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Der Mann der Stolpersteine hört auf

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Von: Brigitte Degelmann

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Hartmut Schmidt will weiter dafür sorgen, dass die Gräueltaten der Nazis nicht vergessen werden.
Hartmut Schmidt will weiter dafür sorgen, dass die Gräueltaten der Nazis nicht vergessen werden. © Sauda

Hartmut Schmidt wird am Dienstag 80 und kündigt an, zum Jahresende sein Amt an der Spitze der Initiative Stolpersteine niederzulegen.

Wer sich ein Bild von Hartmut Schmidts Wirken in Frankfurt machen möchte, muss bei einem Spaziergang durch die Stadt nur seine Augen über die Gehsteige schweifen lassen. Dort schimmern gelegentlich zehn mal zehn Zentimeter große Messingquadrate auf, in die Namen und Daten eingraviert sind – von Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden. An sie erinnern rund 1800 solcher Stolpersteine, die auf eine Idee des Künstlers Gunter Demnig hin in den vergangenen Jahren auf Gehwegen und Plätzen verlegt wurden.

Zu verdanken ist das auch Hartmut Schmidt, der am heutigen Dienstag seinen 80. Geburtstag feiert. Seit 2008 steht er an der Spitze der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main. Ein Amt, das er nun jedoch niederlegen will: „Wenn man 80 wird, ist es Zeit dafür“, kommentiert er seine Entscheidung.

Dass er 2004 zu dem Verein stieß, hängt mit einer Begegnung zehn Jahre zuvor zusammen. Schmidt, damals Redakteur beim Evangelischen Pressedienst (EPD), arbeitete an einer Serie über Pfarrerinnen. Dabei traf er auf Hilde Schneider, Hessens erste Gefängnispfarrerin. Zwischen 1959 und 1973 hatte sie als Seelsorgerin im Frauengefängnis Preungesheim gewirkt. Wegen ihrer jüdischen Abstammung hatten die Nationalsozialisten sie 1941 deportiert – zunächst in ein Ghetto in Riga, dann in zwei Konzentrationslager.

Stolpersteine

Seit 1996 erinnern die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig an Menschen, die während des Nationalsozialismus verfolgt, gequält und vielfach auch ermordet wurden: beispielsweise an Juden, Sinti und Roma, politisch Andersdenkende, Zeugen Jehovas, Homosexuelle und Zwangsarbeiter. Verlegt werden die Steine normalerweise an deren letztem frei gewählten Wohnort.

Mehr als 80 000 Exemplare gibt es inzwischen. Zu finden sind sie in mehr als 1200 deutschen Städten und Gemeinden sowie in 24 weiteren Ländern Europas. Damit gelten sie als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. bd

Ihre Geschichte beeindruckt den Journalisten so sehr, dass er schließlich ein Buch über sie schreibt: „Zwischen Riga und Locarno“. Bei der Vorstellung trifft er einen Vertreter der Initiative Stolpersteine in Frankfurt, die sich kurz zuvor gegründet hatte. Schmidt könnte doch ebenfalls in dem Verein tätig werden, schlug der Mann vor. Und da die Initiative dringend einen Mitstreiter braucht, der sich mit Medienarbeit und Computern auskennt, fungiert er bald als Koordinator. Eine Aufgabe, die mit viel Arbeit verbunden ist. Da sind die Gespräche mit Vereinen, Gemeinden und Bürger:innen, die Patenschaften für Stolpersteine übernehmen wollen. Oder die Biografien der Opfer, die man erforschen will. Oder das Knüpfen von Kontakten mit deren Nachkommen. Auch die Verlegung der Steine selbst gilt es zu organisieren.

Dass diese Form des Gedenkens nicht bei allen gut ankommt, ficht ihn nicht an. Die einstige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, kritisierte etwa, dass die Opfer erneut mit Füßen getreten würden. Schmidt sieht das anders. Er verweist darauf, dass zu den Verlegungen oft Angehörige aus aller Welt anreisten. Bewegende Szenen seien bei solchen Anlässen zu erleben, wenn sich etwa Menschen begegneten, die miteinander verwandt seien, sich zuvor aber nie gesehen hätten. Für sein Engagement wurde er im vergangenen Jahr mit der Ehrenplakette der Stadt Frankfurt ausgezeichnet – wobei auch sein Wirken für die Frankfurter Initiative „Solidarität mit Solidarnosc“ sowie als Vorsitzender des Frankfurter Flüchtlingsrats in den 1980er-Jahren lobend erwähnt wurde.

Dabei hätte ihn sein Lebensweg auch in eine ganz andere Richtung führen können. Denn Schmidt, der als jüngstes von acht Kindern eines evangelischen Pfarrers in der Nähe von Nördlingen in Bayern geboren wurde, mischte während seiner Studienzeit in Berlin in etlichen linken Gruppen mit, war auch als Maoist aktiv. Was seine spätere Suche nach einem Job nicht unbedingt erleichterte. Schließlich sei man damals als Kommunist in vielen Bereichen praktisch mit einem Berufsverbot belegt gewesen, erzählt er. Doch dann fand er eine Stelle in der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Frankfurt, von der er dann zum EPD wechselte. Und er fand sein Lebensthema: die Erinnerung an die Gräueltaten der Nationalsozialisten wachzuhalten. Immer wieder. Damit sie sich niemals wiederholen.

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