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Die leisere Mehrheit: Widerstand gegen „Querdenker“-Demo im Nordend

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Von: Sandra Busch

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Menschen aus dem Nordend wehren sich gegen die sogenannten Querdenker. Rolf Oeser
Menschen aus dem Nordend wehren sich gegen die sogenannten Querdenker. Rolf Oeser © Rolf Oeser

Eine Gruppe im Nordend protestiert jeden Samstag gegen die vorbeiziehende „Querdenken“-Demo. Sie lassen sich auch von Beleidigungen und Eiern an Fensterscheiben nicht einschüchtern.

Frankfurt – Der Demonstrationszug der sogenannten Querdenker zieht am Samstagnachmittag mit Hunderten Menschen im Frankfurter Nordend über die Eckenheimer Landstraße und biegt in die Glauburgstraße ab. „Freiheit“, skandieren die Leute. Von Diktatur ist über die Lautsprecher die Rede, vom schädlichen Impfen. Ein Demonstrant erblickt an der Ecke 30 Personen, die Schilder in die Höhe halten wie „Denkt ihr immer noch, ihr demonstriert gegen eine Diktatur?“ oder „Verschwörungstheorien gefährden Ihre Gesundheit“. Der Demonstrant ruft: „Das ist also die Mehrheit.“ Er lacht verächtlich und winkt ab.

Es ist die leisere Mehrheit, die dort an der Ecke steht. In diesem Fall sind es dreißig, die den „Querdenkern“ etwas entgegensetzen wollen. Zum sechsten Mal stehen sie im Nordend und trotzen den „Querdenkern“, die jeden Samstag durch das Viertel ziehen. Sie wollen die Lautsprecherdurchsagen und Parolen nicht unwidersprochen lassen. Die Zivilgesellschaft müsse antworten, sagt Christian, wenn er über den Protest spricht. Und Jochen Müller will sie nicht unkommentiert lassen, die Parolen der Verschwörungstheoretiker:innen, Wissenschaftsleugner:innen und Rechten.

Frankfurt: Protest gegen „Querdenken“-Demo im Nordend

Nachbarn haben sich für den Protest zusammengefunden, hauptsächlich aus dem Holzhausenviertel. Dort zogen die „Querdenker“ wochenlang durch zum Oeder Weg. Immer hätten sie in ihren Häusern die Durchsagen der Demonstranten mitbekommen. „Jeden Samstag haben wir was von Diktatur gehört, antisemitische Parolen wurden gerufen“, erzählt eine 40-jährige Anwohnerin. Reichsfahnen würden geschwenkt, Judensterne getragen. „Das hat uns nachdenklich gemacht.“

Ihren vollen Namen wollen die meisten nicht in der Zeitung lesen. „Es ist keine reale Angst“, sagt Uwe. Aber es seien eben schon Eier gegen Fensterscheiben geflogen am Tag nach der Demo. Oder es seien nachts Anrufe gekommen. „Es wird versucht einzuschüchtern“, berichtet Jochen Müller. Sie würden bei den Demos beschimpft - „auch die Kinder“ –, es würden Bilder und Filme von ihnen gemacht, die dann im Internet kursierten. „Alles soll zeigen: Wir wissen, wer ihr seid.“

Doch einschüchtern lassen sie sich nicht. Sie wollen weiterhin die „Querdenker“ nicht unkommentiert durchs Nordend ziehen lassen. Mit Aushängen im Viertel und über die sogenannten sozialen Medien informieren sie über ihren Protest. „Nordend gegen Querdenker“ heißen sie etwa auf Twitter.

An diesem Tag stehen sie an der Eckenheimer Landstraße. Die „Querdenker“ haben die Route geändert. „Sie wollen, dass es alle im Viertel mitbekommen“, mutmaßt Müller. Auch eine 69-Jährige von den „Omas gegen Rechts“ ist gekommen. Nicht zum ersten Mal. „Diese Leute vertrauen falschen Informationen. Oder sind nicht so informiert. Oder sind verunsichert“, sagt sie über die „Querdenker“-Demonstrant:innen. „Wir müssen ihnen zeigen, wofür wir stehen.“

„Querdenker“-Demo in Frankfurt - parallel zu Impfpflicht-Protest in Wiesbaden

Als der Demonstrationszug kommt, bilden Polizist:innen eine Kette vor den Nordendler:innen. Sie werden gefilmt, fotografiert, sie werden ausgelacht. „Ihr seid so blöd“, ruft ihnen eine Demonstrantin zu. Eine andere tippt sich an die Stirn: „Denkt mal nach.“ Auch kommt es zu einem kurzen Wortgefecht zwischen einem Nordendler und einem „Querdenker“. Die Polizei schiebt den „Querdenker“ schnell weiter.

Die Nordendler:innen haben die Demos schon sehr viel aggressiver erlebt. Etwa wenn Hosen vor ihnen heruntergezogen wurden. Aber es seien auch bestimmt 1000 Leute weniger als sonst gewesen, sagt Müller. „Die ganzen Promis waren nicht da.“ Die Promis aus der rechten Szene. Die AfD habe an diesem Tag in Wiesbaden zu einer Demo gegen die Impfpflicht aufgerufen. „Die sind wohl heute alle dort.“ Am nächsten Samstag werden sie vermutlich wieder dabei sein. Die Nordendler:innen werden auf sie warten. (Sandra Busch)

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