemand jetzt heute sagt, man darf den Propheten nicht abbilden. Das ist für die Leute, die daran glauben, als religiöse Regel akzeptabel. Aber sonst gar nicht. Ein Bilderverbot richtet nur Unheil an.

Die neue Qualität an Matthias Beltz war ja auch, dass er die Linken nicht verschont hat, also seine Freunde. Ein berühmter Satz von ihm galt Joschka Fischer: Pazifist kann nur sein, wer bereit ist, den Pazifismus mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.
Das ist ein Paradox, das über Joschka Fischer hinaus auf den Pazifismus überhaupt zutrifft. Was macht der Pazifist, wenn er angegriffen wird?

Sie haben Matthias Beltz vor 45 Jahren in Frankfurt kennengelernt.
Er war schon da und studierte Jura. Ich kam 1969 nach Frankfurt und habe ihn 1970/71 kennengelernt. Matthias kam aus dem SDS, der löste sich dann auf. Es entstand die Betriebs-Projektgruppe, die wollte sich der Erforschung des Proletariats widmen.

Die nannte sich dann später Revolutionärer Kampf.
Ja. Aber der Name Betriebs-Projektgruppe ging noch aus dem SDS hervor: Die haben ja immer Projekte gemacht. Es gibt da ein schönes Zitat von Matthias, das behandelt die Situation nach dem Krieg. Er sagt: „Nach der militärischen Niederlage und der bedingungslosen Kapitulation war Deutschland nach 1945 ein besetztes Land. Die Sieger diktierten das Recht, was sich im Nachhinein als Wohltat herausstellte. Die Amerikaner wollten wissen, wer von den Deutschen Nazi gewesen und geblieben war. Um das herauszufinden, erstellten sie einen Fragebogen. So brachten die Amerikaner den Glauben an die empirische Sozialforschung zu uns.“

Sie gehörten auch der Gruppe Revolutionärer Kampf an, gemeinsam mit Johnny Klinke, Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer. Sie haben mit Beltz gemeinsam bei Opel gearbeitet.
Ja, genau. Das war eine richtige Arbeit. Wir haben da acht Stunden geschafft, kamen zurück und mussten erzählen, was die Arbeiterinnen und Arbeiter so von sich gegeben haben. Das wurde genau protokolliert.

Man hat bei Beltz und seinen Texten gemerkt, dass er sich sehr gut auskannte in der Arbeiterschicht.
Ja. Er blieb am längsten bei Opel. Andere von uns wurden bald rausgeschmissen, weil sie versucht hatten, einen Streik anzuzetteln. Immerhin haben wir erreicht, dass die alte Gewerkschafterriege bei Opel, die immer sehr entgegenkommend war gegenüber der Geschäftsführung, abgelöst wurde. Unsere Arbeit war nicht so erfolglos, wie es zunächst mal aussah.

Ich hatte den Eindruck, Beltz hat seine Arbeit als Kabarettist sehr ernstgenommen.
Das stimmt. Und er war, wie Dieter Hildebrandt auch, ein Moralist.

War Matthias Beltz als Phänomen an Frankfurt gebunden, an das Hessische?
Das Hessische hat bei ihm eine große Rolle gespielt. Er konnte wunderbar den Hessen darstellen, so wie er war. Er ist Frankfurt immer treu geblieben. Er hat nicht im Traum daran gedacht, nach Berlin zu gehen. Matthias ist mit Komikern wie Heinz Schenk aufgewachsen. Dazu gibt es ein schönes Gedicht von Beltz. Das trägt den Titel „Hölderlin“:

Hölderlin, Du feiges Schwein,

schließt in Tübingen dich ein,

Robert Walser, dumme Sau, versteckst dich hinter Drahtverhau.

Friedrich Nietzsche, Philosoph, wirst verrückt und blöd und doof.

Und als Suizid-Genie feiert sich Jean Amery.

An nur einen gern ich denk, vom Blauen Bock den alten Schenk.

Das greift den Blödelimpuls von Heinz Erhard auf, aber bei Beltz kriegt das einen ganz anderen Charakter. Suizid-Genie und Amery: Da läuft es mir kalt den Rücken herunter.

Sie vermissen Matthias Beltz.
Ja. Ich vermisse ihn schon sehr.

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