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Ohne Worte

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Von: Stefan Behr

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Ein Love-Scamming-Prozess am Amtsgericht Frankfurt platzt, weil der geladene Dolmetscher vielleicht alles Mögliche beherrscht, aber leider keinerlei Fremdsprachen.

Doktor Herbert Horst ist der Arzt, dem die Frauen vertrauen. Jedenfalls die 66 Jahre alte Frankfurterin, der Doktor Horst im August 2019 via Facebook seine ewige Liebe erklärte und sie zugleich um mehr als 20 000 Euro anschnorrte, die er als Ablöse brauche, damit ihn sein Arbeitgeber, die UNO, aus der Knechtschaft entlasse und in ihre Arme freigebe.

Doktor Herbert Horst ist einfühlsam, redegewandt und heißblütig. Das klingt nach drei Männern in einem, und tatsächlich sitzt der Doktor am Montag in seiner unheiligen Dreifaltigkeit als Celestine J. (36), Ifeanychukwu E. (35) und Abiola O. (27) wegen Betrugs vor dem Amtsgericht. Genauer gesagt erscheint er zunächst als Duo, denn Celestine J. steht nach eigenen telefonischen Angaben im Stau auf der A3, der kölsche Jung verspätet sich um zwei Stunden.

Daraus darf man ihm aber keinen Strick drehen, denn das letzte Mal, als J. pünktlich erschien, war das am 11. September 2019 am Kölner Hauptbahnhof, wo er sich mit der 66-Jährigen verabredet hatte, um ihr weitere 30 000 Euro abzuknöpfen. Die Frau aber hatte mittlerweile ihren Glauben an Doktor Horst verloren und die Polizei informiert, die J. festnahm. Pünktlichkeit zahlt sich eben nicht aus.

So kurz nach 11 Uhr erscheint J. schließlich, und der Prozess könnte losgehen – wenn da nicht der Dolmetscher wäre. Der Gemütsmensch war bereits vor Prozessbeginn angenehm aufgefallen, weil er sichtlich Gefallen daran fand, seinem sehr tanzbaren Handy-Klingelton auf voller Lautstärke lange zu lauschen. Die Verlesung der Anklage begleitet der Mann dann mit eigentümlichen Grummel- und Zischlauten, sodass der unbedarfte Zuhörer denkt: Das ist ja eine lustige Sprache, dieses nigerianische Igbo.

Ist es aber gar nicht, denn die Angeklagten, die sich bislang des Igbo mächtig wähnten, verstehen kein Wort und beschweren sich - teilweise auf Deutsch, das sie ganz gut sprechen. Deutsch versteht leider der Dolmetscher nicht, nicht ein Wort, was seine eigentliche Aufgabe, Deutsch in Igbo zu übersetzen, schwierig macht. Als sich herausstellt, dass der Dolmetscher nicht nur kein Igbo und kein Deutsch, sondern auch kein Englisch spricht oder versteht, platzt der Prozess. Im Sommer soll ein neuer Versuch gestartet werden, vermutlich mit einem anderen Dolmetscher.

Die Begeisterung am Amtsgericht ist groß, einige Zeugen und Prozessbeteiligte sind von weither angereist. Nur der Dolmetscher bleibt die Ruhe selbst und strahlt zufriedene Gelassenheit aus. Womöglich hat ihm keiner gesagt, dass der Prozess jetzt perdu ist, und zwar seinetwegen. Wahrscheinlicher aber ist, dass es ihm jemand gesagt hat, er es aber nicht verstanden hat.

Was bleibt, ist ein Rätsel: Der Dolmetscher, angeblich auch ein Doktor, ist immerhin amtlich vereidigt. Bloß für was?

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