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Durch diese Löcher mussten die Jugendliche klettern - mit Hilfe der Klassenkameraden.

Nordend

Spielerisch das Scheitern lernen

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Drei Intensivklassen der Hans-Böckler-Schule treten bei einem Wettbewerb im Günthersburgpark an. Die sechs Aufgaben können sie nur im Kollektiv lösen.

Omar hat keine Lust mehr. Er sitzt im Gras und schmollt, während seine Klasse die Aufgabe löst. „Ihr habt es geschafft, kriegt aber keinen Punkt, weil nicht alle dabei waren“, sagt die Lehrerin. „Einen Moment“, ruft die 17-jährige Türkin Damla und schreitet auf Omar zu. Auch andere Klassenkameraden gehen auf ihn zu, packen ihn und zerren ihn zu dem Balancestab, den sie gemeinsam senken müssen. Omar fügt sich. „Du machst immer nur Quatsch, Ahmet“, sagt er zu seinem Gegenüber, „du konzentrierst dich einfach nicht, das macht dann keinen Spaß.“

Sechs Stationen hat Janek Marchevka, Referendar an der Hans-Böckler-Schule im Günthersburgpark, aufgebaut. Drei Klassen mit rund 55 Schülern, alle zwischen ein paar Wochen und zwei Jahren in Deutschland. „Die Jugendlichen kommen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen, sie sprechen teils noch kein Deutsch, da kommt es immer wieder zu Spannungen“, sagt Marchevka. Religion spiele dabei eine Rolle, genau wie Vorbehalte oder eben mangelnde Kommunikation. Der Sport soll helfen, den Zusammenhalt der Klassen zu stärken.

Deshalb hat sich der angehende Lehrer einen Wettbewerb ausgedacht, bei dem Aufgaben nur gemeinsam gelöst werden können. Denil steht mit seinen Klassenkameraden vor Seilen, die so gespannt sind, dass Löcher entstehen. Jeder Schüler muss durch ein anderes Loch auf die andere Seite kommen, ohne das Seil zu berühren. Eine Strategie ist wichtig – wer passt durch welches Loch, wer kann anderen helfen, sie tragen, hochheben? „Arsch hoch!“, rufen einige.

„Die Religion ist ein Problem“, stellt der 17-Jährige fest. Es gibt nur drei Mädchen in der Gruppe. Sie sind Muslima und dürfen nicht von den Jungs berührt werden. „Das wäre aber notwendig.“ Die Klasse löst die Aufgabe daher nicht komplett. Am Ende bleibt ein Mädchen zurück, da nicht mehr alleine auf die andere Seite kommt.

Zu Beginn jedweder Station lachen die Schüler noch viel. Irgendwann folgt die Frustration, dass wieder etwas nicht klappt. „Josip!“, ruft einer, als Josip den Stab zu schnell bewegt. „Was Josip, was?“, antwortet er gereizt. Dann raufen sie sich zusammen.

Genau das ist der Ansatz: Die Schüler, sagt Marchevka, sollen lernen, mit Aggressionen umzugehen, lernen, dass sich ein Weitermachen auch nach dem ersten Scheitern lohnt. „Manchmal“, sagt Damla, „ist das etwas schwierig, weil die Jungs teils so aggressiv sind.“ Es geht auch darum, zu reflektieren, warum etwas nicht funktioniert hat.

Spaß macht der Wettbewerb, findet Yohara. Die 18-jährige Spanierin freut sich, dass sie alle gemeinsam nach Lösungen suchen, „auch wenn es manchmal ein bisschen Stress gibt, haben wir alles gut geschafft.“

Deutschlehrerin Juliane Enger ist begeistert. „Am Anfang wollten sie eine genaue Anleitung, haben ständig gefragt“, sagt sie und schaut in Richtung der Klasse, die gerade versucht, mit Seilen kleine Holzklötze zu stapeln. Das Gefälle sei groß in der Klasse, sozial wie intellektuell. „Und nun machen sie alles gemeinsam und ohne mich. Sie haben eine richtige Strategie.“

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