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Rekonstruktion der Synagoge in einem Fernrohr.

Juden in Frankfurt

Jüdische Geschichte in Höchst sichtbar machen

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Höchst hatte einst eine blühende jüdische Gemeinde. Der Verein für Geschichte und Altertumskunde fordert, in dem Frankfurter Stadtteil die Grundmauern der ehemaligen Synagoge freizulegen.

Über 150 Jahre war eine blühende jüdische Gemeinde in Höchst ansässig. Wie vielerorts, änderte sich das mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938. Das allein ist erinnerungswürdig. Aber auch die Ursprünge des jüdischen Lebens im Stadtteil sind erzählenswert, findet der Verein für Geschichte und Altertumskunde Höchst. Am Mittwoch widmet er einen Vortrag seiner Veranstaltungsreihe über Höchster Geschichte(n) jüdischen Bethäusern.

„Höchst war braun“, sagt Referent Wolfgang Metternich eingangs. „Die Vertreibung und Ermordung der Juden war hausgemacht.“ Rund 50 Prozent aller Bürger hätten schon 1933 die NSDAP gewählt. „Viele von ihnen waren maßgeblich am Pogrom beteiligt“, weiß der Historiker und Archäologe. Die Thematik ist in Anbetracht des wiedererstarkenden Rechtspopulismus hochaktuell und das Interesse am Vortrag entsprechend groß. Im vollbesetzten Saal des Porzellan Museums an der Bolongarostraße ist man sich einig: Die Stätten der NS-Verbrechen in Höchst müssen sichtbarer gemacht werden.

„Es braucht eine würdige Aufbereitung dieser Plätze, damit ihre Geschichte nicht vergessen wird“, betont Metternich – und geht mit gutem Beispiel voran. Mit alten Stadtplänen und Computerrekonstruktionen erinnert er in seiner Präsentation eindrücklich an die Gotteshäuser – von der Entstehung bis zur Zerstörung. „Alles begann 1778 in einem Privathaus an der Bolongarostraße, das 20 Juden als Gemeindezentrum diente.“ Heute befindet sich in dem Gebäude eine Kneipe. „Nichts weist auf seine Geschichte hin. Nicht mal eine Erinnerungstafel oder ein Stolperstein“, moniert der Historiker.

Jüdische Gemeinde wuchs rasch

Argwöhnisch betrachtet wurden die Juden damals schon, aber geduldet, und so wuchs die jüdische Gemeinde rasch. 1798 erwarb sie weiteren Grundbesitz am heutigen Ettinghausen-Platz. Dort wurde zunächst eine Mikwa für das rituelle Frauenbad eingerichtet. 1806 pachtete die Gemeinde zudem den benachbarten Hinterturm, der einst Teil der Stadtbefestigung gewesen war und seit dem Stadtbrand 1778 leer stand. Ab 1816 wurde in den ausgedünnten Grundmauern des Turms eine Synagoge eingerichtet. Schon 1860, als die Gemeinde über 60 Mitglieder zählte, reichte der Platz nicht mehr aus und so plante sie auf der benachbarten Freifläche eine größere Synagoge. Die Einweihung im verlängerten Arm des Höchster Marktplatzes fand 1905 statt. Mehr als 120 Juden besuchten dort fortan den Gottesdienst.

„Damals hieß es im Stadtteil, man wolle das aufblühende jüdische Leben unterstützen“, erzählt Metternich. Dreißig Jahre später galt das Versprechen nicht mehr. In der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge verwüstet und angezündet. Sie brannte vollständig aus und wurde später abgerissen. „Ihre Grundmauern sind aber noch da, direkt unter dem Pflaster des Ettinghausen-Platzes“, weiß Metternich. „Sie sollten freigelegt und der Platz angemessen hergerichtet werden.“ Auch Waltraud Beck von der „Arbeitsgemeinschaft Geschichte und Erinnerung Höchst“ plädiert dafür: „Es soll sich endlich was tun.“ Das Kulturdezernat hätte ihr immerhin mündlich zugesagt, dass bald die letzten zwei kranken Bäume gefällt werden sollen und dann mit den Grabungen begonnen werden kann. Zurzeit erinnert vor Ort lediglich ein Fernrohr, in dem eine 3D-Computerrekonstruktion der Synagoge zu sehen ist, an die NS-Verbrechen.

Der Verein für Geschichte und Altertumskunde Höchst lädt immer im ersten Quartal eines Jahres zu drei kostenfreien Vorträgen ein. Im Januar, Februar und März referiert je ein Vereinsmitglied über ein anderes Thema.

Die Veranstaltungen finden im Porzellan-Museum in der Bolongarostraße 152, statt. Der nächste Termin: Mittwoch, 13. Februar, 19.30 Uhr. Referent Jürgen Rothländer wird über „Die historischen Gaststätten von Höchst“ sprechen, hoechstgeschichte.de

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