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Am Rand hat der Teppich eine Bordüre, die ebenfalls mit zahlreichen Motiven gestaltet wurde. Foto: Rolf Oeser

Bolongaropalast

Nudisten und Bembel aus buntem Garn

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Seit dreieinhalb Jahren sticken mehr als 400 Menschen an einem Wandteppich für den Frankfurter Bolongaropalast. Nun ist er fertig.

Das Erste, was einem auffällt, wenn man in den ersten Stock der Stadtteilbücherei in Frankfurt-Sossenheim kommt, ist die Stille. Nun ist es eigentlich nicht ungewöhnlich, wenn es in einer Bibliothek leise ist, doch in diesem Fall sitzen gut ein Dutzend Frauen um einen Teppich herum und reden kaum ein Wort. Jede hat eine Nadel in der Hand und ist äußerst konzentriert bei der Arbeit. Kekse machen die Runde und auch ein Gläschen Likör wird hier und da getrunken. Seit mehreren Wochen treffen sich die Frauen zum Sticken – manch eine ist sogar schon seit Jahren dabei. Was hier bestickt wird, ist aber keine Tischdecke, sondern ein großer Wandteppich. In Zukunft soll er einmal den Innenbereich des Bolongaropalastes schmücken.

„Ende 2022 soll es so weit sein. Rechnen wir mal mit 2024“, sagt Projektinitiatorin Edda Bhattacharjee mit Blick auf die Fertigstellung des Bolongaropalastes. Anders als das Gebäude ist der Wandteppich aber pünktlich fertig geworden. Die letzten Stickarbeiten wurden in der vergangenen Woche durchgeführt. Nun folgen zwar noch ein paar kleine Feinarbeiten, doch der Teppich konnte am Montag erstmals offiziell präsentiert werden.

Bis er an seinem vorgesehenen Platz im Palast – einer sechs Meter langen Wand im Empfangsbereich – hängen wird, soll er vorübergehend im Ostpavillon unterkommen. Dort sitzt momentan die Verwaltungsstelle Höchst, und Leiter Henning Brandt wird sich den Teppich dann täglich anschauen können.

Mehr als nur einen Blick auf das Kunstwerk zu werfen, lohnt sich in jedem Fall. Die mehr als 400 Menschen, die am Teppich mitgestickt haben, waren äußerst kreativ und haben in den zurückliegenden dreieinhalb Jahren eine Vielzahl an Motiven auf den Stoff gebannt.

In der Mitte prangt der Schriftzug „Bolongaropalast“. Von links nach rechts schlängelt sich der Main über die gesamte Länge des Teppichs, im Fluss schwimmen bunte Fische. Ansonsten gibt es Einhörner und Meerjungfrauen, Pelikan und Schmetterling, einen Heißluftballon, Bücher, aber auch typisch Regionales, wie Bembel und Gerippte. Mehrere Embleme der Stadtteile oder auch der Eintracht zieren den Stoff. Ganz rechts findet sich der FKK-Verein Orplid Niddainsel samt nackiger Familie.

„Die Motive sind so vielfältig wie die Menschen, die sie gemacht haben“, sagt Edda Bhattacharjee. Mal stickten Schüler der IGS West mit, mal waren es Patienten im Krankenhaus Höchst. Männer, Frauen, Mädchen, Jungen – Menschen jeden Alters und jeder Herkunft haben mitgeholfen, so die Projektinitiatorin. „Der Teppich zeigt die Verbundenheit der Bevölkerung mit dem Bolongaropalast.“

Schmuckstück Der Wandteppichfür den Bolongaropalast ist fünf Meter lang und 80 Zentimeter hoch.

Mehr als 400 Menschenaus Höchst und den westlichen Stadtteilen Frankfurts haben daran mitgewirkt. Weitere 50 waren in die Organisation eingebunden.

Gestickt wurdeimmer an wechselnden Orten: beispielsweise in Einrichtungen des Frankfurter Verbands, in Stadtteilbibliotheken, Schulen, der VHS und im Industriepark Höchst.

Im Empfangsbereichdes Bolongaropalastes wird der Teppich schlussendlich zu sehen sein. Aktuell wird das Gebäude saniert. Der Fertigstellungstermin wurde bereits mehrmals nach hinten verschoben. Geplant ist das Ende der Bauarbeiten momentan für Herbst 2022.

Der Bolongaropalastin Frankfurt-Höchst stammt aus dem 18. Jahrhundert. Die aus Italien stammenden Kaufleute Josef Maria Markus Bolongaro und Jakob Philipp Bolongaro ließen ihn von 1772 bis 1774 errichten.

Da ihnen Frankfurtdas Stadtrecht wegen ihrer Zugehörigkeit zum Katholizismus verwehrte, bot ihnen der Kurfürst von Mainz an, sich in Höchst anzusiedeln. Das gehörte damals noch zum Kurfürstentum Mainz.

Bereits 1779 verstarbjedoch Joseph Maria Marcus Bolongaro, ein Jahr später sein Bruder. Josephs Witwe bewohnte den Palast noch mehrere Jahre. Anschließend wurde das Gebäude meist verpachtet.

Die Stadt Höchst– damals noch selbstständig – machte den Palast um 1910 zu ihrem Rathaus. Mit der Eingemeindung 1928 kam Frankfurt in den Besitz des Hauses. Die Stadt nutzt es als Dependance des Römers. mic

Warum die Wahl letztendlich auf einen Wandteppich fiel, kann Bhattacharjee gar nicht mehr sagen. Vielleicht, weil das Sticken eine jahrhundertealte Tradition ist, die im Kultur- und Museumsverein Bolongaro wertgeschätzt wird. Vielleicht, weil es einfach etwas sein sollte, an dem viele Menschen mitwirken können. Denn, das betont die Initiatorin immer wieder, das Projekt sollte Kultur für alle sein. „Es ist im Laufe der Zeit dann auch zur Kultur von allen geworden.“

Immer wieder war Bhattacharjee von den Ideen der Teilnehmer überrascht. Immer wieder seien neue Interessenten dazugestoßen und hätten Motive beigesteuert. So auch heute, bei einem der letzten Sticktreffen in der Bücherei Sossenheim. Das Mädchen Emely kam zum Bücherausleihen und blieb zum Sticken einer Blume. Dass sie keinerlei Erfahrung hat, macht gar nichts. Jedem wird zur Hand gegangen.

Fast ein Neuling ist auch Hildegard Kretschmer. Die Sossenheimerin stickt mit weißem Faden gerade die Seiten eines Buches. „Das ist das Logo des Vereins Sossenheimer Bücherwurm“, erklärt sie. Sie sei selbst Mitglied und erst spät zum Projekt gestoßen. Seit drei Terminen stickt sie am Teppich mit.

Annemarie Kisterenyei ist seit diesem Sommer dabei. „Ich kann eigentlich nicht sticken“, verrät die Frau aus Nied. Aber man komme auf den Geschmack. Sie habe an der Darstellung der Nudisten vom SV Orplid Niddainsel mitgearbeitet. Gut 35 Stunden Arbeitszeit stecken in dem Motiv. Heute in Sossenheim widmet sie sich einer Biene. Besonders begeistert habe sie die Gemeinschaft beim Projekt. Das nun alles vorbei ist, mache schon wehmütig. „Es wird uns bestimmt fehlen.“

Edda Bhattacharjee erzählt noch eine Anekdote aus der Stickaktion am Krankenhaus Höchst. Ein Patient aus der Psychiatrie habe unter Panikattacken gelitten. Der Mann stickte am Teppich mit und kam tags darauf wieder zu Bhattacharjee. „Er sagte zu mir, dass er zum ersten Mal seit langem wieder geschlafen habe.“ Die beruhigende Wirkung des Stickens hatte Erfolg. Die Projektinitiatorin empfahl ihm, auch privat weiter zu sticken.

Pflaster habe sie immer dabei gehabt, aber zum Einsatz sei es nie gekommen. „Wir haben stumpfe Nadeln“, sagt sie und lacht. Auch das viele Garn sei von Bürgerinnen und Bürgern gestiftet worden. „Es war eine friedliches und fröhliches Projekt.“

Am Teppich sind unterdessen noch zwei weitere Mädchen zur Gruppe gestoßen. Auch sie wollen mithelfen. Eine der erfahreneren Teilnehmerinnen verrät noch eines der Erfolgsgeheimnisse des Projekts: „Man steht nicht auf, bis das Motiv fertig ist.“ Dann beugt sie sich wieder über den Teppich und stickt weiter. Für einige Minuten ist es wieder ganz still in der Bücherei.

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