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Hier wird nicht geschreddert: Silas Müller und Christoph Graul haben Platz für Bruderhähne.

Statt Kükenschreddern

Solidarisch mit Bruderhähnen

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Die Kooperative-Landwirte haben jetzt ein Hühnermobil – und viel Spaß im Gewächshaus.

Zwei sind abgehauen. Jetzt sitzen sie außerhalb des Zauns und gucken rein zu den anderen achtundzwanzig. „Die haben wir bisher nicht einfangen können“, sagt Silas Müller. Aber ganz weg wollen sie auch nicht. Bleiben bei der Herde und schauen genauso dumm aus den Federn wie der Rest. „Eins ist sicher“, sagt Christoph Graul. „Einen Nobelpreis werden sie nicht bekommen.“

Aber klug müssen Hähne ja auch nicht sein. Es reicht schon, wenn sie Atmosphäre verbreiten. Und das tun sie. Wann hat man so etwas je gesehen, 30 Hähne auf einer Wiese in einem riesigen Gewächshaus?

Wir sind wieder bei der Kooperative, jener jungen Genossenschaft, die gesunde Lebensmittel anbaut und deren Mitglieder sich regelmäßig ihre Ernteanteile abholen: Gemüse, Obst, Honig, Brot, Saft und Eier – neuerdings auch im eigenen Betrieb produzierte Eier, denn es gibt jetzt ein Hühnermobil, das die Gründer Müller und Graul angeschafft haben. Das steht draußen vor dem Eingang zum großen Gelände am Bärengarten in Oberrad, mit 219 Hühnern und vier Hähnen. Und drinnen, im Gewächshaus: 30 sogenannte Bruderhähne.

Statt Kükenschreddern: In Oberrad dürfen Hähne leben

„Die männlichen Küken werden üblicherweise in der industriellen Eierproduktion gleich geschreddert“, sagt Graul. Tierschützer laufen Sturm dagegen. Bei der Kooperative läuft das natürlich anders. Die nimmt die Bruderhähne bei sich auf und verschafft ihnen ein angenehmes Leben mit genug Platz und genug Beschäftigung. Erst mal 30, um zu gucken, ob es funktioniert. Und wenn es funktioniert, dann dürfen künftig sämtliche Brüder der Hennen in Oberrad wohnen.

Und? Funktioniert’s? Oh ja. „Es ist jetzt so viel Leben in der Hütte“, schwärmen die Männer, „als wären es Mitglieder im Team. Wir haben richtig Bock auf die Hähne, mehr Spaß bei der Arbeit, die kommen morgens und gucken dich an – das sind ansteckende Emotionen.“ Aber die beiden ausgebüxten Brüder müssen jetzt wirklich mal wieder rein. Müller und Graul nähern sich, ein Hahn flattert gegen den (abgeschalteten) Elektrozaun, dann hebt Graul den Zaun an, schwupp, ist der Vogel reingehuscht. Dann der zweite: Nach geschicktem Anschleichen greift Silas Müller zu. Erwischt. Alle wieder vereint.

Natürlich nicht für immer. Üblicherweise sind Hähne nach 16 bis 18 Wochen schlachtreif. In Oberrad haben sie mehr Zeit. „Wir teilen das Futter ein, damit sie nicht so schnell wachsen und Fett ansetzen.“ Aber irgendwann landen sie dann doch beim Schlachter. Anders geht’s nicht, sagt Graul, der Betrieb müsse wirtschaftlich arbeiten, im Herbst kommt der nächste Schwung, der braucht wieder Platz.

Einer der Hähne, der mit den meisten braunen Farbtupfen im Gefieder, heißt D’Artagnan. „Weil der der Schönste ist“, feixen die Genossen. „Und weil er von den anderen dauernd auf die Schnauze kriegt.“ Die ganze Baggage gehört der Hühnerrasse Coffee & Cream an, sieht auch so aus und ist enorm nützlich zum Düngen der Böden und zum Vertilgen der Würmer, die sonst den Salat fressen. Die Eierpreise für Mitglieder (3,60 Euro pro Woche für sechs Stück, 14,40 Euro im Monat) ändern sich durch das eigene Hühnermobil nicht. „Die waren so kalkuliert, dass sie ideal sind.“

Die Szenerie ist so friedlich, dass man geneigt ist, den kompletten Nachmittag im Bärengarten zu verbringen und den lustigen Hähnen beim Herumtollen und Chillen zuzusehen. Eine Frau kommt herein. „Ich habe meinen Ernteanteil abgeholt“, sagt sie, „jetzt will ich doch mal nach den Hähnen sehen.“ Graul und Müller strahlen. Genau so haben sie es in ihrem Konzept für die Kooperative gewollt. Gemeinsam säen, gemeinsam ernten, jederzeit schauen, was läuft, partizipieren, so geht solidarische Landwirtschaft. Und jetzt den Elektrozaun wieder einschalten – der einzige, der nicht eingeladen ist, ist der Fuchs. Der soll sich mal schön die Nase verbrutzeln.

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