+
Selbst gebastelt: Die Schülerinnen Franca Morisco und Jil Rathmann (v.l.) mit ihrem Schmetterling.

Nordend

Schmetterlinge unterm Schuldach

  • schließen

Das Atelier Goldstein übernimmt die Kulturförderung an der IGS. Es gibt Kunstprojekte für alle Achtklässler.

Eine ungewöhnliche Flugschau gibt es im Mehrzweckraum der IGS Nordend an der Hartmann-Ibach-Straße zu bewundern. Raketen hängen dort, ein Kranich, der aus unzähligen kleinen, gefalteten Origamivögeln besteht, fliegende Autos, ein dubios schweres geflügeltes Gummibärchen. Die Exponate sind im neuen Kunst-Projekt der Schule entstanden. Unter dem Motto „Fliegen, Schweben, Fortbewegen“ haben Julius Bockelt und Julia Krause-Harder, zwei Künstler des Atelier Goldsteins, etwa 100 Achtklässler dazu gebracht, sich kreativ auszudrücken.

Zum Beispiel Jil Rathmann (13) und Franca Morisco (14). Sie haben einen Schmetterling kreiert. Ein Vogel wäre zu naheliegend gewesen, „langweilig“, wie Rathmann sagt. Es ist aber kein kleiner leichter Flatterer geworden, nein, ein Riesending. Die Fühler sind aus massivem Draht, ein Metallgerippe hält den Körper zusammen. Darüber sind über und über braune Blätter gepinnt. Auch ein paar abgebrochene Äste.

Fast den ganzen Herbst haben die zwei Mädchen in ihr Kunstwerk gepackt. Die Vergänglichkeit des Lebens steckt darin, aber auch die Ahnung, dass bald wieder Frühling kommen wird. Wenn nicht, als dezente Mahnung haben sie Plastikstrohhalme eingebaut, wenn nicht der Mensch die Natur gänzlich zerstört.

Kunstprojekte für die achten Klassen gibt es an der IGS seit Jahren. Die Altana Kulturstiftung aus Bad Homburg hat sie finanziert, sich inzwischen aber zurückgezogen. „Wir haben händeringend neue Partner gesucht“, sagt Susanne Habermann, die pädagogische Leiterin. So ist das Atelier Goldstein auf die Schule aufmerksam geworden und hat eine Kooperation angeboten.

Das Atelier ist eine Künstlerkolonie der Lebenshilfe, die Mitglieder sind Menschen mit Beeinträchtigung, etwa mit Down-Syndrom oder Autismus. Gleichwohl schaffen sie „Kunstwerke von Rang“, wie die Lebenshilfe betont. Entsprechend ist das Atelier bemüht, seine Kreativen auf dem ersten Arbeitsmarkt zu etablieren.

Respektvolle Zusammenarbeit

„Viele Möglichkeiten bietet unsere Stadtgesellschaft nicht“, sagt Habermann. Die IGS Nordend, eine inklusiv arbeitende Schule, hat die Künstler mit offenen Armen empfangen. Die Puhl-Stiftung hat das Projekt finanziert. Das Thema Behinderung ist dabei auch gar keines gewesen, sagt Habermann: „Es wäre ja das Gegenteil von Inklusion, wenn es etwas besonderes wäre.“ Beide Seiten hätten schnell die Scheu abgelegt. Habermann glaubt gar, „die Kinder haben das gar nicht bemerkt.“

Die Zusammenarbeit sei respektvoll gewesen. Vier Projekttage waren die Künstler vor Ort, haben sich abgewechselt. Völlig unvoreingenommen seien sie an die Sache herangegangen. „Nicht wie wir das machen würden“, sagt Mathelehrerin Clementine Sieben. Lehrer denken gerne Lösungen vor, erklärt sie. Beim Kunstprojekt durften die Schülerinnen und Schüler dagegen selbst Formate entwickeln. Gute Tipps hätte sie bekommen, sagen die. Vorschläge, wo sie Material finden. Draußen in der Natur. Ganz anders als Schule sind ihnen die Tage vorgekommen. Sie konnten zum Beispiel, betont Franca Morisco, die Tische stellen, wie sie wollten. Und einfach mal „wild und unordentlich“ sein. Etwas Neues sei das gewesen, sagt auch Jil Rathmann, mit echten Künstlern zu arbeiten. Die Lehrer könnten das zwar auch vermitteln, schiebt sie eilig hinterher, aber Künstler gehen die Sache halt doch anders an.

Besagte Lehrer fühlen sich da gar nicht brüskiert. Sie freuen sich zu sehen, versichern sie, wie begeistert die jungen Leute seien. „Wie sie zu sich selbst finden, sich verorten“, sagt Habermann. „Wie dieser Achtklässler-Wahnsinn herauskommt“, ergänzt die Englisch- und Deutschlehrerin Miriam Reinhardt. Wenn Dinge, die zunächst total abwegig erscheinen, plötzlich Gestalt annehmen. Eine Gruppe hat aus einem großen Blatt Papier ein ebenso großes Flugzeug gefaltet. „Das war total aufwendig“, sagt Reinhardt und gluckst. Die Schüler mussten erst ganz viele Blätter zusammen kleben und haben auch große Probleme beim Falten bekommen. „Aber sie haben sich nicht unterkriegen lassen.“

Gerade bei Achtklässlern sei es wichtig, Ausdrucksmöglichkeiten in ästhetischer Form zu bieten, sagt Habermann. Mit den Worten sei es in dem Alter oft schwierig. Darum möchte die IGS das Projekt unbedingt fortführen. Dafür sucht die Schule noch Sponsoren.

Kontakt über Telefon: 21 23 08 55; E-Mail: igsnordend@web.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare