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Christoph Mäckler: So gut wie die Altstadt müssen auch die neuen Siedlungen gestaltet werden.

Neue Altstadt

„Der öffentliche Raum ist unser Wohnzimmer“

Auszüge aus der Festrede des Architekten Christoph Mäckler in der Paulskirche zur Eröffnung der rekonstuierten Häuser.

Der Neubau des Stadtviertels Dom-Römer in Frankfurt am Main hat weit über die Grenzen der Stadt hinaus Vorbildfunktion. Das gilt nicht nur für die Idee, ein Stück Geschichte der Stadt, genauer ein Stück Stadt, in dem Geschichte stattgefunden hat, wieder erlebbar zu machen.

Es gilt auch für den klugen Einsatz einer Organisationsstruktur, mit der ein derartiges Bauvorhaben realisierbar wird, und für die kluge Auswahl unterschiedlicher Akteure, die – ein jeder für sich – in dieser Organisationsstruktur zu arbeiten und diese Struktur zu respektieren hatten.

Es gilt für den Mut, ein städtebauliches Konzept, wie es mit der Anlage des Technischen Rathauses in der Folge der 68er Jahre entstanden war, zu eliminieren.

Es gilt aber vor allem für den Mut, als Politiker die Verantwortung für die Kosten, die das Dom-Römer-Quartier benötigte, zu übernehmen – und das auch unabhängig davon, ob man seinerzeit an der Entscheidung für das Projekt beteiligt war oder nicht.

Dass Sie sich – sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Feldmann – als Nachfolger Ihrer Vorgängerin im Amt, Petra Roth, bei Amtsantritt dem Dom-Römer-Areal mit großem Engagement angenommen haben, scheint heute mit dem Erfolg des neuen Stadtquartiers selbstverständlich zu sein. Damals im Jahre 2012 war es das nicht.

Es gibt drei grundsätzliche Besonderheiten, die die neue Altstadt Frankfurts auszeichnen und denen ich mich im Folgendem widmen möchte. Da ist zunächst der Außenraum, der Straßen – und Platzraum zwischen Dom und Römer zu nennen, der ganz bewusst innerhalb der alten Parzellen in seinen historischen Grenzen neu errichtet wurde. Als Zweites möchte ich die politische Planung und vor allem die politische Begleitung der Planung des städtischen Raumes benennen. Als Drittes aber soll die Vorbildfunktion besprochen werden, mit der Städtebau und Architektur auf dem Dom-Römer-Areal in Einklang gebracht wurden.

Beginnen wir also mit dem Außenraum, dem öffentlichen Raum als eine der ersten vielleicht wichtigsten Besonderheiten des Altstadtquartiers: Betrachten wir den Entstehungsprozess des Dom-Römer-Areals, so wird sehr deutlich, dass es offenbar ein Bedürfnis in unserer Gesellschaft gibt, städtischen Raum, den öffentlichen Raum unserer Straßen und Plätze, zu gestalten. Oder wie ist es zu verstehen, dass die städtische Politik ein technisches Rathaus, kaum 40 Jahre alt, für viele Millionen abreißen lässt, ohne dafür aus dem Römer gejagt zu werden? ...

Unsere Gesellschaft liebt, das wird im neuen Altstadtquartier deutlich, den städtischen öffentlichen Raum der europäischen Stadt, mit großer Einwohnerdichte und sozialer und funktionaler Mischung, wie wir sie beispielsweise in Stadtteilen wie Bornheim oder Bockenheim finden, nur dass er hier im Dom-Römer Quartier etwas teurer war. Den Aufwand aber, den die Stadt Frankfurt mit dem Projekt hatte, ist vor allem der Geschichte dieses historischen Ortes geschuldet. Es sind die aufwendigen Rekonstruktionen des Fachwerks und der Steinmetzarbeiten, die der Erinnerung an das Herz der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main geschuldet sind. Der städtisch-öffentliche Raum der europäischen Stadt benötigt weit weniger Aufwand.

Warum also planen wir derartige Stadtquartiere nicht? Die vielen Bürgerbeteiligungen, die einer jeden Neubebauung vorangehen, sind nicht in erster Linie Zeichen eines besonderen demokratischen Engagements unserer Gesellschaft, sondern vor allem Ausdruck einer tiefen Unzufriedenheit mit dem, was wir an öffentlichen Räumen realisieren. Die moderne Stadt unserer Zeit hat keine von Häusern eingefassten Platz- und Straßenräume, in denen sich der Bewohner wohlfühlen würde. (Beifall) ...

Die Gentrifizierung und damit die Verdrängung der angestammten Bevölkerung, der wir versuchen, mit dem Instrument des Mietpreisstopps zu begegnen, findet selten in den Platensiedlungen Deutschlands statt, sondern nur dort, wo es in öffentliche Räume gefassten städtischen Raum gibt. Den städtischen Raum der kurzen Wege, der funktionalen und sozialen Mischung, den öffentlichen Raum also, den die Politik in Deutschland uns Planern und Architekten offenbar vorbehaltslos überlässt, den wir aber nicht mehr planen aus Unwissen und weil wir offenbar nicht verstehen, dass der öffentliche Raum das kommunale Wohnzimmer unserer Städte und Gemeinden ist. Hier wird gelebt, gefeiert und demonstriert. Wenn eine Mannschaft wie Eintracht Frankfurt Bayern München im DFB-Pokal besiegt, so wird sie auf dem Römerberg und nicht auf dem Riedberg empfangen. (Beifall)

Wir müssen uns darüber klar werden, dass der öffentliche Raum der europäischen Stadt, jene Straßen- und Platzräume den Sozialraum unserer demokratischen Gesellschaft bilden.

Wie wenig uns dies bewusst ist, wird in der Tatsache deutlich, dass das Bauministerium in Berlin eines der letzten übrig gebliebenen Ministerien ist, das nach einer jeden Bundestagswahl vergeben wird. 1998 wurde dieses Ministerium dem Verkehr und 2013 dem Bundesministerium für Umwelt angegliedert, um nicht zu sagen: untergeordnet. In der letzten Legislaturperiode nannte man dieses gesetzgebende, sich mit städtischen Räumen befassende Bauministerium „Bundesministerium für Umwelt Naturschutz Bau und Reaktorsicherheit“, um es jetzt dem Innenministerium anzugliedern. (Gelächter im Publikum) ...

All jenen Architekten aber, die sich noch immer im Gestern der Moderne bewegen und sich jeder Weiterentwicklung von Architektur und Städtebau verwehren, weil sie das Denken mit der Diplomprüfung eingestellt haben, möchte ich ein Zitat von Adolf Loos von 1908 vorlesen:

„Das Haus hat allen zu gefallen. Zum Unterschiede zum Kunstwerk, das niemandem zu gefallen hat. Das Kunstwerk ist eine Privatangelegenheit des Künstlers. Das Haus ist es nicht. Das Kunstwerk wird in die Welt gesetzt, ohne dass ein Bedürfnis vorhanden wäre. Das Haus deckt ein Bedürfnis. Das Kunstwerk ist niemandem verantwortlich, das Haus einem jeden. Das Kunstwerk will die Menschen aus ihrer Bequemlichkeit reißen. Das Haus hat der Bequemlichkeit zu dienen. Das Kunstwerk ist revolutionär, das Haus konservativ. Das Kunstwerk weist der Menschheit neue Wege und denkt an die Zukunft. Das Haus denkt an die Gegenwart. Der Mensch liebt alles, was seiner Bequemlichkeit dient. Er hasst alles, was ihn aus seiner gewonnenen und gesicherten Position reißen will und belästigt. Und so liebt er das Haus und hasst die Kunst.“ (Beifall)

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