+
DDR-Bürger stehen vor dem Ausgleichsamt in der Barckhausstraße in Frankfurt für das Begrüßungsgeld an.

Interview

November 1989 in Frankfurt: „Es war die Entdeckung eines fremden Kontinents“

  • schließen

Jutta Ebeling, 1989 Umweltdezernentin und später Bürgermeisterin von Frankfurt, engagierte sich nach der Wende für Menschen aus der DDR. Sie erinnert sich. 

Jutta Ebeling war 43 Jahre alt und seit 15. Juni 1989 in Frankfurt Dezernentin für Schule und Bildung. Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Bereits am 10. November kamen die ersten DDR-Bürger als Besucher nach Frankfurt. Eine wilde Zeit des Umbruchs begann.

Frau Ebeling, die Frage der Fragen in diesen Tagen: Wo waren Sie am 9. November 1989, als in Berlin die Mauer fiel?
Ich war ja damals Bildungsdezernentin in Frankfurt. Und am 9. November 1989 saß ich in einer rot-grünen Koalitionsrunde. Es ging um etwas ganz Wichtiges, an das ich mich aber nicht mehr erinnere. Einbahnstraße rechtsrum oder linksrum, so etwas, worüber man sich bis tief in die Nacht streiten konnte. Der Gegensatz zu den historischen Ereignissen hätte nicht größer sein können.

Sie haben also den Abend in der Koalitionsrunde verbracht?
Genau. Und da es damals keine Handys gab, habe ich erst erfahren, was geschehen war, als ich um Mitternacht nach Hause kam. Ich habe mit Staunen und Fassungslosigkeit reagiert.

Sie waren damals ja schon eine engagierte Grüne. Haben Sie in diesem Moment vorrangig als Politikerin reagiert, in politischen Kategorien gedacht?
Erst einmal empfand ich große Freude. Es war eine völlig chaotische Situation. Aber ich war glücklich darüber, dass es in der DDR so friedlich ausgegangen war. Natürlich hatte ich die Tage vorher schon verfolgt, etwa die große Freiheitskundgebung am 4. November auf dem Alexanderplatz in Berlin. Ich selbst hatte gar keine Verbindung in die DDR. Meine Familie kam nicht von dort, ich besaß dort auch keine Freunde. Die DDR war für mich wirklich „Ausland“. Nichtsdestotrotz habe ich es als großes Glück empfunden, eine solche historische Wende miterleben zu dürfen.

9. November: Erinnern reicht nicht. Dem ausgrenzenden „Wir“ muss man ein inkludierendes Gesellschaftsbild entgegensetzen. Gerade am 9. November.

Hatten Sie in diesen Tagen schon an eine Wiedervereinigung Deutschlands gedacht?
Nein, überhaupt nicht. Ich war überzeugt, dass das nicht so schnell gehen sollte. Ich war der Meinung, dass insbesondere die Menschen in der DDR Zeit brauchten, um die neue Situation zu verarbeiten. Ich habe damals dem Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann den Vorschlag gemacht, in der Paulskirche ein Gesprächsreihe über die Wiedervereinigung zu organisieren. Das ist leider nichts geworden.

Warum nicht?
Ich war nicht hartnäckig genug. Ich bedauere das bis heute. Ich glaube, der Prozess der Wiedervereinigung hätte kontinierlich in einem öffentlichen Diskurs über Jahre begleitet werden müssen.

Die Bürgerrechtler in der DDR hofften damals, dass es einen dritten Weg für die DDR geben könnte, zwischen Kapitalismus und dem staatsmonopolistischen System. Haben Sie als Grüne das auch gehofft?
Damals war ich der Meinung, dass man einzelne Elemente aus dem System der DDR hätte herüberretten müssen. Heute, mit der Weisheit meines Alters, sage ich: Man musste auch den historischen Moment nutzen. Es gibt geschichtliche Situationen, in denen man zugreifen muss. Das war, glaube ich, so eine. Als Grüne habe ich damals so reagiert, dass ich Verbindungen zu Bündnis 90 in Leipzig aufgebaut habe. Ich bin nach Leipzig gefahren und habe mit den Leuten von Bündnis 90 über Bildungspolitik und den Aufbau von Parteistrukturen gesprochen.

Wie haben Sie die Tage nach dem 9. November erlebt?
Am nächsten Tag waren die Menschen aus der DDR in Frankfurt. In der Barkhausstraße wurde eine Stelle eingerichtet, um das Begrüßungsgeld von 100 Mark auszuzahlen. Da bin ich hingegangen. Und da standen Hunderte von Menschen in langen Schlangen. Also habe ich mich hingestellt und das Begrüßungsgeld mit ausgezahlt, weil die Stadt zu wenig Personal hatte. Es war ja ein Samstag. Die Leute standen Stunden. Ich habe dann die Turnhalle der Bettinaschule frei gemacht, um die Menschen unterzubringen. Dann stand ich mit meinem damaligen Mann mitten in der Turnhalle, bin schließlich auf eine Familie mit einem halb erwachsenen Mädchen zugegangen und habe sie gefragt: Wollen Sie mit mir essen gehen? Die haben Ja gesagt, und ich habe überlegt: Wohin kann ich mit denen essen gehen? Ich wollte ja nicht als die reiche Tante aus Amerika auftreten und die Leute in ein Restaurant im Westend einladen. Und dann habe ich den Club Voltaire vorgeschlagen! Ein Aufschrei des Entzückens bei dem Mann, der aus der Erfurter Kulturszene kam. Seit Jahrzehnten habe er davon geträumt, den Club Voltaire kennenzulernen. So wuchs zusammen, was zusammengehört.

Wie lange dauerte diese Situation, in der Hunderte von Trabis die Frankfurter Innenstadt fluteten?
Die Trabis wurden bestaunt wie ein Weltwunder. Dieser Zustand hat ziemlich lange angehalten. Ich habe in einem Supermarkt erlebt, wie ein Türke mit der Arroganz des Einheimischen zu den DDR-Leuten gesagt hat: „Was macht ihr denn hier?“ Wir mussten alle den Prozess der Annäherung lernen.

Es gab sehr viel Ärger über einen Satz der damaligen Kulturdezernentin Linda Reisch.
Ja. Linda sagte öffentlich, Mailand stehe ihr näher als Dresden. Der Satz beschrieb etwas Richtiges und war trotzdem falsch, weil in ihm Hochmut und Abwertung mitschwangen.

Was haben die Menschen aus der DDR in Frankfurt gemacht?
Die haben eingekauft, haben gestaunt, sind rumgelaufen, haben sich am Konsum orientiert, der ihnen Jahrzehnte verwehrt geblieben war.

Sie haben als Schul- und Bildungsdezernentin den Kontakt nach Leipzig geknüpft, das dann Partnerstadt Frankfurts wurde.
Frankfurt hat zehn Millionen Mark mobilisiert, obwohl die Haushaltssituation dramatisch war. Mit dem Geld wurde die Alte Nikolaischule neben der Nikolaikirche restauriert. Wir haben als Magistrat mehrere Fahrten zur Montagsdemo nach Leipzig gemacht. Oberbürgermeister Volker Hauff wollte dort sprechen, was aber abgelehnt wurde. Also sind wir einfach so mitgelaufen. Das hat mich elektrisiert. Da waren Leute, die waren mutig, die hatten Utopien. Das war ein Aufbruch. Dagegen kam ich mir routiniert und langweilig vor.

Sie haben Kontakte geknüpft?
Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt. Den Kabarettisten Bernd-Lutz Lange, den Dirigenten Kurt Masur. Ich lernte auch meinen Amtskollegen kennen, den SED-Bildungsdezernenten von Leipzig.

Wollte der denn von Frankfurt lernen?
Nein, der hat mir vom dortigen System vorgeschwärmt. Später ist der Sozialdemokrat Wolfgang Tiefensee Bildungsdezernent geworden, der danach Oberbürgermeister von Leipzig wurde und heute in Thüringen Wirtschafts- und Wissenschaftsminister ist. Ich habe Mitarbeiter aus dem Frankfurter Bildungsdezernat für Wochen und Monate nach Leipzig geschickt, um dort eine demokratische Verwaltung aufzubauen. Ich habe ganz persönliche Erfahrungen gemacht. In Leipzig hat es für mich gerochen wie in meiner Kindheit. Die Schaufenster waren wie in meiner Kindheit dekoriert. Es war auch eine Zeitreise. Ich war sehr elektrisiert von dieser Zeit.

Sie haben Kontakt aufgenommen zu Bündnis 90, das später mit den West-Grünen verschmolz. Wie war das?
Ich habe Leute von Bündnis 90 zu mir nach Frankfurt eingeladen, wie etwa Anke Hermenau, die Mitglied des Runden Tischs in Leipzig war. Es war die Entdeckung eines fremden Kontinents für mich. Und auch für die war es so. Wir mussten behutsam miteinander umgehen. Aber ich habe auch viel gelernt, die Menschen haben mich sehr inspiriert.

Was konnten Sie von den Menschen aus der DDR lernen?
Dass Veränderung möglich ist, dass man an etwas glauben muss, und dass man sich Bündnispartner suchen muss. Das müssen die Grünen auch verstehen: Man muss Realpolitik machen, aber man braucht immer einen gewissen Überschuss an utopischem Denken.

Damals war das für die Grünen im Westen ziemlich frustrierend. Da war so ein großer, dicker Realpolitiker namens Kohl, der hat die Gunst der Stunde verstanden und alle plattgemacht.
Ich fand den etwas dumpfen Optimismus, den Helmut Kohl mit den Worten von den blühenden Landschaften ausgestrahlt hat, verfehlt. Andererseits hatte Kohl begriffen, dass es ein historischer Moment war, in dem Zögern nicht angesagt war. Natürlich sind viele Fehler gemacht worden. Für mich war es aber eine Zeit des Aufbruchs, auch wenn ich dafür plädiert habe, sich mehr Zeit zu lassen.

Tatsächlich ist es anders gelaufen, viele Leute aus der DDR haben gesagt, entweder kommt die D-Mark zu uns, oder wir kommen zur D-Mark. Konnten Sie das verstehen?
Natürlich konnte ich das verstehen. Aber es gab in der DDR auch Leute, die wollten politisch den dritten Weg, die wollten nicht vom Westen kolonisiert werden. Ich stand dazwischen. Es ist versäumt worden, diesen Prozess intellektuell zu begleiten. Zum Beispiel ist nicht über die Rechten gesprochen worden, die Rechten bei uns und die Rechten in der DDR.

Liegen da die Wurzeln für den Aufschwung der Rechten heute, gerade in den östlichen Bundesländern?
Ja, zum Teil schon. In der DDR gab es keine Aufarbeitung der NS-Geschichte. Altnazis wurden nur im Westen ausgemacht. Tatsächlich gab es in der DDR alte Neonazis wie junge Skinheads, die zum Beispiel Vietnamesen angegriffen haben. Und im Westen war man ebenfalls auf dem rechten Auge blind, siehe NSU.

Wir müssen jetzt aufarbeiten, was vor 30 Jahren schiefzugehen begann. Hat man auch zu wenig geredet zwischen Ost und West?
Wir Grünen hatten 1990 einen Vereinigungsparteitag mit Bündnis 90 in Hannover. Der war zukunftsweisend. Da ist wirklich der Versuch unternommen worden, eine gleichberechtigte Partnerschaft zu begründen.

Trotzdem flogen die Grünen 1990 bei der Bundestageswahl aus dem Bundestag.
Ja, da wurden große Fehler gemacht. Wir haben die historische Situation ignoriert und vor allem über Klimapolitik geredet. Wir hatten eine Veranstaltung in der Alten Oper, ich bin rausgekommen und wusste: Das geht schief. Das wird nichts. Das große Ereignis war die Wiedervereinigung. Aber wir haben an der geschichtlichen Situation vorbeiagiert. Wir sind zu Recht aus dem Bundestag geflogen. Anderererseits ist es ein Beleg für die Glaubwürdigkeit der Grünen in der Klimafrage.

Wenn Sie heute, nach 30 Jahren, an diese Tage zurückdenken: Was bewegt Sie?
Diese Zeit hat mich sehr aufgewühlt, sehr angetrieben und sehr optimistisch gemacht. Ich denke heute mit Melancholie an eine bewegende Zeit zurück. Das war eine gute Zeit, nicht nur für den Osten, sondern auch für den Westen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare