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Yael Bartana hat „Das Waisen-Karussell/ The Orphan Carousel“, für Frankfurt geschaffen. Foto: Michael Schick
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Yael Bartana hat „Das Waisen-Karussell/ The Orphan Carousel“, für Frankfurt geschaffen.

Neues Denkmal in Frankfurt

Nur die Kinder konnten flüchten

  • Andreas Hartmann
    VonAndreas Hartmann
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Ein neues Denkmal der Künstlerin Yael Bartana im Bahnhofsviertel erinnert an die 20000 jüdischen Kinder, deren Eltern ihnen die Flucht ermöglichten - für viele war es eine Trennung ohne Wiedersehen.

Das neue Denkmal der israelischen Künstlerin Yael Bartana, das seit Donnerstag im Frankfurter Bahnhofsviertel steht, ist ein eigenartiges Objekt, das man auf den ersten Blick wohl nicht mit Erinnerungskultur in Verbindung bringen würde. Dabei ist es im wahrsten Sinne schlicht ergreifend, ein stilles Memorial an einem verkehrsumtosten Ort, an der Ecke, an der die Kaiserstraße die Gallusanlage kreuzt. Es erinnert erstmals in Frankfurt an ein tragisches, aber auch ein wenig tröstendes Kapitel der NS-Verfolgung.

Gewidmet ist ihr „Waisen-Karussell“ den rund 20 000 Kindern, deren Eltern den schweren Schritt machten, ihre Kinder alleine ins rettende Exil, meist nach Großbritannien oder die USA, zu schicken. Die Kinder überlebten, doch vier von zehn sahen ihre im Holocaust ermordeten Eltern nie wieder, wie Marc Grünbaum, Kulturdezernent der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, bei der Übergabe des Denkmals berichtete. Das sei „ein Versagen der Weltgemeinschaft“ gewesen, sagte Grünbaum. Bei der Konferenz von Evian hatten im Juli 1938 32 Staaten und 24 Hilfsorganisationen über Fluchtmöglichkeiten für verfolgte Jüdinnen und Juden zu verhandeln.

Die Konferenz scheiterte fast auf der ganzen Linie, lediglich die Dominikanische Republik war zur Aufnahme von zusätzlichen Flüchtlingen bereit. Das Denkmal erinnere auch „an das Leid derjenigen, die nicht gerettet wurden“, sagte Grünbaum. Und für die entkommenen Kinder sei der Identitätsverlust, der sie ein ganzes Leben lang begleitet habe, traumatisch gewesen, betonte er.

Es sind nicht mehr viele der Kinder von einst am Leben, die heute noch Zeugnis ablegen können. Eine heute hochbetagte gebürtige Frankfurterin, die in den USA lebende Zeitzeugin Margot Lobree, geborene Hirschmann, hätte eigentlich gerne kommen wollen, doch in Zeiten einer weltweiten Pandemie wäre das wohl zu riskant gewesen. Die Seniorin, die demnächst 96 wird, schickte aber ein Grußwort, das bei der Feier verlesen wurde. „Es tut mir sehr leid, dass ich nicht bei euch sein kann“, schreibt sie. „Ich bin stolz, dass die Stadt dieses Denkmal möglich gemacht hat. Meine Mutter brachte mich zum Frankfurter Hauptbahnhof. Als ich einmal historische Fotos von dem Kindertransport sah, konnte ich den Schmerz von Eltern und Kindern spüren.“

Lobrees verwitwete Mutter konnte nicht mehr fliehen, sie wurde von den Nazis ermordet. Der ältere Bruder wanderte über Großbritannien nach Palästina aus; erst viele Jahre nach Kriegsende sahen sich die Geschwister wieder, trafen sich auch einmal 1997 in der alten Heimat Frankfurt, um gemeinsam die Orte der Kindheit zu besuchen.

Das „Waisen-Karussell“ steht ein gutes Stück weg vom Bahnhof, den man am Ende der Kaiserstraße aber schon sehen kann. Der Ort ist nicht zufällig gewählt. Bereits hier mussten sich die Eltern von ihren Kindern verabschieden, den Gang zum Bahnhof mussten diese alleine gehen. Von dort aus fuhren Sonderzüge der Reichsbahn ins rettende Ausland.

„Das NS-Regime versuchte, emotionale Abschiedsbilder am Bahnhof zu verhindern“, sagte Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD). „Trotzdem geschah das mitten in Frankfurt. Das zeigt: Die NS-Verbrechen fanden nicht im Verborgenen statt, sondern in aller Öffentlichkeit. Das KZ in den Adlerwerken war mitten in Frankfurt und die Zerstörung der Synagogen konnten alle sehen.“

Ein sechseckiges Spielgerät aus Metall und Holz, ein Kinderkarussell, wie es vor 80 Jahren gebaut wurde, hat Bartana hier nachempfunden. Spielen lässt sich damit kaum, nur ganz schwerfällig dreht sich die Mechanik. Dann werden die kurzen Inschriften an den Seiten sichtbar.

„Auf bald, mein Kind“, „Auf Wiedersehen, Mutter“ und „Auf Wiedersehen, Vater“ steht da, Worte, wie sie beim Abschied sicher immer wieder fallen, vielleicht gedankenlos, vielleicht auch voller Ängste und Befürchtungen. „Dieses Denkmal macht keine großen Worte“, sagte der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD). „Es rührt uns bis heute an, dass diese Hoffnung auf ein Wiedersehen enttäuscht wurde.“ Für die Kinder begann hier ein langer Weg. „Wir tragen alle bleibende Narben“, schrieb Margot Lobree in ihrem Grußwort.

Dass dieses Denkmal unter der Schirmherrschaft der Journalistin Bärbel Schäfer gebaut werden konnte, ist einem großen bürgerlichen Engagement und vielen Privatspenden zu verdanken. Mehrere Stiftungen, der Ortsbeirat 1 und die Nassauische Sparkasse gaben ebenfalls Geld. Rund 300 000 Euro kosteten die Ausschreibung, der Wettbewerb, bei dem sich Yael Bartana im Jahr 2019 durchsetzten konnte, und die Konstruktion des Karussells. Ähnliche Denkmale gibt es bereits in London, Wien, Berlin, Danzig, Hamburg und Rotterdam.

Man darf sich auf das „Waisen-Karussell“ auch setzen - es dreht sich aber nur schwer.

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