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Obdachlosigkeit: „Wir sehen, dass die Leute sehr erschöpft sind“

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Von: Steven Micksch

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Eine warme Suppe in der Avetorstubb, das wissen viele Menschen zu schätzen.
Eine warme Suppe in der Avetorstubb, das wissen viele Menschen zu schätzen. Christoph Boeckheler (4) © Christoph Boeckheler

Christine Heinrichs vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten über obdachlose Menschen in kalten Nächten und Veränderungen durch Corona.

Frau Heinrichs, wie hoch ist die aktuelle Auslastung in den Übernachtungsstätten, insbesondere der B-Ebene am Eschenheimer Tor?

Wir haben noch freie Kapazitäten. In der Nacht auf den 1. Dezember hatten wir 147 Personen am Eschenheimer Tor. Das bedeutet, dass wir mindestens noch 50 freie Plätze haben. Bei der Caritas haben 15 Männer übernachtet und bei der Diakonie eine Frau. Im Freien wurden 142 Personen angetroffen. In der Regel schlafen 40 Prozent im Freien und 60 Prozent in den Einrichtungen.

Ist die Zahl der obdachlosen Menschen gleichbleibend?

Sie ist in der Regel konstant. Die große Anzahl der Personen, die so eine komplexe Problematik mitbringen, die letztlich zur Obdachlosigkeit führt, ist konstant und entwickelt sich auch nicht sprunghaft. Wir haben aber momentan während des Weihnachtsmarktes einen Zuzug. Das sind mindestens nochmals 100 Personen mehr. Gerade bei den Männern haben wir Teilgruppen, die von außerhalb Deutschlands nach Frankfurt kommen, um hier zu arbeiten. Ohne Sprachkenntnisse und einen generell nicht leichten Zugang zum Arbeitsmarkt finden sie keine Anstellung und geraten in erhebliche Schwierigkeiten.

Wie verändert sich die Situation in Frankfurt in kalten Nächten?

Es gibt einen harten Kern, der immer draußen bleibt. Das sind Menschen, die extrem stark beeinträchtigt sind und in der Regel eine psychiatrische Erkrankung haben. Auf diese Menschen haben alle sozialen Träger, die Ordnungsbehörden und auch viele Bürger ein besonderes Augenmerk. Ein anderer Ort oder anderes System ist für sie in ihrer derzeitigen Situation nicht möglich. Bei anderen sehen wir schon, dass je kälter es ist, desto eher suchen sie eine niedrigschwellige Einrichtung auf. Wir haben vier verschiedene Hilfebedarfsgruppen, die wir unterscheiden, da die einzelnen bei Kälte unterschiedliche Bedarfe haben.

Welche Bedarfsgruppen sind das?

Zunächst die Personen, die in Gruppen unterwegs sind. Sie haben den niedrigsten Bedarf und passen auf sich gegenseitig auf. Dann haben wir Personen mit einem hohen Hilfebedarf, Personen mit einem sehr hohen Hilfebedarf und abschließend vital gefährdete Personen. Für die beiden letztgenannten müssen wir im Winter besonders sorgen.

Ein wichtiger Baustein ist der Kältebus Ihres Vereins. Seit wann ist dieser wieder im Einsatz?

Wir hatten dieses Jahr bereits im September eine sehr kühle Situation, deshalb sind wir da schon gestartet. Normalerweise wäre der 15. Oktober der Starttermin. Ganz weg sind wir aber nie. Auch im Sommer sind wir mindestens ein Mal im Monat draußen, um den Kontakt zu den Menschen zu halten und das Vertrauen aufrechtzuerhalten.

Wie, würden Sie sagen, geht es den obdachlosen Menschen zurzeit, also nach den langen Corona-Jahren?

Wir sehen, dass die Leute sehr erschöpft sind. Die Aufnahme in der B-Ebene beginnt in diesem Jahr bereits um 21 Uhr, und die Leute legen sich eigentlich sofort hin und wollen schlafen. Auffällig ist auch, dass eine größere Anzahl an Menschen im Vergleich zu den Vorjahren nach der Übernachtung noch das Wintercafé am Eschenheimer Tor nutzt.

Und wie ging es den Menschen während der Zeit der Lockdowns?

Das war unterschiedlich. Es gab jene Personen, für die es besonders belastend war, weil gar nichts mehr los und es sehr still war. Für andere war es entlastend, weil es weniger Störgeräusche gab. Bemerkt haben wir, dass sich die Leute noch mehr zurückgezogen haben und noch mehr in sich gekehrt sind. Corona-Infektionen gab es nur sehr, sehr selten.

Wie ging es den Menschen mit den verordneten Beschränkungen?

Die Anforderungen waren schon an sich ein Problem. Für jemanden, der so beeinträchtigt ist, ist jede zusätzliche Anforderung eine zu viel. In den Einrichtungen gab es zwar immer Masken, aber dann auch dieses Gefühl auszuhalten, dieses Stück Stoff im Gesicht zu haben und es dort zu lassen, war für viele Leute schwierig. Es war eine hohe Herausforderung, auch für die Mitarbeiter.

Ist das Konzept „Housing First“ eine gute Möglichkeit, um der Obdachlosigkeit entgegenzuwirken?

Obdachlosigkeit als eine besondere Unterform der Wohnungslosigkeit ist die Auswirkung einer extremen, umfangreichen Problemlage. Darauf gibt es keine einfachen Antworten. Das Konzept „Housing First“ schließt in der Regel die Menschen nicht ein, die massive Problemlagen haben. Das sind aber genau diejenigen, die lange obdachlos sind. Dazu kommt, dass es enorm viel Zeit braucht, Menschen, die lange auf der Straße gelebt haben, so weit zu unterstützen, dass sie in einer eigenen Wohnung leben könnten. Bei vielen sind wir froh, wenn wir sie überhaupt längerfristig in einer Einrichtung behalten können. Das Ganze hilft eher denjenigen Einzelfällen, die weniger belastet sind und die die Kompetenz haben, eine Wohnung auch bewirtschaften zu können. Und das ist ja gut.

Sind obdachlose Frauen eine Zielgruppe, die Sie gesondert im Blick haben müssen?

Auf jeden Fall. Die einzelnen obdachlos lebenden Frauen sind durchweg schwerst psychisch erkrankt und auf der Straße ganz besonderen Risiken ausgesetzt. Weil sie schlechter Hilfen annehmen können, weil sie in der Regel kränker, oft beschädigter und eben allein sind. Sie haben oft andere Strategien, um auf der Straße zu überleben, die es aber noch schwerer machen, an sie heranzukommen und ihnen Hilfen anzubieten.

Interview: Steven Micksch

Franziska Schäfer in der Kleiderkammer der Avetorstubb.
Franziska Schäfer in der Kleiderkammer der Avetorstubb. © Christoph Boeckheler
Christine Heinrichs.
Zur Person © privat
Hier geht es hinein, in die warme Avetorstubb.
Hier geht es hinein, in die warme Avetorstubb. © Christoph Boeckheler

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