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Die Schauspielerin und Regisseurin Adriana Altaras spricht am Mittwoch in der Paulskirche in Frankfurt am Main.

Adriana Altaras

Trauer to go

Zur Erinnerung an die Pogromnacht am 9. November 1938 hat der Frankfurter Magistrat zu einer Gedenkstunde in der Paulskirche eingeladen. Es sprach die Schauspielerin und Regisseurin Adriana Altaras zu den Gästen. Ihre Eltern sind Überlebende des Holocaust. Hier ihre Rede in voller Länge

Ich möchte mich als erstes für die Einladung bedanken, hier sprechen zu dürfen. Es ist eine große Ehre wie eine ebenso große Verantwortung, denn der 9.11. ist ein Tag, und ich weiß, da sage ich niemandem hier etwas Neues, ein Tag in vielerlei Hinsicht von großer, allzugroßer, häufig furchtbarer Bedeutung.

In meiner Familie, wir sind Juden, nahm die Zeit um den 9.November herum, seitdem wir in Deutschland wohnten, zunehmend groteskere Formen an. Meine Eltern wurden ab Mitte Oktober blasser und blässer, sie wurden von allen möglichen Zeitungen, Rundfunk und Fernsehanstalten gebeten, sich zum 9.November zu äußern. Sie taten es vorbildlich, mit großem Bewusstsein und nicht ohne einen gewissen Stolz: es verlieh ihnen Würde - sie fühlten sich gebraucht, ja wichtig in ihrer neuen Heimat.
Sie waren zwar in Deutschland, im Land der Täter, aber genau hier - glaubten sie - konnten sie etwas verändern, genau hier wollte man ihnen zuhören. Es gab ihnen, so absurd das klingen mag, sogar eine Rechtfertigung dafür, hier zu sein.

Gleichzeitig war es aufreibend für sie, diese Zeit nahm sie mit. Zuhause überprüften sie laut oder in Gedanken ihre Worte. Im Fernsehen liefen verstärkt Berichte über alle möglichen Lager, Zeitzeugen hatten das Wort, Erinnerungen kamen hoch. Dennoch wurden alle Sendungen nahezu lückenlos angeschaut, gelegentlich aufgezeichnet, um sie wiederholt sehen zu können. So war, jedes Jahr neu, Anfang November eine schrecklich aufreibende Zeit. Schlagartig mit dem 10. November hatte alles ein Ende. Die Saison war auf einmal wieder vorbei: Traumschiff, Beckmann und das Auslandjournal übernahmen wieder die Sendeplätze, bis Mitte Oktober des folgenden Jahres.

Meine Eltern erholten sich allmählich, nur durch die Woche der Brüderlichkeit im Januar aus ihrem Trott, ihrem Alltag herausgerissen. Aber diese Woche war harmlos, im Gegensatz zu der brachialen Wucht des 9. Novembers.

Als ich älter wurde, Schauspielerin, und auch als Jüdin bekannter, stand auch bei mir das Telefon im November nicht mehr still: man brauchte Nachschub für die Talkshows, die erste Generation der Zeitzeugen starb aus, also war man auf die second Generation, auf die Nachkommen angewiesen ...
Ich bin gerne zu Biolek, zu Christiansen gegangen. Sie fragten klug, vorsichtig, mit Gespür, die Gespräche waren in Ordnung. Aber hinterher war ich ratlos. Fragte ich mich immer und immer wieder: Was hatte ich gesagt? Für was war es gut? Hatte es irgendeinen Sinn? Hatte das, was ich gesagt hatte, irgendeine Wirkung? Würde es nun nie wieder Antisemitismus geben?
Und heute stehe ich hier, in der Paulskirche, die selbst eine Gedenkstätte ist, soviel hat sie schon erlebt! Sie allerdings steht für das Positive: den Beginn der Demokratie in Deutschland. Die Demokratie, die es möglich macht, daß ich heute hier stehe und sprechen kann.

Aber ehrlich - wenn sie mich fragen: Ich bin kein Freund von verordneter Trauer! Punktgenau, Zeitgebunden. Handlich: Trauer to go.
Verstehen sie mich recht: Trauertage, Erinnern, Gedenken gehören zum Menschenleben wie frohe Feste und Feiertage. Jede Gesellschaft macht sich mit den offiziellen Feiertagen ein Bild von sich. Ich frage mich nur: Sind unsere Formen der öffentlichen Trauer so noch machbar? Und was ist nach dem 9. November, an den anderen 364 Tagen? Ist alles erledigt mit diesem einen 9.November?

Ich bin mir sicher ihre Trauer ist echt und ernsthaft. Aber in dem Moment, wo Trauer zur Gewohnheit, zum starren, verordneten Ritual wird, verliert sie ihren Sinn und ihre Wirkung nach innen, wie nach außen. Man hat es sich im Deutschland der vorbildlichen Trauerarbeit, im jährlichen Gedenken ein wenig gemütlich gemacht.

Mir fällt ein Witz dazu ein, den mein Freund Albert mir neulich erzählt hat: Frau und Herr Rotschild aus Washington besuchen das Lager Auschwitz. Es regnet, er hat den Schirm im Hotel vergessen. Der Ausflug wird zum Desaster. Zwei Tage spricht Golde mit ihrem Mann Jossi kein Wort. Dann lenkt er ein: „Schau Golde, es tut mir doch leid!“ Und Golde antwortet: „Ach, was soll Jossi, vergessen wir das Ganze, but you ruined my Auschwitz.“ Du hast mir mein Auschwitz verdorben....ich hatte mich doch so gut darin eingerichtet! Ich will mit ihnen heute nicht darüber sprechen: Humor nach Auschwitz, Lachen nach Auschwitz nein,– Ich möchte nur bemerken: hat man es sich in der Trauer gemütlich gemacht ist es schon zu spät. Vielleicht sind wir ein wenig zu routiniert geworden, und das jährliche Ritual hat so seinen Sinn eingebüßt?

Vielleicht ist freiwilliges Trauern überhaupt ein Paradoxon. Wer will schon freiwillig an Millionen Tote denken? An die vielen Vernichtungslager, Demütigungen, Krieg? Und trotzdem, ich bin davon überzeugt, dass Gedenken möglich ist ohne Druck, ohne vorgeschriebenen Termin.
Wissen sie: Ich habe tonnenweise Gedenkliteratur gelesen. Die Unfähigkeit zu trauern , der Mahnmaldiskurs , vom Unterschied staatlicher und privater Trauerarbeit. Von staatstragenden Reden zu Kranzniederlegungen. Immer wieder hinterließ es bei mir, einen schalen Geschmack. Ich wurde das Gefühl, nicht los, dass gerade vor lauter guten Vorsätzen das Gegenteil passierte. Müdigkeit, Überdruss machten sich breit, nicht nur bei der Jugend.
Müssen wir uns nicht fragen: Wie kann ein Gedenken, ein Mitfühlen in unserer Gesellschaft heute aussehen?
Verordnet und unfreiwillig als volkspädagogische Pflichtveranstaltung geht es jedenfalls sicher nicht, davon bin ich felsenfest überzeugt.

Ich gebe zu, ich habe leicht reden: meine Trauer ist immer da. Sie ist weder an Ort noch Zeit gebunden. Die Erinnerungen kommen und gehen, wann und wie sie wollen, sie steigen in mir hoch, unangemeldet und vom Willen unbeeinflussbar. Es vergeht kein Tag bei mir ohne solch einen Moment der Erinnerung, und sei er noch so kurz. Und das, obwohl ich doch nur die zweite Generation bin und nichts davon am eigenen Leib erlebt habe. Ich denke an viele Verwandte, an deren Kinder, an das viele Unglück - und bin für einige Zeit fortgerissen aus dem regen Treiben des Alltags. Dabei war ich gar nicht dabei, noch nicht einmal geboren.

Inzwischen aber ist die einschlägige Forschung soweit, das sie belegt, dass wir Kinder und Kindeskinder die Traumata unserer Eltern mit uns herumtragen. Wenn ich das tue, wir Juden das tun, dann ist es ein leichtes, sich auszurechnen, dass die anderen es auch tun: die Kinder und Kindeskinder der sogenannten Täter, der Mitläufer, oder einfach nur Kinder und Kindeskinder der Eltern und Großeltern, die diesen nicht enden wollenden Krieg, dieses weltweite Desaster miterlebt haben.
Kurzum: wir sitzen alle im selben Boot. Ein schwer beladenes Boot, voller ererbter Traumata, Verdrängungen, voller Wut und Trauer. Der Krieg ist über ganz Europa gefegt, und hat niemanden unberührt zurückgelassen.
So treffen wir aufeinander. Neurosen, Vorwürfe, Ängste, auf beiden Seiten. Ein Heer an Therapeuten müsste rund um die Uhr arbeite.
Aber wir sind nicht die Opfer und die Täter, wir sind die Kinder und Kindeskinder und das ist ein gravierender Unterschied.

Wie kommen wir da raus - würden sie nun gerne wissen? Ich habe keine Patentlösung - muss ich ihnen leider mitteilen.
Ich weiß nur, es wird besser und es wird möglich. Und nicht nur weil die Zeit vergeht, denn die Zeit heilt keine Wunden - das weiß ich aus Erfahrung.
Es wird besser, weil meine Generation und die unserer Kinder sich neu begegnen. Glaube ich, oder hoffe ich zumindest. Wüsste ich es genau, könnte ich es in Zahlen belegen, würde ich eine Eingabe im Bundestag machen.
Die Trauer selbst wird immer bleiben, sinnlos sie zu leugnen.
Trauer sucht sich ihren Weg, wie ein Fluss in einem zugeschütteten Flussbett. Sie wegzuschieben, ist unmöglich. Man muss sich ihr Gesicht anschauen, immer wieder, immer wieder neu, immer wieder anders. Von Generation zu Generation aufs Neue. Tut man das nicht, wird der einzelne krank, oder gar ein ganzes Land. Aber die Trauer verändert sich, so wie jede Zeit ihre eigene Erinnerung hat. Wie erinnern wir uns heute? Wie werden unsere Kinder gedenken?
Vielleicht ist es an der Zeit, daß sich eine Gruppe, eine Arbeitsgruppe vielleicht, kluger Köpfe und empathischer Herzen zusammenfindet um eine Weile darüber nachzudenken.

Als meine Eltern mit mir in den frühen 60er Jahren nach Deutschland kamen, gab es ca. 8.000 Juden und 600.000 Ausländer oder Menschen mit Migrationshintergrund, wie man das heute so hübsch nennt. Heute gibt es mittlerweile etwa 7 Millionen Ausländer und ungefähr 100.000 registrierte Juden leben in der Bundesrepublick.
Wir fassten damals Fuß in Gießen, was wahrlich nicht der Nabel der Welt ist. Meine Eltern nahmen Abschied von ihrem bis dato geführten Leben und gaben sich Mühe, in Deutschland anzukommen.
Wir fuhren regelmäßig nach Frankfurt, dort gab es immerhin in der Markthalle Espresso und Mozarella. Wir gingen jedes Wochenende in den Zoo, diese wilden Tiere waren nicht nationalistisch und störten sich nicht an meinem fehlenden deutschen Vokabular.
Meine Eltern hatten lange für ihre deutsche Staatsbürgerschaft gekämpft. Meine Mutter hatte über 4 Jahre Anträge aller Art gestellt, in denen sie beweisen musste, daß sie eine deutsche Jüdin war, Sie – musste genauestens schildern, warum und wie sie verfolgt wurde.
Als ich Jahre später diese Unterlagen bei ihr fand, war ich außer mir vor Wut. Was für Menschen saßen in diesen Ämtern, denen man erklären musste, warum und wie man den gelben Stern zu tragen hatte, auch außerhalb Deutschlands? Die Demütigungen, denen meine Mutter ausgesetzt war, gingen mir viele Monte nicht aus dem Kopf.
Warum wollten sie unbedingt nach Deutschland? Amerika, Australien, Kanada - ich wäre so gerne in New York geboren worden...
Sie wollten nach Deutschland, weil das die kulturelle Heimat meiner Mutter war. Sie wollten in Europa bleiben, weil sie sich trotz allem als Europäer fühlten.
Heute bin ich froh darüber. Kein Land in Europa hat sich mit seiner Geschichte so heftig auseinander gesetzt und auseinandersetzen müssen. Österreich, Frankreich, Spanien, und auch die angeblich so neutrale Schweiz haben da noch einiges vor sich, was ihre Aufarbeitung betrifft.
Damals in den sechziger Jahren jedenfalls waren wir fremd, sehr fremd hier.

Mein Vater, Oberarzt an der Giessener Uniklinik, tat sich schwer im überschaubaren Giessen. Jede halbe Stunde hörte er Nachrichten auf seinem Weltempfänger, wie ein Reserveoffizier der Geschichte, den man plötzlich wieder einberufen könnte. Ob am Baggersee oder in seinem Klinikzimmer, ein Partisan ist immer auf der Hut, egal wo. Er würde sich nicht noch einmal verfolgen lassen, nirgendwo, niemals mehr.
Inzwischen fuhr meine Mutter mit ihrem Renault Clio durch Hessen, auf den Spuren des Landjudentums, das es einmal in großer Anzahl hier gegeben hatte.
Sie erzählte, immer wieder hätten Dorfbewohner sie für Rivka, Rachel oder Leah gehalten, die nun zurückgekommen sei, endlich nach so langer Zeit. Manchmal aber, wenn sie die ehemalige Synagoge oder das Ritualbad, die Mikwah, fotografieren wollte, hatte man ihr die Tür vor der Nase zugeknallt: “Ihr schon wieder? Das ist jetzt mein Haus, hier gab es keine Juden! usw“ hätte die Bewohnerin gerufen.
Warum tat meine Mutter sich das an? Sie durchforschte das Gebiet, als sei sie auf der Suche nach ihrer eigenen Familie. Sie fuhr durch Hessen, als sei es ihre alte Heimat. Sie suchte nach den verlorenen Menschen, nach dem verlorenen Leben, als sei sie wieder zur Sommerfrische auf dem Land bei ihrer Tante Alma und ihrem Onkel Marco. Die Politik ehrte sie schliesslich, etwas peinlich berührt und erleichtert, dass jemand diese undankbare Aufgabe übernommen hatte. Die Kirchen luden sie zu Vorträgen ein, man behängte sie mit hässlichen Orden.

Irgendwann griff aber auch bei meinen Eltern die alte Emigrantenweisheit: “Richte dich ein, als wärs auf ewig.“ Das taten sie und gründeten eine jüdische Gemeinde. Nicht nur das, sie sorgten dafür, daß Giessen ein neues Gemeindehaus bekam, die kleine Landsynagoge aus dem Dorf Wohra wurde umgesetzt.
Alle beteiligten sich und nicht nur an den Kosten - Land ,Stadt, Privatpersonen. Der Verein für christlich jüdische Zusammenarbeit, der Oberbürgermeister, der Dekan der Medizinischen Fakultät, die kleine MTA. Alle bekamen Aufgaben, Juden wie Nichtjuden: ganz Giessen eine jüdische Gemeinde.
Sie waren nicht allein. Viele, sehr viele halfen ihnen. Sicher, einige taten es aus Schuldgefühlen, aus Scham. Aus dem Wunsch, etwas wiedergutzumachen. Viele taten es aber freiwillig aus Freude und Begeisterung. Und der langjährige Weg, bis die Synagoge stand, war nicht nur Freude, Vergnügen... Ich kenne meine Eltern, sie waren mitreissend, hatten sehr viel Energie, waren aber auch genauso anstrengend. Und sie sind mit den Schuldgefühlen ihrer Mitstreiter sicher nicht ganz fein - eher produktiv umgegangen. Schließlich brauchten sie die Finanzierung der Gemeinde. Sagen wir mal so: 50% der Synagoge Giessen besteht aus dem schlechten Gewissen der Deutschen. Ich kann damit leben. Es hätte schlimmer kommen können.
Meine Eltern bekamen das Bundesverdienstkreuz und Giessen eine wunderschöne Synagoge.

Irgendwann stand dieses Juwel mit Mikhwe mitten in Giessen. Alle hatten mitgeholfen. Giessen hatte eine Synagoge, wo sich ihre Juden, wie Jahrzehnte vorher, wieder in aller Ruhe miteinander streiten konnten.
Als meine Eltern starben, war der Friedhof voll mit ihren nichtjüdischen Freunden. Man war ein grosses Stück Weg miteinander gegangen und nun wollte man sich verabschieden.
Viele der Anwesenden wurden dort auf dem Friedhof in ihrem Philosemitismus stark geprüft, als das Handy unseres Kantors mitten hinein in die rührenden Worte des Vorsitzenden des Vereins für christlich jüdische Zusammenarbeit laut klingelte.
Die christlich jüdische Zusammenarbeit steckt eben doch noch in den Kinderschuhen, - aber das ist eine andere Geschichte.

Aber: mit dem gemeinsamen Bau der Synagoge war in Giessen etwas passiert, was kein 9.November, keine Woche der Brüderlichkeit vermag.
Man war sich wieder näher gekommen, hatte zusammen etwas aufgebaut. Sich ausgehalten. Auch wenn der eine Partisan und der andere bei der Hitlerjugend gewesen war. Auch wenn der eine langsam und gründlich war, der andere schnell und nach Knoblauch roch.
Es gab Rückfälle, Vorwürfe, Misstrauen. 100 Mal wollten meine Eltern aufgeben. 100 Mal die anderen. Sie haben es nicht getan. Sie haben jeden Tag miteinander zu tun gehabt. Im Grunde war jeder dieser Tage eine Art Gedenktag.
Das Konkrete hat aus dem Gedenktag eine Begegnung gemacht. Darin könnte z.B. ein Schlüssel für neues Gedenken liegen. Vielleicht.
Zurück zum 9. November.

(Als ich meiner 91jährigen, sehr rüstigen Tante erzählte, ich würde heute hier in der Paulskirche sprechen, begriff sie an dem Ton meiner Stimme die Wichtigkeit des Moments. Sie nickte mit ihrem zarten greisen Köpfchen und fragte dann höflich: „Was, Adriana, ist nochmal der 9 November?“ – „Aber Tante“, antwortete ich empört, „das ist die Reichskristallnacht, die Progromnacht. Weißt du das nicht mehr??“ – „Ach so, ja ja ...“ sagte sie schnell, fast heiter. Das Alter nimmt die Trauer gelegentlich ein Stück weit mit, dachte ich, und wie gut sie es jetzt hat. Trotzdem hörte ich sie nachts beten, der Herr möge doch dafür sorgen, daß es nie wieder einen Hitler gäbe, und daß der Deutsche Staat doch bitte die Wiedergutmachungszahlungen nicht einstellen solle.)
Die Traumata, die damit verbundene Trauer werden nie vergehen.

Aber der 9.November hat für mich noch eine ganz andere Bedeutung:
Die Geburtstermine meiner beiden Söhne waren für den 9.November errechnet.
Das hast du fein gemacht, dachte ich mir. Gut terminiert. Da bekommst du als Jüdin Kinder in Deutschland, und sie müssen unbedingt am 9.11. auf die Welt kommen? Waren alle anderen Termine ausverkauft?
Sie kamen - netterweise - einer zu früh und der andere zu spät zur Welt. Beide aber in Berlin. Sie sind Berliner.
Sie lieben ihre Stadt, sie lieben ihr Land. Das ist das Neue: Es ist ihre Heimat!
Der Grosse freut sich, daß Deutschland wieder einmal Exportweltmeister ist. Er ist zufrieden mit der Konjunktur und mit dem Wirtschaftshaushalt. Der Kleine trägt voller Inbrunst das T-Shirt der Nationalelf, gerne auch nachts.
Sie wissen über unsere Vergangenheit, sie wissen über den Krieg, die Vernichtung. Die immensen Verluste im familiären Kreis. Sie identifizieren sich trotzdem mit Deutschland. Und - gleichzeitig mit Israel.
Im Sommer allerdings haben sie mich nach den Berliner Wahlplakaten der NPD gefragt. Sie haben mich gefragt, wieso ein Plakat mit „ Gas geben!“ hängen durfte in einem Land, wo man mit Gas nicht gerade zimperlich umgegangen ist. Ich konnte ihnen das nicht beantworten. Der Grosse kam zu dem Schluss, da sich diese Partei damit selbst disqualifiziere und zu ihrem Verbot einen schönen Beitrag geleistet habe. „Hoffen wirs, antwortete ich.
Beide gehen sie in Berlin auf jüdische Schulen, aber nachmittags besuchen sie Sportvereine, in denen die Kinder Branko heissen, Murat oder Johannes. Ihr Umfeld war seit jeher gemischt, und - um unseren Bürgermeister zu zitieren -: “das ist auch gut so.“
Und sie haben einen nichtjüdischen, einen deutschen Vater. Einen guten Vater, aber er ist halt kein Jude, was meiner Familie lange Zeit grosse Sorgen bereitet hat. Meine Eltern nannten ihn monatelang Hans und behaupteten, sie könnten sich beim besten Willen nicht an seinen Namen erinnern. Er hatte es nicht leicht, aber als guter Westfale hat er es ausgesessen. Und dennoch, manchmal mache auch ich ihn verantwortlich für Dinge, die weit vor seiner Geburt liegen.
Der Prozess der Begegnung, sehen Sie, läuft in unserer Familie noch immer auf Hochtouren.
Das Thema Juden und Deutsche wird nie ein einfaches, das macht aber nichts. Es wird ein sensibles, leicht verletzliches Verhältnis bleiben, warum auch nicht. Es braucht keinen Schlussstrich. Die Bürger sind mündig genug, das Traurige, Ungelöste auszuhalten. Da bin ich mir sicher.

Wie, um noch einmal die Frage zu stellen, läßt sich Erinnerung lebendig,konkret halten – denn: das wissen Sie alle von den 56 Jahren Vorrednern vor mir: Unsere Toten sind erst tot, wenn wir sie vergessen.

Was halten sie davon, wenn es bei uns wie in Israel zum JomHaShoah, dem Holocaust-Tag, eine Schweigeminute gäbe. Einen Moment der Stille, die Busse, die Autos halten an, die Menschen steigen aus, Kinder hören auf zu toben, Schüler blicken auf von ihrer Lateinklausur, Handwerker von ihrer Arbeit. Eine Minute im Jahr, um die Trauer zu teilen, Mitgefühl zu zeigen für all die jenigen, die ihrer Lieben gedenken. Und vielleicht führen die Gedanken über den 9.11. zu anderen unschuldigen Flüchtlingen, die gerade jetzt verfolgt werden. Um einen Gedanken zu verschwenden daran, wozu generell Menschen in der Lage waren und sind. Heute in vielen Teilen der Welt.1 Minute zu Schweigen, ist konkret, schon Kinder können das.

Eine Minute ist wirklich nicht sehr lang. Allerdings: Schweigen, das ist heutzutage gar nicht mehr modern, Stille wird fast schmerzhaft empfunden.
Vielleicht ist es übertrieben zu glauben, daß Aufarbeitung, Gedenken Freude machen kann. Es ist schmerzhaft, aber es fühlt sich richtig an.
Herr Rappaport wurde ans Kreuz genagelt. Ich weiß leider nicht mehr, warum. Sein Freund Moishe kam vorbei und fragte: Mensch Rappaport, tut das nicht weh an den Armen und Füssen? Nein, sagte Rappaport, kaum, nur wenn ich lache!
Sich in die Lage des anderen zu versetzen, sein Leid einen kurzen Moment mitzutragen, das wäre schön. Ohne Lösungsvorschläge, ohne Schuldzuweisung, ohne die Geschichte beenden zu wollen. Nur gemeinsam auszuhalten - das ist doch schon mal was.

Und nun kommen wir zu einem zentralen Problem: Die meisten Menschen in Deutschland, unter ihnen Philo- wie Antisemiten, kennen gar keinen Juden. So ist sieht es nämlich in der Bundesrepublik aus. Tote Juden. Das ist ein Begriff. Orthodoxe Juden.Und die ganz Harten sprechen immer noch von den „reichen Juden“, „die können doch mit Geld...“ Schliesslich gibt es die besonders Schlauen, die ein Gen gefunden haben wollen, das nur Juden haben und sie intelligenter macht...
Werden alle Juden klug geboren? Nein, aber die dummen lassen wir gleich taufen ... Fällt mir nur dazu ein.

Ich kenne genausoviele kluge wie dumme Juden wie Nichtjuden, das kann ich ihnen versichern.
Denn was kennen die Menschen wirklich von uns? Was wissen sie von uns? Wenig!
Das merke ich, wenn ich auf Lesereisen bin, die vielen Fragen, die mir gestellt werden. Und in der langen Nacht der Synagogen gibt es in Berlin einen nie endenvollenden Besucheransturm.
Was genau ist koscher? Wie wird geschächtet? Tut das dem Tier nicht weh? Wie wird beschnitten? Und wann? Jahrhunderte alte Fragen.
Allmählich werden die Fragen konkreter, direkter, moderner.
Wie leben sie als Jüdin heute in Berlin? Haben sie Angst? Ressentiments? Was lernen die Kinder in der jüdischen Schule? Warum gehen sie überhaupt auf jüdische Schulen? Wer genau bewacht sie? Sie leben mit einem Nichtjuden zusammen? Geht denn das?
Ich freue mich über die Fragen. Sie zeigen Interesse und die – verständliche - Berührungsangst nimmt vorsichtig ein klein wenig ab.

Ja. Es gibt sie: die Jüdinnen, die in Deutschland leben. Mit Jüdischen oder Nichtjüdischen Männern. Die modern und unorthodox sind und sich trotzdem um ihre Tradition kümmern .Die genauso hysterisch werden bei der Vorbereitung des Seders, des Abendessen vor unserem grossen Pessachfest, wie Millionen anderer Frauen am ersten Weihnachtstag. Deren Kinder dreimal die Woche im Verein Fussball spielen, oder Hockey.
Die... einfach hier leben.
Sehen sie mich an, ich bin eine davon. Fragen sie! Fragen sie, soviel sie können. Und sie werden sehen, es geht. Sie werden Antworten bekommen. Dinge verstehen.
Dies ist meine Haltung, meine Meinung. Fragen sie andere Juden, werden sie ebenso viele unterschiedliche Antworten hören.
Mein Freund „Raffi“ fühlt sich unwohl. Er glaubt nicht an eine wirkliche Verständigung zwischen Juden und Christen, er hält die letzteren für Antisemiten, wenn nicht offen, dann verkappt. „Deine offenen Worte werden sie missbrauchen, um sich zu sagen: Prima, ist alles nicht mehr so schlimm. Deshalb holen sie dich, nur deshalb....
Mein anderer Freund Leo sagt: Wieso geht’s du zu den Goyms, und redest für die? Was willst du von denen? Wir werden nie dazugehören nie, vergiss es!
Ben wiederum macht gar kein Aufheben, es ist ihm egal, er hat keine Zeit, denn er muss gerade Wagners Ring inszenieren. Als Jude wird er seine ganz neue Sicht von Wagner zeigen, sagt er.

Ja so ist das. Alles wahr. Und alles richtig oder verkehrt.
(Als man Aaron nach vielen Jahren auf einer einsamen Insel wiederfindet, zeigt er stolz dem Kapitän seine zwei Synagogen. Aber wozu zwei Synagogen? du warst doch 15 Jahre ganz alleine hier? „Die hier vorne“, antwortet ihm Aaron, “ist meine, in die dort hinten gehe ich auf keinen Fall.“ Auch wenn sie den Witz schon kannten, er ist einfach gut .)

Einerseits und Andererseits, sagt Tevje der Milchmann (von Shalom Alechem) in Anatevka, im Gespräch mit Gott. Und Gott versteht ihn.
Einerseits und Andererseits. Damit möchte ich enden, in der Hoffnung, Sie ein wenig bereichert, vielleicht auch verwirrt zu haben mit meiner ganz persönlichen Sicht zum Gedenken.
Ich danke ihnen, daß Sie mir zugehört haben, und ich freue mich, daß ich den 9. November dieses Jahres hier mit Ihnen verbringen durfte - denn nach alledem ist es kein einfacher Tag. Für niemanden.

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