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Normale Härte auf Frankfurter Fußballplätzen

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Von: Thomas Stillbauer

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Ian Plenderleith in Aktion.
Ian Plenderleith in Aktion. © Natascha Lotze

Ian Plenderleith schreibt über seine Erlebnisse als Fußballschiedsrichter: im Blog und im Buch. An diesem Freitag liest er daraus.

Ian Plenderleith pfeift. Regelmäßig. Das tun viele, aber wenn Ian Plenderleith pfeift, hat das häufig Konsequenzen, nicht nur für ihn, sondern für mindestens 22 weitere Personen. Sie ahnen es schon, Ian Plenderleith ist Fußballschiedsrichter und leitet Begegnungen in und um Frankfurt. Was er dabei erlebt, schreibt er in seinem Blog „Referee Tales“ unterhaltsam auf – und auch in seinem Buch „Reffing Hell“. Schiedsrichterhölle, wenn man es frei übersetzt. An diesem Freitag liest er daraus vor.

Das alles übrigens auf Englisch, denn Ian Plenderleith stammt, auch das ahnten Sie bereits, aus Großbritannien. Er hat aber das Spiel, das er liebt, in vielen verschiedenen Ländern verfolgt. In Frankfurt pfeift er seit Jahren Amateurfußballspiele, was nicht immer einfach ist, beziehungsweise, nachdem man sein Buch studiert hat, genau genommen: nie.

Da ist etwa der Typ, Danny, der natürlich nicht wirklich Danny heißt, und als Coach einer Jugendmannschaft keine 30 Sekunden die Klappe halten kann, bis der Schiri ihn nach vier Warnungen in die Kabine schickt. Da ist, in einer anderen Partie, die Nummer 9 der Heimmannschaft, die den Schiri anbrüllt, weil der ihn gerade vom Platz gestellt hat. Nummer 9 hatte auf seinem Gegenspieler herumgetrampelt, was generell nicht erlaubt ist, so auch nicht im Fußballsport, aber Nummer 9 streitet alles ab, während drei seiner Kronzeugen ebenfalls um den Unparteiischen herumgruppiert brüllen.

Da ist der rustikal zur Sache gehende Kapitän der Auswärtsmannschaft, der entsetzt „Körper!“ brüllt, nachdem der Schiedsrichter ein derbes Foul gepfiffen hat. „Körper!“, erläutert Plenderleith, sei auf Fußballplätzen die gängige Kurzformel für „Fußball ist ein körperbetonter Sport, also was ist falsch daran, dass ich mich rücksichtslos in meinen Gegenspieler werfe und ihn plattmache?“ Gern auch als „normale Härte“ bezeichnet. Und da ist das Spiel, in dem der Referee Sorge dafür trägt, dass jemand in die Kabine rennt und so viele Schienbeinschoner wie möglich aus den hintersten Winkeln zusammenkratzt, damit die unwilligen Kicker sich nicht gegenseitig die Knochen kaputttreten und am Ende mit Fingern auf ihn zeigen, der Schiedsrichter habe ihre Gesundheit nicht geschützt.

Es wird viel gebrüllt und beleidigt auf Fußballplätzen, nicht nur in den ganz großen Arenen, das weiß die interessierte Öffentlichkeit inzwischen. Aber so unterhaltsam wie hier kriegt sie es meist nicht beigebracht.

Plenderleith, 1965 geboren, ist Journalist und Buchautor. Vorzugsweise schreibt er über Fußballthemen. Seine bisher erschienenen Bücher haben Titel wie „Rock’n’Roll Soccer“, „The Quiet Fan“ und „For Whom The Ball Rolls“. Sein jüngstes Werk enthält viele seiner Blogbeiträge seit 2016, eine Menge Humor, aber auch Herz. „Danke an alle Spieler und Trainer, die sich entschuldigt haben. Noch mehr Dank an jene, die sich zuvorderst in vernünftiger und sportlicher Weise verhalten haben.“ Das soll ja auch vorkommen. Am Ende jedes einzelnen Beitrags steht das Spielresultat – und die Anzahl der Gelben und Roten Karten. „Ich hoffe, mit diesem Buch eine Debatte über unsere verrohte Fußballkultur in Frankfurt und überall sonst zu entfachen“, sagt er. Ich will die Leserschaft natürlich unterhalten, aber ich will auch versuchen, etwas zu verändern.“

Die Veranstaltung am Freitag, 23. September, um 20 Uhr im „Studio Soundso“ der Illustratorin und Autorin Moni Port, Koselstraße 7, ist schon so gut wie ausverkauft. Es hat trotzdem großen Spaß gemacht, sie anzukündigen, und vielleicht möchte ja jemand das Buch lesen: „Reffing Hell – Stuck in the middle of a game gone wrong“, Halcyon Publishing, 306 Seiten, Schwarzweiß-Illustrationen, entweder direkt beim Verlag oder als E-Book via Amazon. Im nächsten Jahr soll das Buch eventuell auch auf Deutsch erscheinen.

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