1. Startseite
  2. Frankfurt

OLG Frankfurt, Urteil: Eiermann-Werk durfte zersägt werden

Erstellt:

Von: Oliver Teutsch

Kommentare

Gericht wischt Klage in einem ästhetischen Urteil vom Tisch. Kinder des berühmten Architekten wollten Schadenersatz.

Wann gilt ein Tisch als entstellt? Mit dieser eher ästhetischen Fragestellung hat sich das Oberlandesgericht Frankfurt (OLG) befassen müssen und ist tief eingetaucht in das funktionale Design des Nachkriegsdeutschlands. Der Urteilstenor vom Dienstag lässt den Leser zunächst ratlos zurück: „Senkrechtstellung einer im Ursprungswerk mittig schrägliegenden Kreuzverstrebung eines Stahlrohrtischgestells ist keine Entstellung“, stellt das OLG dort klar.

Die jetzt verhandelte Klage geht zurück auf das Jahr 1953. Zu jener Zeit entwarf der berühmte Architekt Egon Eiermann aus einer Stahlrohrkonstruktion ein einfaches Tischgestell, das unter dem programmatischen Namen „Tischgestell Eiermann 1“ in Zeichensälen und Architekturbüros für viel Freude bei der Arbeit sorgte.

Stil nicht schutzfähig

Ein Assistent Eiermanns regte dann für seinen Umzug nach Freiburg an, den Klassiker des deutschen Funktionalismus transportfähig zu machen und beauftragte einen Schlossermeister. Der zersägte den Tisch und entwickelte eine Alternative zur Wiederverbindung der Kreuzverstrebung. Die nicht mehr schräg, sondern senkrecht gestellten Kreuzverstrebungen werden noch heute wegen ihrer erhöhten Funktionalität unter dem Namen „E 2“ vertrieben.

Die Kinder des Architekten Eiermann klagten aber nun gegen die Firma, die den Tisch in Serienproduktion herstellt und forderten Schadenersatz. Sie sahen in der Weiterentwicklung eine urheberrechtliche Entstellung des väterlichen Entwurfs. Das OLG lehnte dies wie schon zuvor das Landgericht Frankfurt ab und wies darauf hin, dass die Kinder nicht gegen die Herstellung oder den Vertrieb klagten, sondern gegen den Nachbau. Für diesen sei es aber unerheblich, ob das Gestell damals tatsächlich oder nur in der Vorstellung zerlegt worden sei. Denn das Modell „E 2“ greife nicht in den geistig-ästhetischen Gesamteindruck des Gestells von 1953 ein, befand der Senat.

Die Einordnung des Gestells als urheberrechtlich schutzfähig könne nur mit der diagonal angebrachten charakteristischen Kreuzstrebe begründet werden. Gerade die aber fehle beim beklagten Modell. Die insgesamt minimalistische Gestaltung des Tischs aus dem Jahre 1953 sei zwar prägend, „als Stil jedoch nicht eigenständig schutzfähig“, urteilte das Gericht.

Auch interessant

Kommentare