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Uwe Gehrmann fängt heute an der IGS Süd an.

Porträt der Woche

Frankfurter Kuschelpädagoge

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Schulleiter Uwe Gehrmann war eine Institution an der IGS Nordend. Nun wechselt er in den Süden.

An einem Frühsommertag im Haus am Dom legte sich Uwe Gehrmann mit dem Kapital an. Die Rollen beim Stadtgespräch der FR waren klar verteilt. Gehrmann, Schulleiter der Integrierten Gesamtschule (IGS) Nordend, kämpfte gemeinsam mit seinen Schülern und deren Eltern gegen Sodexo, den Großcaterer, das riesige Unternehmen, das sich anschickte, den Mensa-Betrieb an der IGS zu übernehmen. Gehrmann machte seine Sache gut. Immer wieder sagte er, dass er die Qualität des Sodexo-Essens nicht beurteilen könne und auch nicht wolle, dass aber eine große Firma nicht zu seiner Schule passe und sie doch bitte trotz gewonnener Ausschreibung zurücktreten möge, um den Weg freizumachen für das bisherige Mensateam. Ohne Frage war der Schulleiter in der Auseinandersetzung mit Sodexo-Chef Dieter Gitzen der Punktsieger. Vieles deutete an diesem Abend darauf hin, dass der Caterer zumindest einen Kompromiss anbieten und die Mensa der bisherigen Köchin Sandra Beimfohr überlassen würde.

Acht Monate später. Einen Kompromiss hat es nicht gegeben. Uwe Gehrmann sitzt an einem seiner letzten Arbeitstage an der IGS Nordend in seinem leer geräumten Büro und wirkt ernüchternd, als das Gespräch auf die Mensa kommt. „Es hat sich alles noch viel schlimmer entwickelt als erwartet“, sagt er. Das Essen des Großcaterers schmecke schlecht. So schlecht, dass viele Schülerinnen und Schüler die Mensa mieden. Und Sandra Beimfohr fehle einfach an allen Ecken und Enden. Als Köchin und auch als Teil der Schulgemeinde. „Wie es gelaufen ist mit Sandra Beimfohr und Sodexo – rückblickend war das frustrierend“, sagt Gehrmann.

Am heutigen Montag hat Gehrmann seinen ersten Arbeitstag an der IGS Süd. Nach mehr als zehn Jahren verlässt „Uwe“, wie er vom gesamten Kollegium, vom jüngsten Referendar bis zu seiner Stellvertreterin, genannt wird, die Schule am Prüfling. Die letzten Monate waren nicht erfreulich, das räumt der 59-Jährige ein. Erst die Übernahme der Mensa durch Sodexo, und dann gab es auch noch Probleme mit der Altana-Kulturstiftung, die in den vergangenen Jahren das Programm Kulturtagsjahr an der IGS gefördert hatte. Das gibt es nun nicht mehr, die Schule hat ein kleineres Angebot organisiert, mit dem Atelier Goldstein als Partner.

Angenommen, Sodexo hätte sich zurückgezogen und das Kulturtagsjahr gäbe es noch: Wären Sie dann geblieben, Herr Gehrmann? Der Schulleiter überlegt. „Ich weiß es nicht. Doch, vielleicht wäre ich geblieben“, sagt er.

Allerdings sollte man nicht den Fehler machen, eine Frust- und Trübsal-Geschichte über Uwe Gehrmann zu schreiben. Der Pädagoge wirkt mit sich, seiner Arbeit und seiner Entscheidung zufrieden. Er sei eben nicht der Typ für eingefahrene Strukturen, noch nicht einmal für Routine, die sich nach einer Dekade an einer Schule automatisch einstelle, sagt er. Er brauche die Abwechslung, neue Aufgaben. Deshalb wechsele er.

An der IGS Süd ist Gehrmann kein Unbekannter. Die Schule hat er selbst aufgebaut. Als klar war, dass im Süden der Stadt eine Gesamtschule eröffnen wird, richtete das Staatliche Schulamt eine Arbeitsgruppe ein, die das Konzept entwickeln sollte. Ihr Vorsteher: Uwe Gehrmann.

An neuer Schule bekannt

Insofern dürfte ihm einiges bekannt vorkommen an der Schule an der Textorstraße. Auf der anderen Seite hat sich auch die IGS Süd in den zweieinhalb Jahren seit ihrer Gründung weiterentwickelt. Spannend sei diese Gemengelage, herausfordernd. Solche Vokabeln mag Gehrmann.

Klar ist: Auch die IGS Süd wird unter seiner Leitung keine normale Schule werden. Das war die IGS Nordend jedenfalls nie. Gehrmann zählte zwar nicht zur Gründergeneration. Doch er pflegte die Ideale der Schule.

Den klassischen Frontalunterricht – der Lehrer spricht, die Schüler hören zu und schreiben im besten Fall mit – gibt es an der IGS Nordend sehr selten. Gepflegt wird Projektarbeit. Die Schüler sollen sich ein Thema selbst erarbeiten und die Ergebnisse anschließend der Klasse präsentieren. Wann immer es geht, wird fächerübergreifend gearbeitet. Ein Thema wie Wasser, sagt Gehrmann, könne man doch unter ganz verschiedenen Aspekten behandeln. Physikalisch, poetisch… davon hätten die Fünft- bis Zehntklässler, die die Schule besuchen, in jedem Fall mehr als von der strikten Trennung zwischen Mathematik und Deutsch, Biologie und Gesellschaftskunde.

Sitzenbleiben kann man an der IGS Nordend nicht. Warum auch, fragt Gehrmann etwas provokativ. Die Studien sprächen eine klare Sprache. Die Angst vor dem Sitzenbleiben erhöhe nur den Druck auf die Schüler, und die Wiederholung eines Jahres bringe zumeist nicht den gewünschten Erfolg, sondern könne im schlimmsten Fall zu Lernblockaden und/oder Verweigerungshaltung führen. An der IGS – im Nordend wie in Sachsenhausen – geht man einen anderen Weg. Man spricht mit Schülern, die in ihren Leistungen nachlassen, man entwickelt Konzepte, wie sie Stoff, den sie noch nicht verstanden haben, vermittelt bekommen, man nutzt die „Lernzeit“, in der die jungen Leute für sich lernen können. In ihrem eigenen Tempo.

Das alles klingt nach: Kuschelpädagogik. Gehrmann lacht. Auf den Begriff hat er nur gewartet. Es sei völlig falsch, damit etwas Negatives zu verbinden. Es gehe darum, den Schülerinnen und Schülern eine gute Bildungslaufbahn zu ermöglichen. Mit Konzepten, die zu ihnen passen. Daran sei überhaupt nichts falsch. Und es möge bitte niemand glauben, das alles habe nichts mit Leistung zu tun. 50 Prozent der Kinder, die an die IGS Nordend kommen, hätten eine Gymnasialempfehlung, erzählt Gehrmann. Nach der zehnten Klasse gebe die Schule 80 Prozent der Jugendlichen an die gymnasialen Oberstufen ab. „Und die schaffen alle ihr Abitur“, sagt Gehrmann.

Eine gute Stunde nimmt sich der Pädagoge für das Gespräch Zeit. Über die IGS Süd erzählt er vergleichsweise wenig. Auch wenn Gehrmann die Schule gut kennt: Den Eindruck, schon alles zu wissen und nichts mehr lernen zu müssen, will er vermeiden. Dafür spricht er umso mehr von der IGS Nordend, die eine Changemaker-Schule sei. Eine Schule also, deren Schüler über die Anforderungen des alltäglichen Lernens hinausdenken sollen, um die Welt später – oder auch jetzt schon – besser zu machen. Auch dieser Titel – verliehen vom globalen Netzwerk Ashoka – bedeute der Schulgemeinde der IGS viel.

Dann muss Uwe Gehrmann gehen, es steht nämlich noch seine offizielle Verabschiedung an. Das Kollegium hat ein Lied für ihn gedichtet. „Uwe Ciao, Uwe Ciao, Uwe Ciao, Ciao, Ciao“, singen seine Ex-Kollegen. Gehrmann ist gerührt. Sein Entschluss, etwas Neues anzufangen, steht aber fest.

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