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Protest in Frankfurt: Nix Politisches, nur Antifaschismus

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Von: Stefan Behr

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Die Prorussischen Demos in Frankfurt werden bizarrer und doppeldenkerischer.

Ein altes russisches Sprichwort lautet: „Der Morgen ist klüger als der Abend“. Wenn das stimmt, dann möchte man angesichts der knappen Hundertschaft, die sich am Sonntagmorgen auf der Hauptwache versammelt, den Abend erst gar nicht mehr erleben müssen.

„Gedenkaktion für Kriegsopfer“ ist der offizielle Titel der prorussischen Demo. Eine Rednerin macht zu Beginn klar, was hier alles leider verboten ist, etwa das Zeigen des Buchstabens „Z“, sich zu besaufen und andere zu verprügeln oder zu beleidigen. Vor allem bei den männlichen Teilnehmern scheint das Verbot sämtlicher Lustbarkeiten Enttäuschung und Verdruss zu generieren. Umso trotziger wehen die Russlandfahnen im Sommerwind. Eine davon ziert ein russischer Bär, der sich mit weit aufgerissenem Maul und riesigen Krallen eindeutig als Problembestie präsentiert. Der Fahnenträger wirkt auch nicht viel friedlicher. Mitunter flattert auch mal eine Deutschlandfahne – aber selbstverständlich nur das Original mit Hammer und Zirkel. Aus den Boxen tönen tanzbare russische Gassenhauer.

Irgendwann fängt ein offenbar deutschstämmiger Aktivist, den es wohl irgendwann in einer scharfen Linkskurve mental aus der Fahrspur geschleudert hat, eine Rede an, in der er mit überschnappender Stimme die Daten der Eintritte einzelner Länder in den Zweiten Weltkrieg aufzählt. Und am Ende auch verrät, wer angefangen hat: „Deutschland, Japan und Italien.“

Auf der Empore eines benachbarten US-imperialistischen Kaffeeverhunzers haben sich mittlerweile eine Handvoll Gegendemonstranten eingefunden. Sie schwenken ukrainische Flaggen, ein Mann mit Megafon präsentiert ein Weltkriegsszenario, das von dem des Russen-Redners leicht abweicht: „Der Zweite Weltkrieg begann mit dem Überfall Deutschlands und der Sowjetunion auf Polen. Das vergessen wir nie!“ Anschließend bepöbeln sich beide Seiten ein bisschen. Der genaue Wortlaut erschließt sich dem deutschen Ohr nicht, aber der Diskurs dürfte in etwa dem Schema „Nazi!“/„Selber Nazi!“ entsprechen.

Gegen Mittag müssen die Ukrainer zur Pro-Ukraine-Demo an den Willy-Brandt-Platz und die Russen zieht es zum Opernplatz, wo unter dem Titel „Gegen Hetze und Diskriminierung russischsprachiger Mitbürger, gegen Faschismus“ der Demo zweiter Teil beginnt. Es sind dieselben Teilnehmer:innen wie zuvor am Opernplatz, bloß ist es jetzt eine Gedenkaktion für Opfer einer militärischen Spezialoperation. Als diese sehen sich die Teilnehmer:innen selbst: Mehrere Redner:innen beschweren sich, dass keiner sie mehr lieb habe, obwohl sie immer gegen Faschismus gekämpft hätten. Auch ein paar szenebekannte „Querdenker“ haben sich jetzt unter das Publikum gemischt. Wohl auch, weil die Querdenk- mittlerweile in die Doppeldenk-Bewegung überzugehen scheint. Ein Redner beweist mit der Doppelthese, dies sei „keine politische Demo“, sie diene ausschließlich dem „Kampf gegen den Faschismus“, dass er die hohe orwellsche Kunst, auf Befehl der Partei zwei Wahrheiten als solche anzuerkennen, auch wenn die sich wechselseitig ausschließen, komplett verinnerlicht hat.

Spätestens als Teilnehmer:innen der Russen-Demo dann auch noch Plakate zücken, mit denen sie sich auf Gandhi berufen und „Wo Liebe wächst, gedeiht Leben“ behaupten, wird es für alle, die zumindest noch eine Ersatztasse im Schrank haben, Zeit zu gehen. Schließlich wird es irgendwann Abend, und wenn der tatsächlich noch blöder als der Morgen sein sollte, dann gute Nacht!

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