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Die Urban Farmer der Kooperative Silas Müller (links) und Christoph Graul arbeiten bis zu 90 Stunden die Woche.

Landwirte

„Kooperative“ in Oberrad übernimmt den Bärengarten

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Ein Jahr nach der Gründung gehen die solidarischen Landwirte in Oberrad den nächsten Schritt. Der Biobetrieb wechselt den Inhaber.

Es klingt beinahe, als bellte ein Hund. Aber das ist es nicht. Das Geräusch kommt von ganz hinten, von der entlegenen Seite des Gewächshauses. Es ist das Ventil, mit dem Christoph Graul die Beregnungsanlage aufdreht. Sanfter Sprühnebel legt sich über junge Spinatpflänzchen, Feldsalat und Radieschen im Bärengarten. Die Installation, das Rohrgeflecht unterm gläsernen Giebel, ist nicht mehr die Neueste. Aber sie hat wieder eine Zukunft vor sich. Sie gehört jetzt zu den solidarischen Landwirten der „Kooperative“.

Zum 1. März übernimmt die Genossenschaft offiziell das Oberräder Gelände mit der Adresse Im Bärengarten 5 vom Verein Frankfurter Beschäftigungsbetrieb (FBB). Die integrative Gärtnerei mit Hofladen hatte im vorigen Jahr aus wirtschaftlichen Gründen schließen müssen. Was für die einen traurig war und besonders die gehandicapten Mitarbeiterinnen hart traf, ist für die Kooperative ein Glücksfall.

„Für uns ist es der Wahnsinn“, sagt Christoph Graul, 35, einer der beiden Gründer des Urban-Farming-Projekts: „Es ist, wie zum ersten Mal anzukommen und eine wirkliche Betriebsgrundlage zu haben.“ – „Endlich haben wir einen Ort in der Stadt, nur eine Fahrraddistanz entfernt von den Mitgliedern“, sagt Silas Müller, 32, der zweite im Bunde: „Davon hatten wir gar nicht zu träumen gewagt.“

Dabei begann das Abenteuer nur einen Steinwurf entfernt, hier in Oberrad. Vor fast genau einem Jahr startete das nach Frankfurt zugezogene Duo sein Unternehmen, gute Lebensmittel für möglichst viele Menschen gemeinsam mit Kooperationspartnern zu produzieren und zu den Verbrauchern zu bringen: alles bio, alles möglichst ressourcenschonend und klimafreundlich. Gründungskapital waren einige Hektar Ackerland – in Oberrad.

Die weitere Entwicklung verlief rasant. Schon im Juni übernahmen die beiden Gärtner den Demeter-Quellenhof in Steinbach, inzwischen hat das Projekt 250 Mitglieder, die regelmäßig ihren Ernteanteil aus mittlerweile 17 Depots überall in der Stadt abholen; viele weitere sollen noch folgen. Es gibt Obst und Gemüse, Eier, Honig, Brot und Saft, im Mai vielleicht sogar selbstgebrautes Bier. Und der Apfelwein, den die zwei Unternehmer probeweise in kleiner Menge gekeltert haben: Alle Achtung, der schmeckt – auf Anhieb, nach dem ersten Versuch. „Glück“, sagt Graul. Andererseits: Er selbst stammt aus einer Winzerfamilie, Silas Müller ist gelernter Brauer und sagt: „Wir wissen schon was über Alkoholgärung.“

Ein Hektar Freifläche und rund 3500 Quadratmeter unter Glasdächern hat die Kooperative nun mit dem Bärengarten hinzugewonnen, sämtliche Traktoren Fräsen, Mulcher, Schmalspurschlepper, Spatenmaschinen übernommen. Dazu Häuser, in denen sie jetzt das Versorgungskonzept weiterentwickeln können; Gebäude, in denen sie dereinst auch Lastenräder und Elektrofahrzeuge unterbringen wollen und weitere Mitarbeiter, über bisher zwei 450-Euro-Kräfte und einen angestellten Gärtner hinaus. Aber das Wichtigste ist: die Nähe zu den Genossenschaftsmitgliedern. „Einmalig“, sagt Graul. „Hier wird die Transparenz auf die Spitze getrieben: Produzieren mitten im Naherholungsgebiet.“

Es gab durchaus andere Bewerber für das Bärengarten-Areal. Doch örtliche Politiker und die Umweltbehörden setzten sich für die Kooperative ein, die nun einen Pachtvertrag mit der Stadt erhält und das Anlagevermögen aus dem Genossenschaftskapital finanziert.

Dass ihre Genossenschaft so schnell floriert, damit hatten die zwei Bartträger gar nicht unbedingt gerechnet. Eine ausgeklügelte Marketingstrategie? Fehlanzeige. Soziale Netzwerke? Ausbaufähig. Obwohl – ein Facebook-Projekt funktionierte wie geplant: das Crowdfunding fürs Hühnermobil. Resultat: Ende März siedeln 220 Hühner aus dem Bestand der Gesellschaft Ökologische Tierzucht (ÖTZ) von Rheda-Wiedenbrück nach Oberrad um. Und 220 Bruderhähne, also männliche Tiere, die in der industriellen Produktion immer noch massenhaft als Küken geschreddert werden. Das war ihnen wichtig. „Es wird eine spannende Zeit“, sagt Graul. „Was macht der Fuchs? Hilft der Elektrozaun? Brauchen wir eine Ziege zur Abwehr von Greifvögeln? Einen Hütehund?“

20 bis 40 neue Mitglieder kommen jeden Monat hinzu, sagt Müller – „ohne große Werbung, nur durch Mundpropaganda“. Der Idealfall sei eingetreten, sagen beide, die Idee sei durch verschiedene Kanäle zu den Leuten durchgedrungen, und nun eilen sie herbei. „Wir wollen einfach nur eine Geschichte erzählen, die wahr ist“, sagt Graul. „Und zeigen. Den Leuten zeigen, was wir machen.“ Am besten: sie beteiligen. Das ist der nächste Schritt.

Im Winter machten Müller und Graul mit 60 Personen Sauerkraut, solche Gelegenheiten sollen viel zahlreicher werden: „Wir wollen es so organisieren, dass viele diverse Menschen hier Spaß und Akzeptanz finden.“ Mitmachen, Verantwortung übernehmen. „Dass die Leute es wirklich selbst erleben“, sagt Graul, „das ist das Herz der Kooperative.“

„Oder die Seele“, sagt Müller, „das Blut läuft ja, jetzt wollen wir alles mit Seele erfüllen.“ Beide lachen. Jedenfalls lebt es offenbar. Und lässt den Gründern genug Freude an der Sache, trotz 10 bis 16 Stunden Arbeit am Tag, sechs Tage die Woche.

Gesucht werden noch Kooperationspartner für Obst und Gemüse, Biobetriebe aus Frankfurt und Umgebung. Nicht Lieferanten, sondern Partner für eine langfristige Zusammenarbeit. Es geht auch darum, den Bauern Verlässlichkeit zu geben, selbst wenn das Klima die die Ernte mal dünner ausfallen lässt.

Informationen: www.diekooperative.de

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