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Buchcover „Spurensuche 1945“ von Walter Jessel.
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Buchcover „Spurensuche 1945“ von Walter Jessel.

Frankfurt

Nur einer im Widerstand

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Ein Frankfurter Emigrant sucht 1945 nach den Überlebenden seiner Abiturklasse von der Musterschule - nun erst ist sein Buch erschienen

Neun Jahrzehnte sind vergangen, seit diese außergewöhnliche Geschichte ihren Anfang nahm. Im Frühjahr 1931 erlangten 20 Jungen an der Musterschule in Frankfurt am Main ihr Abitur. Acht waren Juden. Wenige Monate zuvor, bei der Reichstagswahl 1930, hatten die Nationalsozialisten einen ungewöhnlichen Zuwachs erzielt und waren deutschlandweit zweitstärkste Partei geworden. Es gab zunehmend brutalere öffentliche Übergriffe von Nazischlägern. Nachdem die NSDAP im Januar 1933 in Deutschland die politische Macht übernommen hatte, mussten die jüdischen Abiturienten mit ihren Familien nach und nach emigrieren. Einige kehrten 1945 als US-Soldaten zurück, auch Walter Jessel. Im April sah er das kriegszerstörte Frankfurt wieder, als einen „Trümmerhaufen, der nach Verwesung roch“.

Als Nachrichtendienstoffizier verhörte er prominente und weniger prominente Nazi-Würdenträger, auch Mitglieder des Teams von Wernher von Braun, des Wissenschaftlers, der für die NS-Kriegsmaschine die Raketenwaffen V1 und V2 entwickelt hatte und später für die US-Weltraumbehörde Nasa arbeitete. Jessel fasste einen ungewöhnlichen Entschluss: Er machte sich auf die Suche nach den zwölf Klassenkameraden der Musterschule, die keine Juden und nicht emigriert waren. Tatsächlich traf er sechs von ihnen lebend an, zwei waren tot, drei vermisst. Von einem fand sich gar keine Spur mehr. Den Emigranten trieb die Frage um: Warum war die übergroße Mehrheit der Deutschen der Nazipartei und Adolf Hitler gefolgt? Nur einer aus seiner Abiturklasse war in den aktiven Widerstand gegangen und hatte es mit dem Leben bezahlt. Dessen Ehefrau fragte, was das Motto der Suche sein könnte: „Was hielt die Deutschen zwölf Jahre lang davon ab, das Naziregime von der Erdoberfläche zu fegen?“

Die Recherchen dauerten Monate. Jessel brachte sie unter dem Titel „Spurensuche 1945“ zu Papier. In den USA suchte er vergebens nach einem Verlag oder einer Zeitung, die den Bericht veröffentlichen würde. Ein Verleger wollte, der Offizier solle „eine Liebesgeschichte einbauen“, er resignierte. Erst 2017 erschien das Buch in den USA, jetzt hat es der Frankfurter Fachhochschulverlag in deutscher Übersetzung herausgebracht. Ein spannendes Dokument der Zeitgeschichte einerseits, denn der Rechercheur lernte nicht nur Frankfurt und andere Städte in Trümmern kennen, sondern auch das unversehrte flache Land 1945.

Vor allem aber beschreibt er eindringlich die Argumentationsmuster, mit denen die Überlebenden rechtfertigten, dass sie mehr oder weniger dem Regime dienten. „Was konnten wir denn tun?“ – diese rhetorische Frage wiederholt sich. Immer wieder kam das Argument, vom Ausmaß der Verbrechen nichts geahnt zu haben. Jessel stieß auch auf antisemitische Stereotype. Ein Klassenkamerad begrüßte ihn mit den Worten, nur die Juden besäßen das Geld, Deutschland wieder aufzubauen.

Jessel selbst bezweifelte 1945 übrigens, dass Deutschland in der Lage sei, „innerhalb von hundert Jahren seine Städte wieder aufzubauen“. Er prophezeite, dass „primitive Notunterkünfte zum Dauerzustand werden“ würden. Auch der erste Magistrat der Stadt Frankfurt ging davon aus, es werde Jahrzehnte dauern, nur die Trümmerwüste zu beseitigen. Tatsächlich sollten sich die Menschen mit großem Nachdruck an den Aufbau einer neuen Stadt machen. Nicht nur städtebaulich, auch psychisch würde das Ausdruck einer großen Verdrängung werden.

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