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Obdachlosigkeit: Erfroren in Frankfurt

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Von: Oliver Teutsch

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Gedenken an einen Mann, der offenbar auf diesem Supermarktparkplatz im Frankfurter Gallus erfror.
Gedenken an einen Mann, der offenbar auf diesem Supermarktparkplatz im Frankfurter Gallus erfror. © christoph boeckheler

Ein 46-Jähriger liegt stundenlang leblos auf dem Parkplatz eines Supermarkts im Frankfurter Gallus. Sozialdezernentin Voitl ruft dazu auf, besser auf einander aufzupassen.

Erstmals seit vielen Jahren ist in Frankfurt offenbar ein Mensch erfroren. Ein Mitarbeiter der Diakonie hat einen 46-Jährigen bereits am Mittwoch auf dem Parkplatz des Penny-Marktes in der Rebstöcker Straße im Gallus leblos aufgefunden. Die alarmierten Rettungskräfte hätten nur noch den Tod des Obdachlosen feststellen können, teilte die Polizei mit. Sie geht davon aus, dass der Mann erfroren ist. Genaueres soll eine Obduktion ergeben. Frankfurts Sozialdezernentin Elke Voitl (Grüne) reagierte „mit Bestürzung und Trauer“ auf die Nachricht, „dass ein auf der Straße lebender Mensch gestorben ist. Allein auf der Straße vor einem Einkaufsmarkt zu sterben, ist tragisch.“

Erfroren ist der Mann offenbar schon in der Nacht auf Mittwoch, als Minustemperaturen herrschten. Er hätte demnach über mehrere Stunden tot vor dem belebten Supermarkt gelegen, ohne dass sich die Kundschaft oder Beschäftigte des Supermarkts um ihn gekümmert hätten. Angesichts dieser schockierenden Tatsache appelliert Sozialdezernentin Voitl an die Bevölkerung, bei diesen frostigen Temperaturen noch mehr als sonst aufeinander aufzupassen: „Wer einen Menschen auch tagsüber in einer verstecken Ecke oder schlecht ausgestattet im Freien schlafen sieht, sollte unbedingt Hilfe rufen.“ Wenn es Zweifel am Gesundheitszustand oder der Sicherheit eines Menschen gebe, sei es immer besser, Fachleute zu alarmieren, so die Sozialdezernentin, die den eindringlichen Appell anschloss: „Ich bitte Sie, achten Sie im öffentlichen Raum auf Ihre Mitmenschen – lassen Sie uns gemeinsam ein Sicherheitsnetz über Frankfurt spannen“. Die Achtsamkeit der Bürgerinnen und Bürger sei mit die wichtigste Ergänzung zum gut ausgebauten Frankfurter Hilfesystem für obdachlose Menschen.

Neben zahlreichen Unterkünften und aufsuchender Sozialarbeit gibt es speziell in der kalten Jahreszeit den Frankfurter Kältebus, der durch die Stadt fährt. Erstes Ziel des Kältebus-Teams ist es, die Menschen draußen mindestens für die Nacht in einen besser geschützten Ort wie eine Notunterkunft zu bringen. „Wir haben genug Betten; in Frankfurt muss niemand auf der Straße übernachten“, sagte die Stadträtin. Wollen oder können Menschen dieses Angebot nicht annehmen, versorgen die Helferinnen und Helfer sie mit allem, um für die Nacht auf der Straße so geschützt wie möglich zu sein.

Im Falle des 46-Jährigen hat dieses Hilfesystem versagt. Der Mann galt als psychisch beeinträchtigt und war laut Sozialdezernat „nur sehr schwer für Hilfen zu erreichen“. Der aufsuchenden Sozialarbeit war er seit Jahren bekannt. Der Parkplatz des Supermarkts im Gallus soll sein angestammter Schlafplatz gewesen sein. Es ist daher kein Zufall, dass er von einem Sozialarbeiter gefunden wurde. Die Diakonie wollte sich am Donnerstag noch nicht zu dem Vorfall äußern. Am Nachmittag war ein internes Meeting anberaumt, um die genauen Umständen des Todes zu klären, hieß es auf Anfrage der FR.

Auch die städtischen Stellen versuchen, sich ein genaueres Bild von dem Vorfall zu machen. Offenbar gibt es auch bei klirrender Kälte Menschen, die vorziehen, auf einem Parkplatz statt in einer Hilfseinrichtung oder wenigstens der eigens dafür geöffneten Unterführung in der Eschenheimer Anlage zu schlafen. Voitl betonte, die Frankfurter Obdachlosenhilfe könne direkt auf veränderte Bedingungen reagieren. So werde derzeit angesichts des kalten Wetters beispielsweise die Straßensozialarbeit verstärkt, und Mitarbeitende würden mehr Schutzausrüstung ausgeben. Zudem gibt es in diesem Jahr auch erstmals eine Einrichtung speziell für Frauen. „Wir evaluieren unsere Hilfesysteme kontinuierlich. Wenn sich dabei Lücken ergeben, schließen wir diese schnellstmöglich“, sagt Voitl.

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