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Die Pfarrerin im Inneren der Erlöserkirche in Oberrad.

Porträt der Woche

Pfarrerin Hoffmann will in Oberrad Mut machen zur Veränderung

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Pfarrerin Christiane Hoffmann predigt am Sonntag in der Erlöserkirche in Oberrad über Adornos berühmten Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. 

Niemand ist auf den Straßen unterwegs in der Hitze des Nachmittags. Oberrad liegt scheinbar verlassen. Das Innere der Erlöserkirche empfängt den Besucher mit angenehmer Kühle. Durch das Oberlicht fällt Sonne in den halbrunden Altarraum, kein Laut ist zu hören außer unseren Schritten. Christiane Hoffmann erscheint im knöchellangen blauen Kleid, mit Sandalen.

Ein Jubiläum rückt heran. Im Oktober 1989 hatte die junge Vikarin an einer Gemeinde in Klein-Gerau mit ihrer kirchlichen Arbeit begonnen. Früh war sie Mitglied einer evangelikalen Gruppe gewesen, hatte sich gelöst, dann Sonderpädagogik studiert. „Aber es tauchten immer mehr Fragen auf und ich entschied mich, meinen Fragen zu folgen.“

Das könnte als ihr Motto, ihre Triebfeder gelten bis heute. Am Sonntag, 4. August, wird sie von 10 Uhr an in der Kirche einen Gottesdienst organisieren, mit anderen Gemeindemitgliedern gemeinsam – im Mittelpunkt steht ein berühmter Satz des Philosophen Theodor W. Adorno. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, aus den „Minima moralia“, einer Sammlung von Aphorismen und Essays, geschrieben im US-amerikanischen Exil in den Jahren 1944-1947. Es geht um die Bedingungen des Menschseins im Kapitalismus, aber auch unter der Herrschaft des Faschismus. Adorno hatte als Kind und Jugendlicher in Oberrad gelebt, war 1934 nach Oxford gegangen, aber bis 1937 immer wieder in das Haus seiner Eltern, Seeheimer Straße 19 in Oberrad, zurückgekehrt. Als Christiane Hoffmann in der FR über diese Verbindung Adornos zu Oberrad las, entstand die Idee des Gottesdienstes zum 50. Todestag des Wissenschaftlers, der am 6. August 1969 mit nur 66 Jahren gestorben war.

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“: Das war ein Leitsatz auch für die Revolte der 68er. Die Pfarrerin ist mit 62 Jahren zu jung, um dieser Generation anzugehören. Aber es gab Prägungen. Drei Semester studierte sie in Zürich in den Jahren 1980 bis 1982, der Zeit der dortigen Protestbewegung. 1983 war sie mit dabei, als die Friedensbewegung das US-Hauptquartier in Heidelberg „mit Posaunenchören umzingelte“.

Und dann kam der Evangelische Kirchentag 1987 in Frankfurt am Main. „Seht, welch ein Mensch!“, hieß das Motto. Das lokale Vorbereitungsteam hatte eine Postkartenserie in Auftrag gegeben – mit Fotos aus Frankfurt, Bibelworten und Zitaten. Es gab auch eine Karte mit dem Satz Adornos. Doch siehe da: „Sie durfte nicht ausgegeben werden.“ Die Kirchenleitung verbot es. Plötzlich verfügten die jungen Leute im Vorbereitungsteam über „stapelweise Postkarten“.

Der Gottesdienst in der Erlöserkirche im Frankfurter Stadtteil Oberrad, Nonnenpfad 54, beginnt am Sonntag, 4. August, um 10 Uhr.

Er steht unter dem Motto „Das Richtige im Falschen?“

Es werden im Gottesdienst Informationen über das Leben des Philosophen

Theodor W. Adorno vermittelt, der in Kindheit und Jugend in Oberrad lebte.

Es gibt Texte aus seinem Werk und über sein Leben zu hören. jg

Für Christiane Hoffmann blieb das ein prägendes Erlebnis. Sie fragte sich schon damals: „Bin ich auf der richtigen Seite?“

Aber wenn die Pfarrerin heute den Satz Adornos in ihrer Predigt aufgreift, geht es um mehr. Es geht um eine Kirche im dramatischen Wandel. Gerade sind wieder Zahlen bekanntgeworden. In Scharen verlassen die Gläubigen die evangelische Kirche (und die katholische auch). Für Hoffmann Alltag. „Es ist bitter, die Zahlen zu lesen“, sagt sie leise. Als Pfarrerin wird sie über jeden Austritt informiert. „Es ist frustrierend, bestimmte Namen zu sehen.“ 2300 Mitglieder zählt die Erlösergemeinde noch. Was ist zu tun?

„Wir können Lust machen, Hoffnung machen“. Immer neue Formen hat sie entwickelt, um Menschen noch für Kirche zu interessieren, an Kirche zu binden. Gerade gab es das dritte Gemeinde-Musical. Diesmal zum Thema „Passion“. Vorherige Themen waren „Luther“ und „Arche Noah“.

Jetzt scheint die Hitze von draußen auch in das kühle Kircheninnere vorzudringen. Der Architekt Alfred Schild hatte in den 50er Jahren den Entwurf für den Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Erlöserkirche geliefert. Er schuf ein Bauwerk der Moderne. Schmucklos, klar und dadurch eindrücklich.

Wir sprechen über die Bedeutung von Adornos Satz heute: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Die Pfarrerin interpretiert ihn eindeutig. „Für mich ist das ein Auftrag zur Veränderung, eine Ermutigung, sein Leben zu ändern.“ Gerade in Zeiten einer schrumpfenden Kirche, eines wachsenden Rechtspopulismus könne Adorno „Mut machen“. Seine Botschaft: „Ich kann scheitern, aber ich muss es versuchen.“ Gerade in Oberrad sind die Menschen hin- und hergerissen. Sie leiden unter dem Lärm, unter den Schadstoffen des Flugverkehrs. „Aber es gibt auch Leute, die am Flughafen arbeiten“, sagt die Pfarrerin.

Für Christiane Hoffmann heißt es bald, Abschied zu nehmen von der Erlösergemeinde. Anfang nächsten Jahres will sie in Ruhestand gehen. Dann beginnt ein neuer Abschnitt. Doch den Fragen in sich wird sie immer noch nachspüren.

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