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Die Schlachtmethoden für Halal-Fleisch sind sehr umstritten.

Interview Tierschutzbeauftragte

„Nur mit Betäubung schlachten“

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Schächten ist eine alte Schlachtmethode von Tieren vor allem im Judentum und im Islam. Im Interview wirbt Hessens Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin hier nun für einen Kompromiss, um den Tieren Leiden zu ersparen.

Frau Martin, ist Schächten Tierquälerei?
Als diese sehr alte Schlachtmethode entwickelt wurde, waren die Tiere nicht so schwer und muskulös gebaut, wie die heutigen. Man kannte auch keinerlei andere, schonenderen Methoden – anders als heute. Wenn man sieht, wie sich die Mastbullen durch die Rinderzucht entwickelt haben, so ist ein Schlachten ohne Betäubung eindeutig mit erheblichen Leiden und Schmerzen verbunden. Deshalb ist es eigentlich nach dem Tierschutzgesetz nicht gestattet.

Eigentlich?
Das Tierschutzgesetz sieht für bestimmte Religionsgruppen Ausnahmen vor. Wobei man auch in diesem Bereich zu Verbesserungen für die Tiere käme, wenn man gemeinsam intensiv darüber sprechen würde. Wenn nicht jeder starr auf seiner Meinung beharrt.

Ein schneller Schnitt, sagen Befürworter, sei weniger quälend, als dubiose Fließband-Tötungen in Schlachthöfen. Und doch sprechen Sie von Schmerzen?
In eine Schlachtstätte müssen fast alle Schlachttiere, ob halal oder nicht. Auf der Weide werden Halal-Tiere nicht geschlachtet. Aber wenn wir bei den Rindern bleiben: Wenn wir einen Charolais-Bullen nehmen oder einen Limousin-Bullen, diese Tiere haben Hälse wie Wagenräder. Die sind mit einem einzigen Schnitt nicht zu durchtrennen. Rinder haben auch oberhalb der Wirbelsäule noch Blutgefäße, die das Hirn versorgen. Das heißt, die Bewusstseinsfähigkeit hält länger an, und sie fühlen diese Schmerzen. Das ist wissenschaftlich bewiesen.

Deshalb hatten Sie vor rund zehn Jahren eine Bundesratsinitiative gestartet mit dem Ziel der Pflicht zur vorherigen Betäubung?
Richtig. Man kann im Tierschutz Kompromisse schließen, aber nur, wenn beide Seiten einen Schritt aufeinander zugehen. Nach deutschem Recht gibt es ganz strenge Vorgaben für eine Betäubung. Man kann davon aber abweichen.

Wie sieht Ihr Kompromiss aus?
Eine Elektro-Kurzzeitbetäubung, die nur wenige Sekunden durch den Kopf des Tiers strömt. Würde das Tier nicht geschlachtet, würde es danach unverletzt aufstehen. Während dieser kurzen Betäubung kann der Schnitt gesetzt werden. Das wäre ein Abweichen von unseren gesetzlichen Vorschriften, würde aber auch seitens der Religionsgruppen einen Schritt verlangen. Im Übrigen gibt es muslimische Gruppen, die sehr wohl diese Kurzzeitbetäubung akzeptieren. In Neuseeland etwa ist die Betäubung Standard. Und von dort wird halal geschlachtetes Lammfleisch in viele islamische Länder exportiert.

Woher kommt das Halal-Fleisch für Verbraucher in Deutschland?
Wir haben auch hier in Deutschland Schlachtstätten, die gewerblich halal schlachten. In Hessen gibt es meines Wissens nur den muslimischen Metzger aus Aßlar. Es kommt aber auch einiges aus dem Ausland, unter anderem Neuseeland. Es gibt auch andere Länder, in denen die Elektro-Kurzzeitbetäubung verbindlich vorgeschrieben ist.

Seitens der Muslime hört man das Argument: Die Juden dürfen schächten.
Das stimmt seit Jahren nicht mehr. Mitte der 90er Jahre gab es ein Gerichtsurteil, das diese beiden Religionsgruppen unterschiedlich behandelte. Die Richter beriefen sich auf muslimische Gruppen, für die die Elektro-Kurzzeitbetäubung kein Problem ist. Davon leiteten sie ab, dass das Schächten ohne Betäubung im Islam nicht unerlässlich ist.

Wie ist die Situation aktuell?
Für jüdische wie muslimische Gemeinden kann ohne Betäubung geschlachtet werden. Sie bekommen eine Genehmigung – aber nur unter verschiedensten Bedingungen, zum Beispiel dem Nachweis der gläubigen Personen, die das Fleisch abnehmen.

Der muslimische Metzger in Aßlar arbeitet in einem kleinen Betrieb. Kommt das Schlachten dort dem Tierwohl nicht mehr entgegen, als das in einer großen Schlachthof-Fabrik?
Die Frage ist auch, wie Tiere gestellt oder gelegt werden. Früher wurden Rinder gedreht. Das war total unphysiologisch. Die sind zwar einzeln in die Schlachtbox geführt worden, aber ein Rind würde nie freiwillig auf dem Rücken liegen. Ja, es stimmt, ein ruhiger Einzeltierumgang ist positiv. Aber das minimiert nicht die Schmerzen, die die Tiere haben, wenn ihre Hälse durchtrennt werden.

Interview: Jutta Rippegather

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