Jörg Koch in seiner Werkstatt in der Friedberger Landstraße.
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Jörg Koch in seiner Werkstatt in der Friedberger Landstraße.

Modestadt Frankfurt

Frankfurt-Nordend: Vom passgenauen Leisten zum perfekt sitzenden Schuh

  • vonNils Gundel
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Jörg Koch, Schuhmachermeister im Frankfurter Nordend, fertigt seit fast dreißig Jahren Maßschuhe an. Seine Stammkundschaft beweist ihm in der Corona-Krise, wie sehr sie seine Arbeit schätzt.

Denkt man an Maßschuhe, dann denkt man an edles Leder, handgefertigte Leisten, perfekt gebaute Absätze. Woran man wohl weniger denkt, ist ein unförmiger, leicht harzig riechender Klumpen. Dabei ist dieser Klumpen Pech sehr wichtig für einen Schuh, macht doch erst er die Nähte wasserdicht. Routiniert und schnell zieht Jörg Koch einen Faden über das Pech. Durch die Reibung löst es sich ab, bleibt am Faden haften. Nach dem Erkalten wird der Faden steif, daher auch sein Name: Pechdraht.

Jörg Koch sitzt in der Werkstatt seines kleinen Ladens im Frankfurter Nordend. Zwischen seine Beine hat er einen Schuh geklemmt, dem er gerade den Rahmen annäht. Mit einer gebogenen Ledernadel zieht er den Pechdraht durch das Leder. Das erfordert Kraft, denn erst wenn das Pech wieder warm wird, lässt sich der Faden gut vernähen. Das hier ein erfahrener Schuhmacher am Werk ist, merkt man gleich: So präzise, so routiniert setzt er seine Stiche.

Seit gut 40 Jahren ist Koch, Jahrgang 1958, in diesem Handwerk tätig. Nach seiner Ausbildung zum Orthopädieschuhmacher faszinierte ihn die Maßschuhfertigung. Aber erst 1992 eröffnete er seinen Laden in der Friedberger Landstraße. „Als ich meinen Laden eröffnen wollte, kam die Handwerkskammer und sagte, dass das ohne einen Meistertitel nicht ginge. So wurde ich zum Meister Schuhmacher“, erzählt er. Den Meisterbrief kann heute jeder Kunde sofort sehen, hängt er doch zentral über dem Durchgang zur Werkstatt.

Schuhe für viele Luxus

Allerdings führt die Corona-Krise zu Unsicherheit. Koch sagt, dass seine Schuhe für viele Luxus seien und bei schlechter Wirtschaftslage hier wohl als Erstes gespart werde. Zwar konnte er weiter arbeiten und Schuhe fertigstellen, allerdings gab es in dieser Zeit kaum neue Anfragen. Da man durchaus ein halbes Jahr auf ein Paar Schuhe warten muss, wird das zweite Halbjahr 2020 interessant. Dann sind die alten Aufträge abgearbeitet. Letztlich, so Koch, sei die Krise eben eine Krise und betreffe alle.

Wie sehr die Stammkundschaft seine Arbeit schätzt, erlebt Koch auch während der Corona-Krise. Einige Kunden hätten extra Schuhpaare bestellt, um ihn zu unterstützen. Ein bisschen gerührt ist der Schuhmacher, ansonsten ein ziemlich nüchterner Mann, angesichts dieser Solidarität schon: „Die hätten jetzt kein neues Paar Schuhe gebraucht, wollen mir so aber helfen.“

Die meisten seiner Kunden bestellen Straßenschuhe. Die gibt es als Businessschuhe mit Ledersohle oder als Schuhe mit Gummisohle. „Man will die Qualität und Langlebigkeit eines Maßschuhs und das Aussehen von Konfektionsware.“ Die Schuhe halten bei guter Pflege viele Jahre und Schäden sind meist reparabel. Für Koch, der „aus der Ökoschiene“ kommt, eine gute Sache. „Vielleicht bin ich da aber auch ein Anachronismus“, sagt er mit Blick auf das heutige Konsumverhalten.

Modeserie

Vom 6. bis 8. Juli 2021 s oll die erste Frankfurt Fashion Week stattfinden. Ab 2022 ist geplant, sie sogar zweimal im Jahr auszurichten. Auch die Berlin Fashion Week wird weiterhin saisonal organisiert.

Aber kann Frankfurt überhaupt Mode? In unserer neuen Serie stellen wir wöchentlich lokale Designerinnen, Modemacher und Ladenbesitzerinnen vor.

Sportmarken-Gründer über Handtaschen-Designerinnen bis zum Schuhmacher sind ebenso dabei wie auch Fashion-Influencerinnen. jkö/rose

Für ihn beginnt ein jeder Schuh mit dem Leisten. Dafür werden die Füße des Kunden vermessen und aus diesen Maßen wird ein hölzernes Modell der Füße geschaffen. Auf dieser Form basiert später der gesamte Schuh. Ohne einen präzise gefertigten Leisten ist ein gut sitzender Schuh nicht möglich.

Während der Leisten für die Passgenauigkeit unabdingbar ist, hat die Form des Leders und die Art, wie es vernäht ist, erheblichen Einfluss auf das Aussehen der Schuhe. Ein Derby hat Nähte, die sich am Schuh entlangziehen, wodurch er länger wirkt. Im Gegensatz dazu macht ein Budapester durch seine Verzierungen und die quer genähte Spitze einen eher klobigen Eindruck. „Nicht jedes Schnittmuster passt zu jedem Fuß. Einen langen Fuß will man nicht noch länger erscheinen lassen. Ein kurzer Fuß sollte nicht klobig wirken“, erläutert Koch.

Eine ganz besondere Herausforderung stellen für den 61-Jährigen Damenschuhe dar. Um es zu verdeutlichen, nimmt er einen aus dem Regal und fährt mit dem Finger vom Schaft über Ferse und Sohle bis zur Absatzspitze. „Bei solchen Schuhen müssen die Linien stimmen. Die Übergänge von Leder, Sohle und Absatz müssen fließend wirken“, sagt Koch. Mit einem Lächeln fügt er hinzu: „Zum Glück gibt es nur sehr selten Kundinnen, die solche Schuhe nachfragen.“

Üblicher sind Wanderschuhe. Kommt der Kunde in die Werkstatt, um etwa die Brandsohle richten zu lassen, dann hört er sich gerne die Geschichten an. „Ich erinnere mich noch gut an ein Paar, welches der Kunde auch bei seiner Wanderung auf dem Jakobsweg anhatte. Nach zwei Jahren kam er wegen einer Reparatur wieder. Ich habe noch nie solche Schuhe gesehen“, erzählt Koch schmunzelnd.

Seine Schuhe hat er selbstverständlich selbst gemacht. Mehr als zehn Jahre sind sie inzwischen alt, werden täglich getragen, begleiten den passionierten Radfahrer auf seinen Touren durch den Wald. Wie lange sie noch durchhalten? Koch zuckt mit den Schultern. „Es ist das zweite Paar, seit ich den Laden eröffnet habe.“

„Handgemachte Schuhe“, Friedberger Landstraße 128, ist Dienstag, Mittwoch, und Freitag von 13 bis 18 Uhr, Donnerstag von 13 bis 20 und Samstag von 10 bis 13 Uhr geöffnet. www.handgemachte-schuhe.com

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