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Zuhören und verstehen: Die Nazi-Aussteigerin Heidi Benneckenstein zu Gast in der Jüdischen Gemeinde.

Heidi Benneckenstein

Neonazi-Aussteigerin besucht jüdische Gemeinde

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Ihre Kindheit hat Heidi Benneckenstein unter Nazis verbracht. Dann hat sie sich aus der Szene herausgekämpft – und besucht jetzt die jüdische Gemeinde.

Irgendwann wird Heidi Benneckenstein gefragt, wie sich das eigentlich anfühle, als ehemalige Holocaust-Leugnerin in einer der wichtigsten jüdischen Gemeinden des Landes zu Gast zu sein. Die junge Frau überlegt. Es sei komisch, sagt sie dann. Schon ganz früh habe ihre Oma ihr erzählt, dass Juden geldgierig seien und lange Nasen hätten. In ihrem Kinderkopf habe sie sich Juden immer vorgestellt als „ganz finstere Menschen, die böse aussehen“. Aber es sei gut, hier zu sprechen. „Ich bin froh, dass ich hier sein darf.“ Die Gäste im bis auf den letzten Platz gefüllten großen Saal applaudieren.

Es ist ein ungewöhnlicher Abend in der Jüdischen Gemeinde im Frankfurter Westend. Heidi Benneckenstein sitzt auf dem Podium, die in den 90er-Jahren in einer Neonazi-Familie in der Nähe von München aufgewachsen ist, ihre gesamte Kindheit in der völkischen Szene zugebracht hat und erst als junge Erwachsene gemeinsam mit ihrem Mann Felix Benneckenstein ausgestiegen ist. Einer von vielen Anlässen sei ihre Schwangerschaft gewesen, sagt sie. „Das war der Moment, wo ich verstanden habe, dass ich was ändern muss.“

Aus dem Buch „Ein deutsches Mädchen“, das Benneckenstein über ihre Erfahrungen geschrieben hat, wird während des Abends zweimal vorgelesen. Die Auszüge handeln von Neonazi-Lagern der 2009 verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ mit ideologischem Drill, von einem lieblosen Vater, der den Holocaust leugnet, bei seiner Tochter Angst vor einem neuen Weltkrieg schürt und sie nur lobt, wenn sie still und gehorsam vor seiner Modelleisenbahn sitzt. Von altmodischen Blusen und Dirndln, Tischdeckchen mit Runen und einem Kinderzimmer, das nur mit alten Möbeln vom Zoll eingerichtet ist.

Erziehung zu „Elite-Nazis“

Die Szene, in der sie großgeworden sei, bestehe aus gebildeten, sozial etablierten Leuten, die ihre Kinder bewusst zu Nationalsozialisten erzögen, sagte Benneckenstein. Nicht zu grölenden Stiefelträgern, sondern zu „Elite-Nazis“. „Das waren fast ausschließlich Kinder aus besseren Familien.“ Schon früh habe sie gelernt, Angst vor Staat und Polizei zu haben und Spielzeug mit Hakenkreuzen im Ernstfall schnell vor Gästen zu verstecken.

Einmal, mit 16, sei sie auch gewalttätig geworden, erzählt Benneckenstein. „Es ist mir unangenehm, aber ich finde es wichtig, darüber zu sprechen.“ Beim Begräbnis des Nazi-Kaders Friedhelm Busse habe sie gemeinsam mit Anderen auf einen Journalisten eingeprügelt. „Allein die Tatsache, dass der da war, war für uns genug Provokation.“

Auch über die Rolle von Frauen in der Szene spricht sie ungern: Junge Mädchen würden dort nicht für voll genommen, zwischen den Kameraden herumgereicht und sexuell ausgebeutet. Noch heute verkauften rechte Frauen, etwa bei den „Identitären“, es als Feminismus, „wenn eine Frau zu Hause bleiben kann bei Kind und Herd“.

Andreas Speit, „taz“-Journalist und Neonazi-Experte, der gemeinsam mit Benneckenstein auf dem Podium sitzt, betont, dass die rechte Szene „unglaublich heterogen“ sei, von NPD und Kameradschaften bis zu völkischen Siedlern, die gezielt aufs Land zögen. Auch die AfD sei eine rechte Sammlungsbewegung. Wer in der Szene aufwachse wie Benneckenstein, habe kaum eine Chance, den Ausstieg zu schaffen, sagt Speit. Kinder aus der HDJ seien heute bei den „Identitären“ oder in anderen rechten Strukturen aktiv. Rechte Gewalt und die Erfolge der AfD würden auch von Teilen der Elite ermöglicht, sagt Speit – und nennt als Beispiel Thilo Sarrazin.

Viele Fragensteller aus dem Publikum sprechen Benneckenstein Respekt für ihren Mut aus. Später machen Gäste Selfies mit ihr. Ein ungewöhnlicher Abend in der Jüdischen Gemeinde.

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