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Obdachlose in Frankfurt: „Viele sind stiller geworden“

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Von: Steven Micksch

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Elke Voitl ist die Sozialdezernentin der Stadt Frankfurt.
Elke Voitl ist die Sozialdezernentin der Stadt Frankfurt. © Renate Hoyer

Frankfurts Sozialdezernentin Elke Voitl spricht im Interview über die Situation der obdachlosen Menschen in der Stadt und warum nicht jede Hilfeaktion auch sinnvoll ist.

Frau Voitl, wie viele Menschen leben derzeit in Frankfurt auf der Straße?

Es sind ungefähr 400 bis 450 Menschen, die wir zur Gruppe der Obdachlosen zählen. Davon leben 150 bis 200 dauerhaft auf der Straße. Und davon übernachtet im Moment etwa die Hälfte in der B-Ebene am Eschenheimer Tor. Wir glauben, dass etwa 60 Menschen am Flughafen leben. Und wir glauben, dass es eine relativ geringe Dunkelziffer an Menschen gibt, die in Gartenlauben oder an anderen Orten versteckt leben.

Sind es mehr Menschen geworden?

Wir sehen keine Veränderung bei der Anzahl. Die Personen ändern sich zwar, aber nicht die insgesamte Zahl. Es gibt in Frankfurt auch das Phänomen, dass oftmals Verbünde von Reisenden aus Osteuropa hier ankommen, die dann aber nach kurzer Zeit wieder weiterziehen. Da steigt die Anzahl für eine kurze Zeit aber entsprechend an.

Wie geht es den obdachlosen Menschen im Moment?

Von unseren Trägern wissen wir, dass die Menschen stiller geworden sind und dass sie sich mehr zurückgezogen haben. Das liegt an der Corona-Zeit aber auch am Krieg in der Ukraine mit allen seinen Folgen. Das bedrückt auch diese meist sehr verletzlichen Menschen und ist eine große Belastung. Dass wir die B-Ebene am Eschenheimer Tor im Sommer offengelassen haben, hat sicherlich dabei geholfen, weil es ein Ort ist der Sicherheit bietet, aber an dem man nicht so viel preisgeben muss.

Nicht alle sehen die B-Ebene als geeigneten Ort für obdachlose Menschen. Wie sehen Sie das?

Für uns ist es ein wichtiger Ort in der Wohnungslosenhilfe und nicht nur ein Notkonstrukt. Wir erreichen durch dieses niedrigschwellige Angebot Menschen, die wir sonst nicht erreichen würden. Aus unserer bürgerlichen Perspektive mag es ein Unort sein, aber für manche Menschen ist es eben ein Ort an dem sie ein bisschen Sicherheit haben ohne zu hohe Auflagen erfüllen zu müssen.

Ist es ein Konzept für die Zukunft, die B-Ebene im Sommer nun immer offen zu lassen?

Wenn es ein sinnvolles Angebot ist – und das war es jetzt in diesem Sommer – dann möchte ich das gern im nächsten Jahr fortsetzen. Aber ich setzte mich jetzt nicht hier hin und sage, dass Angebot gibt es die nächsten zehn Jahre. Wir müssen immer evaluieren, was wir tun. Deshalb gucken wir jetzt, wie es im Winter ist und ob die Akzeptanz weiter groß ist. Wichtig ist es aber direkt in der Innenstadt eine niedrigschwellige Einrichtung zu haben. In Außenbereichen würde so ein Angebot wenig Akzeptanz finden.

Werden die Inflation und die damit steigenden Lebensmittelpreise ein Problem für die Menschen auf der Straße?

Generell ist es so, dass alle obdachlosen Menschen das Recht auf Grundleistungen haben. Egal ob es aus dem SGB II, SGB XII oder nach dem Asylbewerberleistungsgesetz ist. Wichtig ist, dass die Einrichtungen Anlaufstellen für obdachlose Menschen bleiben und ihnen dabei helfen, ihre Ansprüche geltend zu machen. Ich hoffe, dass die Grundleistungen auch angehoben werden, um den höheren Preisen Rechnung zu tragen. Ob Passant:innen nun aber weniger Geld geben, weil alle unter den steigenden Preisen leiden, weiß ich nicht. Die Grundversorgung mit Essen, Trinken und Übernachtungen wird zudem auch in den Einrichtungen der Träger gewährleistet.

Die Stadt hat viele Angebote für obdachlose Menschen. Warum bleiben einige trotzdem auf der Straße?

Nicht jeder Mensch kann und will Hilfe annehmen. Wir müssen akzeptieren, dass Menschen für sich selbst entscheiden, wie sie leben wollen. Das ist manchmal ganz schwer auszuhalten. Das bedeutet aber trotzdem, dass wir immer Hilfe anbieten und auch niemals damit aufhören. Diese Menschen dürfen sich aber so viel Zeit nehmen, wie sie brauchen, um diese Hilfe auch anzunehmen. Unser Ziel ist es immer ihnen Wege aus der Obdachlosigkeit anzubieten. Tatsache ist, dass kein Mensch auf der Straße leben müsste. Wir haben freie Kapazitäten in den Unterkünften.

Wie sehen Sie Angebote von Initiativen oder Vereinen bei denen auf der Straße Essen, Trinken oder Kleidungsstücke ausgegeben werden?

Es ist gut gemeint, aber es hilft uns und den Menschen auf der Straße nicht. Wenn die Menschen dann auf der Straße essen und trinken, kommen sie nicht in unsere Einrichtungen. Es ist häufig schwierig, die wohnungslosen Menschen in unsere Einrichtungen zu holen. Das Angebot von Essen und Trinken ist eine gute Möglichkeit, um die Menschen dazu zu bewegen. Unsere Sozialarbeiter:innen können dann die Menschen vorsichtig kennenlernen, einen Kontakt knüpfen um schlussendlich weitere Hilfen anzubieten. Und es ist auch eine soziale Leistung sich an einen Tisch zu setzen, ordentliches Geschirr zu bekommen und davon zu essen. Das ist wichtig für obdachlose Menschen. Bürgerliches Engagement ist etwas ganz Großartiges und die Stadt braucht es mehr denn je. Es sollte aber an professionelle Strukturen angebunden sein. Wenn sich jemand engagieren möchte, sollte man sich an die Träger wenden oder über frankfurt-hilft.de im Internet schauen, wo man ehrenamtlich helfen kann.

Interview: Steven Micksch

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