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Gerhard Zerth mit Besucher im kleinen Wohnzimmer seines Hauses.

Frankfurter Rundschau

Unabhängigkeit als Leitsatz

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Gerhard Zerth, der frühere Vorsitzende der Karl-Gerold-Stiftung, der die FR gehörte, feiert seinen 90. Geburtstag. Auch im hohen Alter lässt ihn das ungewisse Schicksal der deutschen Zeitungs-Landschaft nicht los.

Kleine, schmucke Häuschen mit viel Grün dazwischen reihen sich hier am Rande von Oberursel. Gerade versinkt die Sonne hinterm Horizont. Die Stille fällt auf, kein Lärm, nur das Rauschen der Bäume und das Zwitschern der Stare, die sich jetzt zum abendlichen Stelldichein in den Wipfeln treffen. Gerhard Zerth führt den Besucher in das bescheidene Wohnzimmer, an der Wand sind Familienphotos aufgereiht, die er selbstironisch „die Ahnengalerie“ nennt. Seit 1963 wohnt der gebürtige Ostpreuße jetzt hier, mit seiner Ehefrau Ruth, die er seit 70 Jahren kennt, wie beide lächelnd feststellen und sich dabei freuen wie ein junges Liebespaar.

Kontinuität, Beharrlichkeit, das Verteidigen der Welt, die einmal für gut befunden wurde: Das sind Tugenden im Leben des Mannes, der am 21. November seinen 90. Geburtstag feiert. „Zwölf Kilometer sind es von hier zur Frankfurter Rundschau gewesen“, erinnert er sich. Die Zeitung war auch eine feste Größe in diesem Leben: 21 Jahre lang, von 1984 bis 2005, lenkte er als Vorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung die Geschicke des Blattes, gemeinsam mit dem Vorstand. Der Stiftung gehörte die Zeitung damals zu 100 Prozent, heute hält sie noch einen zehnprozentigen Anteil.

Zehrt strahlt Ruhe aus im Gespräch, er sprudelt über von Anekdoten, wirkt jünger als sein tatsächliches Alter. Die familiären Wurzeln prägen ihn bis heute. In Elbing, nahe der Ostseeküste, in Masuren ist er geboren, damals Teil des Deutschen Reiches, heute eine polnische Stadt. Der Vater Postbeamter, die Vorfahren Bauern. „Viele Menschen dort sind nach dem Dreißigjährigen Krieg als Siedler gekommen“ – Zehrt hat sich intensiv mit der Geschichte seiner Heimat beschäftigt.

Es ist eine „christlich-evangelische“ Familie, „christlich, sozial und liberal“, wie er festhält. „Aus meinem Glauben habe ich zu keiner Zeit einen Hehl gemacht“, noch heute ist das so. In seiner preußischen Herkunft macht der studierte Jurist positive Grundzüge aus: „Der Dienst am Gemeinwesen, das Gefühl, wir sind das Gemeinwesen“. Freilich ist auch der Jugendliche zu dieser Zeit durchaus begeistert für den nationalsozialistischen Staat: „Ich bin Jungvolkführer gewesen.“

Doch der Vater weigerte sich wie alle Familienmitglieder, in die NSDAP einzutreten – das war mit seinem Glauben nicht vereinbar. In der Folge blieb er stets einfacher Landbriefträger, wurde nie befördert. Aus den Erinnerungen seines Sohnes wird deutlich, wie arm die Landbevölkerung damals war: „In meiner Klasse fanden sich nur zwei Kinder, deren Eltern Arbeit hatten.“ In der Schule gab es die sogenannte „Quäkerspeisung“: Kakao und ein Einback, ein kleines Gebäck aus leichtem Hefeteig.

Zehrt steht noch deutlich der 1. September 1939 vor Augen, als sein Vater „kreidebleich“ in die kleine Wohnstube stürzte, mit dem Ruf: „Der Krieg ist ausgebrochen!“ Am 1. Juli 1943 wurde auch der Sohn zur Wehrmacht eingezogen, er kämpfte an der Ostfront. Bis heute fällt es ihm schwer, über das Erlebte zu sprechen: „Die Angst kam, sobald der erste Schuss gefallen war.“ 1945 entkamen die Mutter und die Schwester in letzter Minute mit einem Flüchtlingstreck vor den heranrückenden russischen Truppen, die Einheit von Zehrt kapitulierte erst am letzten Kriegstag, am 8. Mai 1945, in Lübeck.

Zerstörte Städte, Tote und Verwundete überall: Für die Nachfahren ist schwer zu verstehen, woher diese Generation die Kraft und den Mut nahm, für ein neues, demokratisches Deutschland zu kämpfen. Zehrt denkt lange über eine Antwort nach. „Der Mut kam von alleine, die Kraft kam aus dem Glauben“, sagt er dann. „Der Glaube hat mir sehr geholfen, zu jeder Zeit“.

Für ihn und die Gleichaltrigen damals war das Ziel klar umrissen: „Wir wollten alles tun, um einen neuen Krieg zu vermeiden!“ Noch 1945 begann er, in Münster Jura zu studieren. Als er seinen Bruder in Gießen besuchte, lag dort auf dem Küchentisch eine neue Tageszeitung, die bei den jungen Menschen sehr beliebt war: Die Frankfurter Rundschau, gegründet am 1. August 1945.

Der Student Zehrt wurde Rundschau-Leser, wie viele seiner Kommilitonen damals. „Mir gefiel das soziale Engagement der Zeitung, die liberale Haltung.“ In der Rundschau fiel ihm eine Stellenanzeige ins Auge: Eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft suchte einen Juristen. Der Student gab in Frankfurt, in der Anzeigenabteilung der FR in der noch halb zerstörten Schillerstraße, mit klopfendem Herzen seine Bewerbung ab. „Ich wurde genommen, obwohl es 50 Bewerbungen gab.“

So kam er nach Frankfurt, erlebte den Aufbruch der Stadt aus den Trümmern. „Es gab für uns ein Motto: Bildung, Bildung, Bildung!“ Die Zeitung, die den Stoff dafür lieferte, die aber auch einen entschiedenen Kurs gegen die Wiederbewaffnung der jungen Bundesrepublik steuerte, war die FR. Bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft lernte der junge Jurist einen Kollegen kennen, mit dem er sich gut verstand: Sein Name war Horst Engel.

Mit Gerold zusammengerauft

Bald erhielt das Unternehmen den Auftrag, die Wirtschaftsprüfung für das Druck- und Verlagshaus Frankfurt zu übernehmen, das die FR herausgab. So betrat Zehrt in den 50er Jahren zum ersten Mal das neu gebaute Rundschau-Haus am Eschenheimer Turm, begegnete einem äußerst dynamischen Mann, dessen burschikose Umgangsformen ihm auffielen: Dem Verleger und Chefredakteur Karl Gerold. „Der hat alle geduzt!“ Das widerstrebte dem preußisch geprägten Zehrt zwar – und doch raufte er sich mit Gerold rasch zusammen. Ihm gefiel dessen kämpferische, antimilitaristische Haltung.

1965 stieß ein neuer Mann zur Rundschau-Spitze: Horst Engel wurde stellvertretender Geschäftsführer, rückte 1975 nach dem Tod Gerolds zum Vorsitzenden der Geschäftsführung auf – und blieb es bis 2003. Engel und Zerth als Vorsitzender der Karl Gerold-Stiftung bildeten bald ein unzertrennliches Tandem. Und doch haben die beiden Freunde sich „nie geduzt“ – bis zum Tode Engels 2003 nicht.

Bei jedem Besuch der geliebten Insel Sylt schaut Zerth noch heute beim Grab des Verlegers vorbei, auf dem sturmzerzausten kleinen Friedhof der Gemeinde Keitum, hinter der alten Dorfkirche, in einer Reihe übrigens mit der „Spiegel“-Legende Rudolf Augstein. „Der Name Engel wird viel zu selten genannt, wenn es um die Rundschau geht“, urteilt Zerth: „Die FR hat ihm viel zu verdanken.“

Mit den beiden Männern in Verantwortung stieg das Druck- und Verlagshaus bis zu einer Größe von mehr als 1700 Mitarbeitern auf. Die Druckerei in Neu-Isenburg wurde zu einem hochmodernen Druckzentrum ausgebaut, mit wichtigen Fremdaufträgen wie der Herstellung der Bild-Zeitung.

Oberster Leitsatz der Gerold-Stiftung war stets die Überparteilichkeit und Autarkie. „Ich wollte die vollkommene Unabhängigkeit der Redaktion bewahren“, sagt der frühere Vorsitzende. Bis heute ist er überzeugt: „Keine Redaktion war so frei wie die der Frankfurter Rundschau!“ Nie habe es einen Eingriff der Geschäftsführung oder der Stiftung in redaktionelle Inhalte gegeben. Doch dann kam ab 2001 die große Krise, die Anzeigenerlöse brachen dramatisch ein, das Druck- und Verlagshaus sah sich gezwungen, sein Stammgelände am Eschenheimer Turm zu verkaufen.

Und Engel und Zerth suchten nach Auswegen. Schon 2004, so verrät es der Jurist heute, habe er Gespräche mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über eine wirtschaftliche Zusammenarbeit geführt. Vertreter beider Seiten hätten sich mehrfach getroffen. Doch eine Vereinbarung kam nicht zustande: „Die Zeit war noch nicht reif.“ Im heutigen Modell der Rundschau GmbH, die FAZ und Frankfurter Societäts GmbH gehört, sieht er eine gute Lösung: „Sie repräsentiert das Kaleidoskop der deutschen Gesellschaft.“ Zehn Prozent der Anteile hält noch immer die Gerold-Stiftung.

Auf dem Tisch im Wohnzimmer serviert Ehefrau Ruth jetzt Kaffee und Gebäck. Eine fast weihnachtliche Stimmung entsteht in der kleinen Stube. Draußen vor den Fenstern ist es schon stockdunkel geworden.

Auch im hohen Alter lässt den früheren Manager das ungewisse Schicksal der deutschen Zeitungs-Landschaft nicht los. „Die Zeitungen haben eine Zukunft“, davon ist er überzeugt, „allerdings wird es nicht leicht sein.“ Den Weg, den Internet-Auftritt der Blätter endlich grundsätzlich kostenpflichtig zu machen, beurteilt er skeptisch. „Dafür ist zu viel Zeit vergangen, das hätte schon längst geschehen müssen.“ Nein, Gerhard Zerth sieht die Bundesregierung in der Pflicht, etwas für die Zeitungen zu tun., etwa durch Steuervergünstigungen. „Die Gemeinschaft muss sich engagieren“. Da scheint die preußische Tradition wieder durch.

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