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Der Berater freut sich auf drei Monate Urlaub. 

Niederursel

Hilfe ohne Hürden

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Der Leiter des Zentrums für Beratung und Therapie am Weißen Stein geht in den Ruhestand. Die Verabschiedung am Freitag.

Mehrere Jahrzehnte lang hat sich Michael Bourgeon für Menschen in schwierigen Lebenslagen engagiert. Als ausgebildeter Pädagoge und Psychologe widmete er besonders benachteiligten Kindern seine Aufmerksamkeit. In den vergangenen Jahren machte er sich für die Ausweitung des Beratungsangebots in Frankfurt stark. Nun geht der Leiter des Evangelischen Zentrums für Beratung und Therapie Am Weißen Stein in den Ruhestand.

„Es gibt Probleme, über die Kinder und Jugendliche nicht mit ihren Eltern sprechen möchten oder können“, sagt Bourgeon. Beziehungsstress etwa oder die Belastung durch die Trennung der Eltern. Dass es in solchen Fällen ein niedrigschwelliges Beratungsangebot für junge Menschen gibt, war lange Zeit keine Selbstverständlichkeit. „Vor 30 Jahren ging der Weg für Hilfesuchende üblicherweise über das Gesundheitssystem“, erklärt der Kinder- und Jugendtherapeut. Wegen langer Wartezeiten beim Arzt und Gutachterverfahren habe es oft gedauert, bis junge Menschen professionelle Unterstützung bekommen hätten. Auch die Diagnose eines Krankheitsbildes als Voraussetzung für eine Behandlung habe viele abgeschreckt.

Im Schnitt fünf bis zehn Gesprächssitzungen biete das Team am Weißen Stein Kindern und Jugendlichen an. Manchmal reiche das schon aus. „Häufig ist eine medizinische Betreuung gar nicht notwendig“, erklärt Bourgeon. „Kinder und Jugendliche haben eben manchmal Probleme. Das ist normal und bedeutet nicht, dass sie krank sind.“ In solchen Fällen bräuchten sie lediglich einen Ort, an dem sie von ihren Problemen erzählen könnten.

Die Perspektive, Hilfsangebote ohne Hürden bieten zu können, hat Bourgeon die Stelle im Evangelischen Zentrum attraktiv gemacht. Vor 1995 arbeitete er mehrere Jahre mit obdachlosen Menschen in Wiesbaden sowie in der Familienberatungsstelle der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. 2005 übernahm er die Leitung der Beratungsinstitution mit rund 35 Mitarbeitern. Sechs Jahre später kam die Führung des Arbeitsbereichs Beratung und Therapie des Evangelischen Regionalverbands Frankfurt und Offenbach hinzu. Für insgesamt elf Beratungsstellen, darunter auch für Geflüchtete, Migranten und Suchtkranke, und 45 Mitarbeiter war Bourgeon zuletzt verantwortlich.

Elementar sei für ihn stets die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen gewesen. In Kooperation mit dem Frankfurter Sozialamt und der Caritas etwa hat er das Pilotprojekt „Konfliktregulierende Beratung“ entwickelt. Das dient der Vermittlung in schwierigen Sorgerechtskonflikten, um die Situation für Kinder zu erleichtern. Im Jahr 2000 etablierte er im Beratungszentrum und an Schulen Sprechstunden für Scheidungskinder. Er wirkte zudem an der Umsetzung der Ziele, die die dezernatsübergreifende Arbeitsgruppe „Zukunft Frankfurter Kinder sichern“ ersonnen hat. Im Fokus steht die Verbesserung der Situation von armen und sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen.

Am meisten geprägt habe den 63-jährigen die Arbeit mit Geflüchteten und Migranten. Als Leiter des Evangelischen Regionalverbands hat er 2016 gemeinsam mit anderen den Psychosozialen Verbund Rhein-Main aufgebaut, der Geflüchtete in Hessen unterstützt. „Eine ganz neue Herausforderung“ sei für ihn die Arbeit mit Menschen gewesen, die solch schwerwiegende Gewalt, Verlust und Traumata erfahren hätten, sagt der Psychologe.

Für die Zukunft könne er sich vorstellen, seine Beratungstätigkeit fortzuführen. Vor allem wolle er wieder vermehrt seiner Lehrtätigkeit an der Goethe-Uni nachgehen. „Aber erstmal drei Monate Pause machen“, sagt Bourgeon.

Die Verabschiedungist heute von 15 bis 17:30 Uhr in der Heiliggeistkirche im Dominikanerkloster, Kurt-Schumacher-Straße 23.

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