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Der Blick vom neuen Goetheturm ist atemberaubend, und das nicht nur wegen der vielen Stufen.
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Der Blick vom neuen Goetheturm ist atemberaubend, und das nicht nur wegen der vielen Stufen.

Goethe-Turm

Kindheitserinnerungen erweckt

  • Clemens Dörrenberg
    vonClemens Dörrenberg
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Bei mäßig heiterem Wetter hält sich der Besucherstrom am Goetheturm am Samstag in Grenzen.

Als der Regen nachgelassen hat und die Schlange am Goetheturm immer länger wird, sind Anne und Manfred Schratz schon längst wieder unten. Um die Mittagszeit hat das Paar aus Maintal-Bischofsheim am Samstag die Gunst der Stunde genutzt und ist die 197 Stufen des wieder aufgebauten Frankfurter Wahrzeichens hinaufgestiegen.

„Gott sei Dank ist er wie früher“, sagt Frau Schratz und kämpft mit den Tränen, als sie an den Brand vor dreieinhalb Jahren denkt, der den 1931 erbauten Holzturm vollständig zerstörte. „Jetzt kommt das wieder hoch“, sagt die 72-Jährige mit schwacher Stimme. Die gebürtige Gallusianerin erzählt, dass sie von ihrer Mutter schon im Kinderwagen auf den Sachsenhäuser Berg geschoben worden sei. „Mit der Straßenbahn ging es durch ganz Frankfurt und später als größeres Kind musste man dann selbst laufen“, ergänzt Schratz. „Ich gehöre zur Masse, die immer noch fasziniert ist, und ich bin heilfroh, dass sie ihn wieder aufgebaut haben.“

Ihr Mann, der auch im Gallus groß geworden ist, berichtet, dass sie „auf gut Glück“ vorbeigekommen seien. „Ich hatte auch nicht gedacht, dass es so schnell geht“, sagt er. Fünf Minuten hätten sie gewartet, bis sie vom Sicherheitsdienst nach oben gelassen worden seien. „Die Sicht war nicht so schön und ist mit blauem Himmel und Sonne natürlich schöner“, sagt der 70-Jährige. Doch der Aufstieg habe sich gelohnt. Nun will das Paar, wie einst Frau Schratz als Kind mit ihrer Mutter, noch zum Maunzenweiher spazieren.

Der Turm

Für eine möglichst originalgetreue Konstruktion hatten sich bei einer Umfrage der Stadt 78 Prozent der Teilnehmenden ausgesprochen. Der Turm ist daher wie vorher exakt 43,3 Meter hoch und hat 197 Stufen. Der Turm ist jetzt durch einen Zaun gesichert und wird außerhalb der Öffnungszeiten durch Kameras überwacht. Ein Netz aus Edelstahl schützt vor Abstürzen.

Beim Holz mussten Abstriche gemacht werden. Der Vorgänger bestand aus Nadel- und Eichenholz aus dem Stadtwald und war mit giftigem Teeröl imprägniert, was nicht mehr erlaubt ist. Beim Neubau sind die Hauptstützen aus Edelkastanie, Stufen und Beläge wieder aus Eichenholz. Treppen und Podeste sind mit einer Stahlunterkonstruktion versehen, was einen Austausch von Bauteilen ohne Einrüsten möglich machen soll.

Die Kosten für den neuen Goetheturm belaufen sich auf 2 677 750 Euro inklusive der 200 000 Euro für die Außenanlage. Davon soll die Versicherung 1 877 530 Euro übernehmen, 221 500 Euro kamen laut Grünflächenamt an Spendengeldern zusammen. ote

Sicherheitsmitarbeiterin Sharin Cetinkaya verrät in der Zwischenzeit, dass morgens zwischen 9 und 10 Uhr ein guter Zeitraum zur Besteigung sei. „Da laufen sonst nur Jogger hoch“, sagt die 24-Jährige, die mit ihrem Kollegen seit der Eröffnung am 1. April Wache schiebt und berichtet, dass an den Osterfeiertagen sowie am vergangenen Dienstag „das Fünffache“ an Besucher:innen Schlange gestanden habe. Bis zu den Pollern am Wendelsweg hätten sie teilweise gewartet. Weil sich Schrauben nach dem Winter und den ersten Begehungen gelockert hatten, war der Turm von Mittwoch bis Freitag für Wartungsarbeiten gesperrt. Nach Bedenken des Gesundheitsamts wurde letztlich entschieden: Lediglich an Sams- und Sonntagen zwischen 8 und 20 Uhr soll der Turm geöffnet sein. Genauer bis kurz davor: „Um 20 Uhr ist der Alarm scharf“, sagt Cetinkaya.

Nur acht Personen, die Mund-Nasen-Schutz tragen müssen, darf das Sicherheitspersonal gleichzeitig rauf lassen. Von der Maskenpflicht ausgenommen sind Kinder unter 14 Jahren. Davon profitieren an diesem Tag die Geschwister Hugo (8) und Lilo (6). Mit Cousine Jette (15) und Cousin Justus (12), die aus Koblenz zu Besuch sind, steigen die beiden hinauf, während Mutter und Tante unten warten und winken. „Ich finde es einfach schön, dass er wieder aufgebaut ist, nachdem er abgefackelt wurde“, bringt das Nesthäkchen, das sich unbedingt äußern möchte, die Stimmungslage des Quartetts auf den Punkt. Und dann diese Warterei, bis er endlich wieder stand: „Schlimm“, „blöd“.

Oben auf der Plattform in 43,3 Metern Höhe angekommen, sagt Justus trocken: „Schon cool“. Seine Schwester ist etwas auskunftsfreudiger, während sie den Blick Richtung Skyline schweifen lässt. Sie sagt: „Diese Sicht hat man nirgendwo anders“. Wobei sie eingesteht, dass die jungen Leute von ihren Müttern erst zum Frühjahrsspaziergang genötigt werden mussten. Dabei hätten sie so schöne Erinnerungen an Ausflüge mit Oma und Opa, auch an den Spielpark unten mit seinem Labyrinth. Hugo, der den Aufstieg „anstrengend“ fand und „ein bisschen Höhenangst“ habe, schwärmt: „Man kann ganz Frankfurt sehen“.

„Atemberaubend“, findet Felix Zintel den Ausblick. Mit etwas Zögern verrät der Frankfurter aus der Römerstadt, zum ersten Mal auf dem Turm zu sein. „Aus Langeweile“ seien er und seine Freundin Lena Magel vorbeigekommen. Die 20-jährige Offenbacherin beschreibt ihre Gefühlslage mit „Atemnot“. Sie habe zwar schöne Kindheitserinnerungen an Besuche mit den Eltern. Gerade überwiege jedoch die Furcht vor der Höhe. „Aus Liebe“ sei sie ihrem Partner auf den Turm gefolgt.

Von Liebe kann auch Christel Schmidt berichten, die unten mit einem Becher Kaffee auf ihrem Rollator sitzt. „Ich verbinde mein halbes Leben damit“, sagt die 85-Jährige und blickt den Turm hinauf. Ihr erstes „Rendezvous“ habe sie im benachbarten Café gehabt, berichtet Schmidt. Im Teenageralter habe sie sich mit ihrer Clique und ihren Vespa-Rollern am Turm getroffen. Als ein Mann fragt, ob sie auch in der Schlange warte, winkt sie ab und lacht. Aus gesundheitlichen Gründen sei es nicht mehr möglich, so viele Treppenstufen zu steigen. „Jetzt kann ich nicht mehr hoch und muss mich damit abfinden“, sagt Schmidt. Die Runde mit ihrem Rollator von der Offenbacher Stadtgrenze zum Goetheturm und zurück schreite sie jedoch regelmäßig ab, sagt sie, stützt sich auf ihre Gehhilfe und spaziert davon.

Bei Höhenangst können einem die Knie schlottern.
Erst in der Schlange stehen und adann geht es nach oben. Bis dahin gibt es halt Vorfreude.
Nicht nur für junge Menschen ein Genuss: der Ausblick vom Turm.

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