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Jeder Apfel zählt – hier eine Ernte aus dem Hochtaunus.

Apfelernte

Obstbauern fühlen sich veräppelt

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Apfelbaumbesitzer wehren sich gegen Kritik: „Die Kelterer bezahlen zu wenig.“ Possmann macht eine andere Rechnung auf.

Die Antwort ist: null. Keine einzige private Apfellieferung kam bei Possmann an in der Zeit zwischen dem FR-Bericht vom vorigen Samstag und dem letzten Annahmetag am Mittwoch. Dabei hatte die Frankfurter Kelterei eigens darauf hingewiesen, dass der Eingang spärlich sei in diesem Jahr. Viel zu wenig Obst fürs Stöffche.

Kein Wunder, sagen viele, die Apfelbäume besitzen. Ihre Reaktionen erreichten die FR nach den Possmann-Klagen. Sie antworten: Kelterer bezahlen zu wenig Geld für die Äpfel, als dass es lohne, sich dafür abzurackern.

Friedrich Schönborn etwa. Der 79-Jährige kümmert sich mit der Familie um 45 Apfelbäume in Bad Vilbel, er hat die Äpfel gern – und er rechnet genau. „82 Zentner haben wir diesmal geerntet“, berichtet er. „77 Stunden Arbeit waren das.“ Ungefähr 520 Euro gab es dafür von einer Kelterei in der Wetterau. Macht einen Stundenlohn von 6,75 Euro.

„Junge Leute sagen: Bist du bekloppt, ich stell mich doch nicht hin und mach und tu für so wenig Geld!“, das hat Schönborn oft genug erlebt. „Wenn der Herr Possmann sich wundert, dass nichts reinkommt, kann ich ihm sagen: Es liegt am Preis.“

Schoppenverhältnis leidet

Früher, sagt der Hobby-Obstbauer, kostete beim Schankwirt der Schoppen Apfelwein 35 Pfennig, und der Zentner Äpfel brachte beim Kelterer fünf Mark. „Damals konnte man also für den Ertrag eines Zentners 14 Schoppen trinken.“ Das Verhältnis wandelte sich im Lauf der Zeit, wie so vieles auf der Welt. Heute gibt’s sechs Euro für den Zentner, und der Schoppen kostet zwei. „Macht drei Schoppen statt 14. Merken Sie was?“ Wenn der Keltereiverband betont, in Hessen werde am meisten für Äpfel bezahlt, sagt Schönborn: „Dann ist am meisten zu wenig!“ Resultat sei nicht mal guter Apfelwein, schon gar kein regionaler, der werde nämlich oft gestreckt mit zugekauftem Saft.

Noch härter geht ein FR-Leser mit den großen Apfelweinherstellern ins Gericht, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen will. „In meinem Bekannten- und Freundeskreis wird seit Jahren nur Selbstgekelterter aus handverlesenem Hochstammobst getrunken“, mailt er. „Für Possmann & Co sind wir als Kunden verloren und unsere Äppel kriegen die auch nicht!“ Statt 1000 hart erarbeitete Kilo Äpfel für höchstens 130 Euro zu verkaufen und gratis zu liefern, machten sie lieber eigenen Apfelwein. „Jeden einzelnen Appel haben wir selbst in der Hand gehalten. Das Gejammer der Industrie ist nur lächerlich!“ Peter Possmann sagt dazu, seine Kelterei, Hessens größte Apfelverarbeiterin, habe den Doppelzentnerpreis bereits von acht auf zwölf Euro erhöht und wolle den Produktpreis für die Verbraucher stabil halten. Menschen übten so viele kostspielige Hobbys aus, vergleicht er. Dass es ausgerechnet bei der Apfelernte, die ein Zubrot für die Bewegung draußen bringe und etwas wirklich Nachhaltiges sei, so sehr um den wirtschaftlichen Aspekt gehen solle, „ist doch unverständlich“.

„Mir tut es leid, wenn die Äpfel verfaulen“, sagt Friedrich Schönborn, deshalb bringe er sie in die Kelterei, nach all der Plackerei. „Was meinen Sie, wie wir schwitzen, wenn wir 82 Zentner von den Bäumen schütteln. Das ist ja auch anstrengend“, schildert der 79-Jährige. Zwei Zentner behalte er aber selbst. Zum Essen. Und zum Verschenken.

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