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In ihrem Wohnzimmer im Frankfurter Westend erinnert sich die frühere Leiterin der Frankfurter Frauenschule an Fixpunkte ihres Lebens.

Frauenbewegung in Frankfurt

Als die Frauen aufbegehrten

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Barbara Köster war 1968 als Studentin Mitbegründerin der Frauenbewegung in Frankfurt. 50 Jahre danach ist sie als Zeitzeugin gefragt.

Das Wohnzimmer besticht durch Kargheit. Der Duft von Räucherstäbchen. Eine Kerze flackert. Eine Yogamatte am Boden. Sofa und kleiner Schreibtisch, eine Bücherwand. Ein Stuhl. Mehr nicht. Barbara Köster ist noch ganz erfüllt vom Erfolg der Grünen bei der Landtagswahl. „Ich freue mich, dass es so geklappt hat“, sagt sie mit leiser Stimme. Malt sich gar einen „Ministerpräsidenten Al-Wazir“ aus. Und das, obwohl die Feministin ihr Leben lang den Eintritt in eine Partei scheute: „Ich war nie Mitglied – ich komme aus dem Anarchismus.“ Punkt. Damit ist alles gesagt.

Unabhängigkeit also, keine Unterordnung unter ein Programm. „Das hab ich meinem Sohn schwer eingebläut.“ Der ist heute 40 Jahre alt. Vor einem halben Jahrhundert gehörte seine heute 71-jährige Mutter in Frankfurt zum Weiberrat, einer Keimzelle der Frauenbewegung. Zum ersten Mal trafen sich Frauen, ohne dass Männer dabei sein durften. Das war damals ein großer Schritt zur Selbstbestimmung. Heute erscheint das alles selbstverständlich. Doch 1968 konnten Ehefrauen nicht einmal eine bezahlte Arbeit übernehmen ohne schriftliche Zustimmung ihres Ehemannes.

Köster, die langjährige Leiterin der Frankfurter Frauenschule, ist gegenwärtig eine gefragte Zeitzeugin. 50 Jahre 1968: Am 1. November diskutiert sie auf dem Podium im Frankfurter Römer, wenn es heißt: „18 trifft 68“. Junge Frauen und Männer, die sich heute zum Beispiel im Asta der Goethe-Universität engagieren, sprechen mit der 68er-Generation. Am 4. November hält die Psychotherapeutin die Eröffnungsrede, wenn das Frauen-Museum in Wiesbaden sich des Themas 68er-Revolte annimmt.

Für sie ist es ganz ungewohnt, über diese Zeit des Aufbruchs öffentlich zu sprechen. „Ich rede nicht viel über 68, es bewegt sich in meinem Inneren.“ Tatsächlich hat sie keinen Kontakt mehr zu den Frauen, mit denen sie vor fünf Jahrzehnten für die Emanzipation kämpfte. „Ich weiß nicht, wo die Frauen abgeblieben sind, ich finde es ein bisschen traurig.“ Sie streicht mit der Hand das blonde Haar mit den Silberfäden zurück, wirkt plötzlich sehr mädchenhaft.

In der Provinzstadt Minden in Westfalen geboren, als Tochter eines Anwalts, der wiederum aus einer Familie von Mühlenbesitzern hervorging. „Als kleines Mädchen war ich gerne beim Opa auf der Mühle.“ Doch eine ungetrübte Kindheit war das nicht. Sie fasst es heute in einen knappen Satz: „Meine Eltern waren beide Nazis.“ Der Vater noch dazu „autoritär und gewalttätig: Er hat meine Mutter und mich verprügelt – und es hat nie jemand eingegriffen.“

Ihr Vater engagierte sich in der rechtsradikalen NPD, die Anfang der 60er Jahre einen Aufschwung in Deutschland erlebte. Er brüstete sich mit „massiv antisemitischen Äußerungen“. Mit der Tochter gab es bald „totalen Krach“. Noch heute erinnert sie sich an das triumphierende Gefühl, „als ich mit zwölf Jahren rausgefunden habe, dass sie den Krieg verloren hatten“.

Prügel waren auch an der Grundschule an der Tagesordnung. „Ich musste den Lehrern die Rohrstöcke holen, mit denen die Jungs geschlagen wurden.“ Mit 16 gehörte sie auf dem Gymnasium einer „aufmüpfigen Klasse“ an: „Wir schrieben eine Wandzeitung und kritisierten, dass wir an der Schule keine High Heels tragen durften.“ Sie lacht. In der Auseinandersetzung mit den Lehrern, die allesamt aus der Nazizeit stammten, pflegten die Gymnasiasten mit der freien Presse zu drohen: „Ich schreibe es dem ‚Spiegel‘!“

Bei der Frage „Bist Du Beatles oder Stones?“, die damals unter den Jugendlichen häufig gestellt wurde, entschied sich die Heranwachsende klar für die Rolling Stones. „Das war einfach eine andere, härtere Welt.“

Köster sitzt auf ihrem Stuhl mitten im Zimmer, die Beine untergeschlagen und erzählt. Ab und an bricht sie den gemächlichen Fluss mit einer scharfen Sentenz. Als junger Frau gelang es ihr, aus Minden und der Provinz zu entkommen: Sie ging so weit weg wie möglich, in die Großstadt München, um Soziologie zu studieren. Noch heute schwärmt sie vom studentischen Leben dort: „Es war schick!“ Doch tatsächlich hatte es 1962 schon ein Vorspiel zur späteren Revolte gegeben: Damals brachen die sogenannten Schwabinger Krawalle aus, als Jugendliche dagegen protestierten, dass Straßenmusiker von der Polizei vertrieben worden waren.

Wahrscheinlich wäre Köster nie nach Frankfurt gekommen. Doch ihre Eltern fanden heraus, dass sie in München mit einem jungen Mann zusammenlebte – großer Krach. Am Ende wurde die Studentin von ihren Eltern an den Main „strafversetzt“. Es wurde erwartet, dass die Beziehung zu ihrem Freund schon aufgrund der Entfernung enden würde – tatsächlich aber fuhr sie anfangs „jedes Wochenende nach München“.

Im Wintersemester 1967 stieg die junge Frau in Frankfurt ins Studium ein. Es ging an der Universität noch recht bürgerlich zu: „Hosen waren bei Frauen nicht verbreitet, und man wurde noch mit Fräulein angeredet.“ Die Studenten führten „Aluminiumschachteln mit Butterbroten“ mit sich. Doch ihre Kommilitonin gehörte schon zu einer Minderheit: Sie hatte sich in München das Kiffen angewöhnt und war ständig im Bahnhofsviertel unterwegs, um Nachschub zu beschaffen.

Was dann geschah im Jahr der Revolte, ist heute Geschichte. Aber als Subjekt dieser Geschichte wehrt sich Köster erkennbar gegen Verklärung. Im Februar 1968 trat sie dem Sozialistischen Studentenbund (SDS) bei. Doch die SDS-Männer lösten bei ihr wenig Begeisterung aus: „Immer das Saufen, das war mir fremd.“

Aus ihrer Sicht agierten die männlichen Revolutionäre oft „sozial inkompetent“. Sie ging zum Beispiel nie in den verrauchten Kolb-Keller im Studentenheim am Bockenheimer Beethovenplatz, wo die Männer das große Wort führten und die Frauen zuhören sollten. Für sie war das „nicht sexy“. Am 13. September 1968, beim SDS-Bundeskongress in Frankfurt, begannen die Frauen sich zu wehren. Die Studentin Sigrid Rüger feuerte drei Tomaten auf den intellektuellen Kopf des SDS, Hans-Jürgen Krahl – eine traf. Mehr Betroffenheit noch löste Rügers Ruf aus: „Genosse Krahl, du bist objektiv ein Konterrevolutionär und ein Agent des Klassenfeindes noch dazu!“

Von da an war kein Halten mehr. „Die Parole hieß jetzt: Heute abend treffen sich die Frauen!“ 20 Frauen, sagt Köster, seien anfangs im Weiberrat dabei gewesen. Noch heute spricht sie mit höchster Anerkennung von ihrer Mitstudentin Silvia Bovenschen. Die spätere Schriftstellerin sei sehr selbstbewusst aufgetreten: „Ich hab sie bewundert für ihr Coolsein.“

Noch 1968 traf Barbara Köster an der Universität auf einen Mann, der so ganz anders war als die trockenen Wortführer des SDS, die die Kritische Theorie verinnerlicht hatten. Der 23-jährige Daniel Cohn-Bendit war als Anführer der französischen Studentenrevolte gerade von Präsident de Gaulle aus Frankreich ausgewiesen worden. Er musste binnen Stunden eine neue Heimat finden – und entschied sich für Frankfurt, das er schon aus seiner Kindheit kannte.

Köster verliebte sich heftig in ihn. Den Mann, der das gute Essen mochte und einen guten Wein. Der nicht die Theorie schätzte, sondern die feurige Rede und die Aktion. Heute fasst sie in einen Satz, was sie damals anzog: „Dany ist kein Schwein.“ Ohne Cohn-Bendit, das gibt sie freimütig zu, wäre sie nicht in Frankfurt geblieben, sondern nach München zurückgegangen.

So aber wurde die Psychotherapeutin in Frankfurt zu einer herausragenden Akteurin der Frauenbewegung. Sie arbeitete zunächst als Kursleiterin, dann lange Zeit als Geschäftsführerin der Frankfurter Frauenschule. Am Fensterrahmen ihres Wohnzimmers lehnt eine kleine, gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografie. Sie zeigt ihre Großmutter, auf die sie sehr stolz ist. „Meine Oma war Feministin, die hat sogar schon einen Autoführerschein gemacht.“

Im Frühjahr 2018 schloss die Psychotherapeutin nach einem Vierteljahrhundert ihre Praxis, seither genießt sie ihre „neue Freiheit“. Sie reist. Im Sommer war sie in Tel Aviv, gerade kommt sie aus Palermo zurück.

Auf die Frage, was die 68er-Revolte für sie bedeutete, antwortet sie mit einem Wort: „Alles.“ Und fügt dann noch knapp hinzu: „Es hat Horizonte geöffnet.“ So hört sie heute andere Musik als die Rolling Stones. „Ich bin ein Fan von Richard Wagner – seine Musik haut mich um.“

Gewiss, „er war Antisemit, aber das ist nicht alles“, sagt Köster. Es folgt ein entspanntes Lächeln.

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