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Obdachlose trinken bei Hitze „auch die Reste aus weggeworfenen Wasserflaschen“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Klaus Schäfer (Einrichtungsleitung CASA 21) verteilt wegen der großen Hitze Wasser an Obdachlose.
Klaus Schäfer (Einrichtungsleitung CASA 21) verteilt wegen der großen Hitze Wasser an Obdachlose. © Michael Schick

Hitzetage sind für Menschen, die auf der Straße in Frankfurt leben, besonders hart. Das erleben auch die Streetworker der Caritas bei ihren Rundgängen.

Frankfurt – Die Sonne knallt, aber auch im Schatten ist es in der Frankfurter Innenstadt extrem heiß, ein Hitzetag mit 38 Grad: Unweit der E-Kinos, wo ein Plakat für den neuen Film mit Brad Pitt hängt, sitzen zwei wohnungslose Frauen Ü50 in der Liebfrauenstraße. Ihre Gesichter sind ausgemergelt, die Baseballkappen tief im Gesicht. Von ihrem wenigen Geld haben sie sich Aprikosen gekauft. „Frankfurt ist schrecklich bei Hitze, gerade wenn man auf der Straße lebt. Der Boden ist total aufgeheizt, sehen Sie die Glasscheiben des Gebäudes gegenüber, das reflektiert zusätzlich“, sagt eine der Frauen.

Sie freuen sich, als Klaus Schäfer, Leiter der Casa 21, eine Einrichtung der Caritas Frankfurt, ihnen jeweils eine Flasche Wasser schenkt. An diesem Donnerstagnachmittag geht der 60-Jährige als Streetworker durch die Innenstadt, schaut nach Obdachlosen, fragt, wie es ihnen geht und ob sie Hilfe brauchen. Er erzählt ihnen, wenn sie das wollten, was es für Hilfsangebote gibt. „Kollegen von mir waren gestern mit dem Rad am Mainufer unterwegs.“

Obdachlos in Frankfurt: Wenn Schlafende komisch atmen, spricht sie der Streetworker an

An Hitzetagen wie diesen zieht er zusätzlich einen lila Einkaufstrolley hinter sich her, darin hat er zwölf 0,5-Liter-Wasserflaschen. „Schlafende und Betrunkene sprechen wir in der Regel nicht an, außer wenn wir das Gefühl haben, dass sie auffällig atmen, sie medizinische Hilfe brauchen. Dann rufen wir den Rettungswagen“, betont er. Schon 1998, als er als Streetworker angefangen habe, habe es solche Hitzetage gegeben, aber jetzt mit dem Klimawandel nehme das zu.

„Wir schauen, dass die Menschen mit Wasser versorgt sind, sagen ihnen, wo es Trinkbrunnen in der Stadt gibt, denn da gibt es kaum Hinweisschilder. Auch sollte es generell mehr Trinkbrunnen für alle Menschen in der Stadt geben.“ Sie seien immer zu zweit auf der Straße unterwegs. Maria Ionescu von der Multinationalen Informations- und Anlaufstelle für EU-Bürger:innen (Mia) begleitet ihn. Sie spricht Rumänisch und übersetzt, als sie unter den Bäumen auf der Zeil auf Ioan treffen.

Obdachlos in Frankfurt: Für alkoholkranke Menschen ist es besonders wichtig, viel Wasser zu trinken

Der 46-jährige Rumäne nutzt seinen Koffer, in dem alle seine Kleider sind, als Liege, eine rote Decke dient als Laken, die Füße hat er auf den Boden abgestellt. Sein Shirt hat er hochgezogen und er zeigt mit schmerzverzerrtem Gesicht auf seinen Bauch: „Ich habe starke Schmerzen, ich habe Leberzirrhose und eine Bauchspeicheldrüsenentzündung.

Mit der Hitze ist das alles schlimmer. Ich kann nicht mal aufstehen, um auf die Toilette zu gehen“, sagt er. Mit dem Rettungswagen will er nicht fahren, weil er da seinen Koffer nicht mitnehmen dürfe. „Und wer kauft mir dann neue Kleider und Schuhe?“, fragt er. Er erzählt, dass er seit vielen Jahren auf der Straße lebt. Schäfer und seine Kollegin entscheiden, später noch mal nach ihm zu schauen und mit der Straßenambulanz zu sprechen. Trotz der Schmerzen steht eine Bierflasche neben ihm.

Viele Wohnungslose seien alkoholkrank, deswegen sei es auch an Hitzetagen noch mal wichtiger, dass sie auch genug Wasser trinken, so Schäfer. Unweit von Ioan sitzen sechs wohnungslose Männer auf Stühlen.

Obdachlos in Frankfurt: „Bei der Hitze stinken die Mülleimer noch mehr“

Vor ihnen abgestellt sind Plastiktüten voll mit Pfandflaschen, die sie aus den Mülleimern geholt haben, um mit dem Pfandgeld „Bier und Essen“ zu kaufen. „Bei der Hitze stinken die Mülleimer noch mehr, aber wir müssen überleben. Wir trinken auch die Reste aus weggeworfenen Wasserflaschen und essen Reste. Nur das angebissene Stück werfen wir weg. So ist das Leben auf den Straßen in Frankfurt“, sagt ein 58-Jähriger, der seit anderthalb Jahren auf der Straße lebt. „Ich hatte vorher einen Job als Amazon-Fahrer, aber jetzt bin ich für die meisten Arbeitgeber zu alt“, erzählt er.

Ebenfalls auf der Zeil sitzt ein 37-jähriger Punk, er schlafe nachts immer bei Freunden, sonst sei er eben seit zehn Jahren auf der Straße mit seiner Hündin Jackie. „Ich habe für sie wegen der Hitze extra ein Kühlkissen gekauft und achte darauf, dass sie genug Wasser hat.“ Eine Schüssel Wasser für seine Hündin steht bereit. Er selbst ist dankbar über die Wasserflasche, die ihm Schäfer reicht. Zwischen Hauptwache und Eschenheimer Tor läuft an Schäfer und seiner Kollegin Ionescu ein Mann mit Wintermütze vorbei: Er spricht laut vor sich hin, ohne dass er telefoniert. Schäfer sagt bei Menschen, bei denen sie eben nicht wüssten, ob sie wirklich obdachlos seien, wäre es anmaßend davon auszugehen und sie einfach anzusprechen.

Obdachlos in Frankfurt: Die meisten freuen sich über die kostenlosen Wasserflaschen

Ein obdachloser Mann unweit von Hugendubel liest sich das Etikett auf der Wasserflasche, die er bekommt, genau durch. Unweit von Frankfurts bekanntesten Obdachlosen Eisenbahn-Reiner am Liebfrauenberg, der gerade an seinem kleinen Radio versucht einen Sender einzuschalten, steht Manfred Jäth. Der 72-Jährige ist gebürtiger Münchner. Seit drei Monaten ist er nun wieder in Frankfurt und obdachlos. „Und weil ich keine Adresse mehr habe, haben sie mir die Grundsicherung gestrichen. Ich hoffe meine Sozialarbeiterin kann mir schnell helfen, denn ich bin ohne Geld“, sagt er.

Auch er sammelt Pfandflaschen. „Für 14 Flaschen bekomme ich 3,50 Euro, das reicht um meine Sachen im Schließfach am Hauptbahnhof einzuschließen.“ Im Schatten halte er die Hitze noch aus. Als Schäfer ihm die Wasserflasche reicht, sagt Jäth: „Das ist aber lieb. Mit Pfand sogar.“ Er lächelt. Vorderzähne hat er keine mehr.

Mehr Informationen zu den Hilfsangeboten der Caritas sowie Spendenmöglichkeiten gibt es im Internet unter: www.caritas-frankfurt.de.

Enorme Hitze kann sich negativ auf die Gesundheit auswirken – auch auf die Gesundheit derer, die nicht auf der Straße leben. Mit einigen Tipps wird die Hitze jedoch erträglicher.

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