Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ein Obdachloser hat sich auf der Zeil an einen sonnigen Platz gesetzt. peter juelich
+
Ein Obdachloser hat sich auf der Zeil an einen sonnigen Platz gesetzt. peter juelich

Obdachlosigkeit

Obdachlose in Frankfurt halten durch

Wie sie die kalten Tage überstehen / Ein Protokoll

5 Uhr, minus elf Grad:

Hans ist wach. Nur seine rote Nase und sein grauer Bart schauen aus dem Schlafsack heraus, er hat sich eingewickelt, um nicht zu erfrieren. Der Lüftungsschacht eines Geschäfts an der Hauptwache bläst warme Luft in seine Richtung, es brummt. „Ich habe heute Nacht sehr gefroren“, erzählt der 61-Jährige. Trotz des Kälteeinbruchs der vergangenen Tage schläft er draußen, statt in einer der drei Notunterkünfte in Frankfurt. „Weil, erfrieren tue ich nicht“, sagt Hans. Aber vor Schlägereien oder Diebstahl in den Schlafstätten habe er Angst. Er ist einer von rund 200 obdachlosen Menschen, die die eiskalten Nächte in Frankfurt auf der Straße oder am Flughafen verbringen.

Wie das auszuhalten sei, könne man als Mensch mit Wohnung nicht nachvollziehen, sagt Elfie Ilgmann-Weisz. Seit acht Stunden sind die Sozialarbeiterin und ihre Kolleg:innen im Einsatz. Mit dem Kältebus des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten, ein großer Sozialhilfeträger in der Mainmetropole, fahren sie die Schlafplätze der Obdachlosen ab. Wer möchte, wird in die Schlafnotunterkunft am Eschenheimer Tor gefahren, denn wegen der Kälte schweben die auf der Straße lebenden Menschen potenziell in Lebensgefahr.

„Einige schlafen jedoch lieber alleine draußen“, sagt Ilgmann-Weisz. Das liege häufig daran, dass sie an psychischen Erkrankungen litten und sich in einer Sammelunterkunft nicht wohlfühlten. An diese Personen verteilt das Team des stadtnahen Vereins Schlafsäcke, Isomatten und heißen Tee. Die Pandemie hat die Szene hart getroffen, jedoch auch sichtbarer gemacht. In den vergangenen Tagen sei sehr viel zu tun gewesen. „Wir erhalten ununterbrochen Anrufe von Menschen, die nachts einen Obdachlosen auf der Straße auffinden“, sagt Ilgmann-Weisz.

9 Uhr, minus neun Grad:

Das „Weser 5“ öffnet. Es gibt Frühstück, ein Kaffee kostet 30 Cent. Aufgrund der Kälte blieben die obdachlosen Menschen länger im Tagestreff, sagt Jürgen Mühlfeld, der Leiter der Einrichtung. „Die Stimmung auf der Straße ist in den vergangenen Wochen schlechter und aggressiver geworden.“ Die Anzahl der psychisch kranken Menschen auf der Straße nehme zu, und diese seien besonders von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen.

Das Diakoniezentrum an der Gutleutstraße mitten im Bahnhofsviertel ist eine der bekanntesten Einrichtungen der Frankfurter Obdachlosenhilfe. Besucher:innnen erhalten warme Mahlzeiten, können duschen und ihre Wäsche waschen. Zudem gibt es Schließfächer für Wertsachen, eine Kleiderkammer und eine Computerecke. Coronabedingt dürfen sich nur 40 Personen gleichzeitig im Gebäude der früheren Weißfrauenkirche aufhalten. Lange Schlangen vor dem Weser-5-Tagestreff habe es in den vergangenen Tagen nicht gegeben, berichtet Mühlfeld.

11 Uhr, minus sechs Grad:

Die Kälte und der Lockdown zwingen viele Obdachlose aus der Innenstadt und dem Umland in die beheizten Räume des Flughafens. In den so gut wie menschenleeren Hallen verbringen immer mehr von ihnen die Nacht und den Tag, um den Minustemperaturen zu entgehen. „Der Aufenthalt von Obdachlosen wird zum größten Teil geduldet, besonders jetzt während der kalten Jahreszeit“, erklärt Mühlfeld. Bis zu 130 Obdachlose, die im Terminal übernachteten, haben die Sicherheitskräfte im Januar gezählt. Tagsüber kamen die Sozialarbeiter:innen von Weser 5 auf bis zu 80 Personen, die sich im Flughafen aufhielten.

„Im Allgemeinen gibt es in Frankfurt jedoch weniger Menschen auf der Straße als im vorigen Winter“, sagt Mühlfeld. Das liege zum Teil daran, dass einige, die aus anderen EU-Ländern stammten, sich derzeit in ihren Heimatländern aufhielten. Aufgrund des Lockdowns gebe es keine Möglichkeiten mehr, in Einkaufsstraßen zu betteln oder Pfandflaschen zu sammeln. „Damit lässt sich aktuell kein Geld verdienen.“

12.30 Uhr, minus fünf Grad:

Hinter Mülltonnen in der Nähe des Bahnhofs sitzt Sabine. „Heute gibt’s asiatisch“, sagt sie und öffnet eine Pappbox, gefüllt mit Reis, Gemüse und Hähnchen. Für das dampfende Essen hat die wohnungslose Frau 50 Cent bezahlt.

„Winterspeisung“ heißt das Programm der Kaffeestube Gutleut, die in den ersten beiden Februarwochen ein warmes Mittagessen anbietet. Paniertes Fischfilet, Tortellini oder Leberkäse können zum Mitnehmen abgeholt werden. Sabine hat auch einen Schal, Mütze und Handschuhe bekommen. Rund 90 Personen besuchen täglich die Einrichtung der evangelischen Hoffnungsgemeinde unter Pfarrer Andreas Klein.

13 Uhr, minus sechs Grad:

Nach dem Essen geht es für Sabine Richtung Innenstadt. Sie treffe sich mit Kolleg:innen vor dem Einkaufszentrum My Zeil. „Wir trinken Bier und sitzen rum“, sagt sie. In der Regel warteten ihre Freund:innnen und sie auf bessere Zeiten. Die Maske in ihrem Gesicht sieht vergilbt aus. „Ich kann Corona nicht mehr hören“, sagt die Frankfurterin, die vor dem Lockdown in der Innenstadt gebettelt hat. „Dadurch konnte ich mir vieles leisten und regelmäßig einkaufen gehen“, erzählt sie.

Die Stimmung in der Szene sei angespannt, die Tage fühlten sich länger an als sonst. Sabine berichtet von einer Auseinandersetzung im Bahnhofsviertel. Einige von ihnen spritzten Drogen, sie seien unkontrollierbar. Vor allem in der Niddastraße treffen sich Süchtige und setzen sich ihren Schuss auf offener Straße.

Die Nachmittage verbringen Menschen wie Sabine in der leeren Innenstadt an verschiedenen „Spots“, wie sie sagt.

20 Uhr, minus sechs Grad:

Draußen ist es dunkel geworden. In der B-Ebene der U-Bahn-Haltestelle „Eschenheimer Tor“ öffnet die Notunterkunft des Frankfurter Vereins. Vor dem Eingang liegen Zigarettenstummel und Bananenschalen auf dem Boden. Rund 110 Obdachlose werden die kommende Nacht hier in Sicherheit und Wärme verbringen. In der Unterkunft ist Platz für bis zu 150 Personen.

Bojan ist einer der ersten. Auf dem Weg zu seinem Nachtquartier erzählt er, wie dankbar er den Helfer:innen sei. „Danke an alle. Schlafen gut, Tee gut“, sagt der Bulgare in gebrochenem Deutsch.

Ein weiterer Tag für die rund 340 obdachlosen Menschen in Frankfurt geht zu Ende. Der Kälteeinbruch lässt sie frieren. Die aktuelle Situation ist angespannt, doch die Hilfen kommen an. „Bis jetzt ist noch niemand zu Schaden gekommen“, sagt Ilgman-Weisz.

Die Menschen auf der Straße halten durch. Ihnen bleibt nichts anderes übrig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare