+
Die Buchhandlung Land in Sicht in der Rotteckstraße ist ausgezeichnet.

Literatur

Die Entwicklung der Buchhandlung Land in Sicht in Frankfurt

Die Buchhandlung Land in Sicht an der Rotteckstraße hat sich vom Ehrenamtsprojekt zu einem professionellen Kollektiv entwickelt.

Im Schaufenster der Buchhandlung Land in Sicht reiht sich Klassiker an Klassiker. Die Namen lesen sich wie eine Leseliste der Literaturwissenschaften: Camus, Wilde, Arendt, Mann, Kafka. In den Regalen finden sich dann neben Belletristik auch Philosophie, Soziologie oder Ethnologie. Besonders stark vertreten ist die Psychoanalyse.

Manche Bücher gehörten fest in die Regale, die bis zur Decke ragen, „auch wenn sie sich nur einmal im Jahr verkaufen“, sagt Susanne Petzel. Sie arbeitet seit 26 Jahren für Land in Sicht, hat hier schon ihre Ausbildung gemacht. Das ist eine lange Zeit, die Anfänge des Ladens liegen aber noch weiter zurück. „Letztes Jahr sind wir 40 geworden“, sagt Petzel.

Nach dem Studium standen acht junge Leute 1978 vor der Frage, wie es weitergehen sollte. Sie wollten etwas Sinnvolles machen und gründeten eine Buchhandlung – bewusst im Stadtteil Nordend. Mit dem Namen „Land in Sicht“ fügten sie sich in eine Reihe von Läden, die sich damals – angelehnt an den Ausspruch der Studentenbewegung „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ – maritime Namen gaben.

Den Deutschen Buchhandlungspreis

vergibt die Bundesregierung jedes Jahr mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Kurt-Wolff-Stiftung. Dieses Jahr hat die unabhängige Jury 118 Buchläden ausgewählt, die mit ihrem Sortiment oder ihrem kulturellen Engagement besonders herausragen.

Die drei besten Buchhandlungen erhalten jeweils 25 000 Euro. Die Sieger werden bei einer Preisverleihung im Oktober bekanntgegeben.

In Frankfurt haben es vier Buchhandlungen auf die Liste geschafft: Ypsilon, Bergen erlesen, Land in Sicht und Marx & Co. 

Johannes Roether ist das letzte Gründungsmitglied, das noch im Laden hinter der Kasse steht. „Bücher haben wir geliebt, aber wir waren sachlich alle Laien“, erzählt er. Sie arbeiteten nebenher in anderen Berufen, um ihr Projekt zu finanzieren. Zwei hospitierten in anderen Buchhandlungen, um sich die nötigsten Kenntnisse anzueignen. Der Rest sei durch „Learning by doing“ zustande gekommen. „Aber dass das dann nach 40 Jahren immer noch besteht, das hätten wir nicht gedacht“, sagt Roether.

Mittlerweile hat sich Land in Sicht „vom ehrenamtlichen Projekt zu einem Buchladen entwickelt, der immer noch kollektiv geführt, aber in Vollzeit betrieben wird“, sagt Susanne Petzel. Das Miteinander gehört zur Identität des Ladens. „Wir versuchen, keine Hierarchien aufkommen zu lassen“, sagt Andrea Großmann, die seit sechs Jahren Teil des Kollektivs ist. „Hier wird nicht gesagt ‚Du machst das‘. Wir sitzen morgens zusammen und erzählen uns bei einem Tee oder Kaffee was der grobe Plan des Tages ist“.

Ein solches Ladenkonzept funktioniert nicht für jeden. „Man darf sich nicht scheuen, Verantwortung zu übernehmen. Das ist wichtig“, sagt Susanne Petzel. „Wir sind alle schon auch ein Stück weit bereit, hier zu leben.“ Für Neuzugang Parwin Schah-Mohammedi war das kein Problem. Vor zweieinhalb Jahren wurde sie von der Stammkundin zur Mitarbeiterin, gerade auch wegen der Organisation als GmbH. „Es hat mir speziell hier gut gefallen im Laden.“

Zum dritten Mal ist Land in Sicht dieses Jahr wieder unter den Buchläden, die den Deutschen Buchhandlungspreis erhalten. Kein Wunder, denn neben einem speziellen Sortiment mangelt es dem Laden auch nicht an kulturellem Engagement: Es bestehen Kooperationen mit dem Literaturhaus und dem Caricatura Museum. Außerdem ist eine Wand in der Buchhandlung reserviert für Ausstellungen. Derzeit blicken dem Besucher Uli Stommels Karikaturen und Zeichnungen berühmter Autoren von der Wand entgegen. Wenn man Susanne Petzel fragt, welches Buch sie gerade gern empfehlen würde, lacht sie. „Diverse!“, es gäbe so viele gute Bücher. Ihr habe GRM von Sibylle Berg sehr gut gefallen. Schwarzhumorig werde ein gesellschaftlicher Spiegel vorgehalten, in den aber auch nicht jeder gerne schauen wolle. Für eine passgenaue Beratung kommt man also am besten einfach selbst vorbei und schon bald heißt es dann vermutlich: Buch in Sicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare