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Kerry Reddington vor der Tür seines Unternehmens im Oederweg.

PORTRÄT DER WOCHE

Niemals aufgeben

  • Judith Köneke
    vonJudith Köneke
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Der Exilamerikaner Kerry Reddington lebt seit 30 Jahren in Deutschland. Gewählt hat er schon - wen, verrät er aber nicht.

Wenn die US-Amerikaner am 3. November ihren nächsten Präsidenten wählen, wird auch Kerry Reddington mitfiebern. Er ist einer von rund 3000 wahlberechtigten Staatsangehörigen, die in Frankfurt wohnen. Aber der Ausgang betrifft ihn nicht so sehr wie die Einwohner der USA. Denn der Kalifornier lebt schon seit 30 Jahren in Deutschland.

Abgestimmt hat Reddington bereits vor einiger Zeit per Briefwahl – ohne Probleme. Organisationen hätten sich viel Mühe gemacht, dass sich die Menschen registrieren ließen und alles klappe. Wo er sein Kreuz gemacht hat, will er nicht verraten. Auch Rapper Kanye West habe auf dem Zettel gestanden, erzählt er und schmunzelt. Seine Prognose? „Das ist schwer zu sagen, es könnte aber sehr knapp ausgehen.“

Von der Wahl erhofft sich Reddington, dass diese friedlich verläuft und es anschließend keine Ausschreitungen gibt. Die Berichte der Tumulte im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung hätten ihn sehr beschäftigt. Die jetzige Regierung und Donald Trump verteufelt er nicht. Genauso wenig wie dessen Handeln während der Pandemie. „Es ist doch für jeden schwer, der an der Macht ist, das Richtige in der Corona-Krise zu tun“, findet der 55-Jährige.

In düstere Zukunftsvisionen, wie sie manche seiner Landsleute spinnen, will er ebenfalls nicht einstimmen. „Die Amerikaner sind belastbar, sie werden schon ihren Weg finden.“ Hass sei jedenfalls nie eine Lösung, egal von welcher Seite sie komme.

Was ihn aber als Exilamerikaner besonders störe, sei die doppelte Steuererklärung. Denn obwohl er hier lebt, muss er auch in den USA eine Erklärung abgeben, das sei sehr viel Arbeit und kompliziert, „vollkommen crazy“. Deswegen gäben viele Amerikaner, die im Ausland lebten, ihren Pass ab, erzählt er, aber das koste mindestens 2350 Dollar.

Meiste amerikanische Auswanderer gut integriert

Reddington wünscht sich, dass endlich eine Partei das Thema angehe, bislang hätten sich aber weder die Demokraten noch die Republikaner darum gekümmert. Und so richtig fühle er sich und seine Gruppe nicht repräsentiert, auch nicht von der amerikanischen Botschaft.

Den Wunsch, zurück in die USA zu gehen, hege er nicht, er habe sich hier gut eingelebt. Die meisten amerikanischen Auswanderer seien hier gut integriert. An den Deutschen schätze er vor allem die Pünktlichkeit und Ordentlichkeit – und man könne sich auf ihr Wort verlassen. Als Reddington 1987 nach Frankfurt kam, hielt er sich mit dem Waschen von Autos über Wasser. Er habe von morgens bis abends gearbeitet, erinnert er sich. „Das war eine harte Zeit.“ Er habe kein Deutsch gekonnt und kaum Geld gehabt, um sich etwas zu essen zu kaufen. Aber das habe ihn geprägt und darum sei er auch so bodenständig. „Ich weiß, wo ich herkomme.“ Dazu passt auch sein Motto: „Never give up – Immer weiter.“

Alte Fotos in seinem Büro zeigen seine Anfänge, „Kerry’s Autopflege“ steht auf einem orangefarbenen Bus, den er zu Werbezwecken in der Innenstadt abgestellt hatte. Er habe sich hochgearbeitet. Heute führt er ein Unternehmen, das Dienstleistungen für Messen und Events anbietet: Hostess-, VIP-, Reinigungs- oder Fahrservice. „Ich bin schon stolz, wie weit ich gekommen bin.“ Im Moment sei es natürlich nicht einfach, Aufträge fehlten, ein Teil seines Teams sei in Kurzarbeit, berichtet er.

Seit fünf Jahren unterstützt Reddington zusätzlich als stellvertretender Vorsitzende der kommunalen Ausländerbehörde Migranten bei den unterschiedlichsten Problemen und Fragen. Und er bewarb sich mal als Präsident der IHK Frankfurt, daraus wurde jedoch nichts. Aber er würde sich generell wünschen, dass mehr Menschen mit Migrationshintergrund in städtischen Ämtern säßen.

Engagierte in vielfältigster Weise

Trotz seines Fulltimejobs arbeite er den Großteil seiner Zeit ehrenamtlich, erzählt er. Während der Hochzeit der Corona-Epidemie richtete Reddington in seinem Büro am Oederweg eine Anlaufstelle ein, um Kleinunternehmern, Künstlern, aber eigentlich jeden, der es brauchte, beim Ausfüllen von Formularen, und anderen Problemen zu helfen. Am Flughafen verteilte er Lunchpakete für Gestrandete.

Im Moment lässt er in einem seiner Räume einen Obdachlosen das Internet benutzen. Doch schon vorher engagierte sich Reddington in vielfältigster Weise. Zwei vollgepackte Ordner mit Zeitungsausschnitten zeugen von seinen guten Taten: Schmierereien übermalen, Reit-AG für Kinder, an Heiligabend Bedürftige mit Essen versorgen. „Alle warten, dass andere handeln – ich mache es einfach.“

Für die marode Toiletten in Schulen oder zusätzliche WCs im öffentlichen Raum kämpft er genauso, aber er appelliert auch an die Stadt, sich endlich zu kümmern. „Es wird immer viel geredet, aber es passiert nichts.“ Da könne es auch schon mal vorkommen, dass er jemandem auf die Nerven gehe.

Reddington fordert auch die Frankfurter und Frankfurterinnen selbst auf, sich um ihre Umwelt zu kümmern und zu schauen, dass es den Nachbarn gut gehe. Und schließlich glaubt er auch an das Karma: „Wenn du Gutes tust, kommt das auch zu dir zurück.“

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