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Die Einzelzettelschneidemaschine (EZSM) Nummer 2.

Erfinder Walter Günther

Ein Fall für die Bratwurstmechaniker

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Im Rotlint-Café ist Neues vom Erfinder Walter Günther zu sehen, kongenial fotografiert von Matthias Wenger - vorbildlich in Nachhaltigkeit und Inklusion.

Die Ausstellung, die es hier zu feiern gilt, wirkt, zugegeben, auf den ersten Blick unspektakulär. Im Rotlint-Café im Nordend hängen Papierfahnen, die skurril anmutende Produkte aus Holz und Metall zeigen. Und Hände, die mit den Produkten arbeiten. Die Geschichte dahinter, Sie werden sehen: Die hat es in sich.

Diese Geschichte erzählt nämlich von einer Freundschaft, die einigen Menschen das Leben leichter gemacht hat und vielen anderen eine Menge Spaß bringt.

Abteilung leichteres Leben: Walter Günther baut Apparate, mit denen Leute etwas herstellen können, die sonst nicht dazu in der Lage wären. Oder er baut Sachen, die Verletzungen vermeiden helfen. Etwa eine Bratwurstwendemaschine. Die hat ihn berühmt gemacht. Die FR nannte ihn dafür „die Frankfurter Antwort auf Daniel Düsentrieb“.

Abteilung viel Spaß: Matthias Wenger fotografiert kongenial Günthers Werke und ermöglicht somit, dass alle Welt Anteil an dessen Schaffen hat. Das führte unter anderem zu dem Buch „Die mechanische Bratwurst“, das nicht nur einen der besten Buchtitel aller Zeiten trägt, sondern ein enormes Medienecho erfuhr.

Heute aber soll es um den Kellnerblock gehen. Das ist der Block, oder sagen wir: Das lehnt sich an den Block an, den Kellner und natürlich auch Kellnerinnen benutzen, um die Wünsche der Gäste zu notieren. Wieso Kellnerblock? Weil die Wirtin in Walter Günthers Stammcafé, dem leider inzwischen geschlossenen „Kardamom“ an der Glauburgstraße, einmal beklagte: „Die Brauerei schickt keine Kellnerblöcke mehr.“ Ein Wort war ausgesprochen, eine Idee geboren.

Schlossermeister Günther sinnierte also, analysierte: „Der Wegfall der Kellnerblöcke bedeutete letztlich: einen akuten Bedarf an einer größeren Anzahl zumindest einseitig unbedruckter, kleiner, gleichgroßer Zettel.“ Und notierte auf seiner Internetseite: „Ich sah sie förmlich vor mir flattern.“

Beruflich betreut Günther eine Gruppe von 28 Personen mit Behinderung. „Das Projekt bestand darin, dass die Leute selbst einen Kellnerblock herstellen können“, erklärt Fotograf Günther. Also ersann der eine Fachmann die nötigen Geräte, und der andere fotografierte sie. Das anrührende Resultat ist im Rotlint-Café zu sehen.

Da wartet zunächst eine stattliche Zahl von Zuschneideschablonen, jede ein Unikat, mal mit einem Stempelgriff zu halten, mal mit einem Türknauf. Dann sieht man Hände, die Altpapier zuschneiden, ja, Altpapier, denn der Ausstellungstitel „Vom Abfall zum Beifall“ ist kein Zufall – Nachhaltigkeit war den Freunden durchaus wichtig. „Es war aber auch ein Riesenspaß, die kleinen Helfer zu inszenieren“, sagt Wenger.

Dynamisches Duo: Matthias Wenger (l.) und Walter Günther.

Erst hätten sie eine Choreografie ausgetüftelt, wer welche Kleidung trägt; die Arme sind ja auf einigen Fotos sichtbar. Oft hätten sie auch nur dagesessen und die Aufnahmen am großen Bildschirm bestaunt: „Wahnsinn, was das für Teile sind.“ Etwa die drei sogenannten Einzelzettelschneidemaschinen, die auch genau so geschrieben werden müssen, in einem Wort, ohne Bindestriche, abgekürzt EZSM.

Die EZSM Nummer 2 etwa: „Das ist ein phänomenales Teil“, schwärmt der Fotograf. Günther konstruierte ein Gerät aus Zahnrädern, Ketten und Holz, das in der Lage ist, nur durch das Bedienen einer Kurbel ein Blatt Papier zu drehen und zu schneiden, bis es das gewünschte Format hat. Es gibt Leute in der Gruppe von Walter Günther, die wegen ihres Handikaps ausschließlich mit diesem Gerät ihr Papier schneiden können. Und die sehr stolz darauf sind, wenn sie ein Blatt hingekriegt haben – ihren Beitrag zum Kellnerblock.

Üblicherweise fertigt Günthers Team im Auftrag der Industrie einfache Kleinteile an. Liegen gerade keine Aufträge vor, gibt er das Kommando: „Kellnerblock!“ Dann freuen sich alle und wissen genau, was sie zu tun haben. Wer die Fotos im Café betrachtet, kann es nachfühlen. Das letzte in der Reihe zeigt einen herrlichen kleinen Kasten, in dem die fertigen Kellnerblöcke dekorativ bereitstehen. Man kann sie kaufen, den Preis bestimmt jeder selbst.

Die Einzelzettelschneidemaschine Nummer 2 – wie sie arbeitet, wird es am Mittwoch bei der Ausstellungseröffnung im Film zu sehen geben. Dann erzählt man sich bestimmt auch, wie alles begann. Wie der Tüftler, der schon den sagenhaften Riesenkorkenzieher im Mal-Seh’n-Kino gebaut hatte, mal ein Buch machen wollte und sich erinnerte, ach, da wohnt doch ein Fotograf in der Nachbarschaft. Das war vor zehn Jahren. „2011 kam die mechanische Bratwurst auf die Welt“, sagt Matthias Wenger. Allein für Sätze wie diesen muss man schon das Schicksal preisen, das die beiden zusammenführte. „Seitdem sind wir als Freunde sehr zusammengewachsen.“

Von der Bratwurst zum Kellnerblock, ein logischer Schritt, gastronomisch gesehen. Und gleich mehrfach vorbildlich: Das Projekt baut Barrieren in der Arbeitswelt ab, es nutzt vorhandene Ressourcen wie Altpapier, gebrauchtes Holz und Metall. Ästhetisch ist es obendrein. Lauter gute Gründe für eine bestens besuchte Vernissage an diesem Mittwoch.

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