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Viel los ist auch im Kinder- und Jugendhaus Kalbach, wenn die Einrichtung nicht aus Protest geschlossen ist.

Niederursel

Tag der geschlossenen Tür

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Der Frankfurter Jugendclub „Kleines Zentrum“ muss wegen fehlender Zuschüsse seine Angebote reduzieren.

Aus dem Playstationzimmer des Jugendclubs „Kleines Zentrum“ dröhnen Gelächter und Kommentatorenstimmen. Vier Jungs sitzen auf den Stühlen vor dem riesigen Fernseher und sprechen laut miteinander, jeder von ihnen hat einen Controller in der Hand. Sie spielen die Fußballsimulation Fifa und treten im Zwei-gegen-Zwei an. 2:2 lautet auch der Spielstand der Partie Paris Saint-Germain gegen den FC Barcelona. Es läuft bereits die zweite Halbzeit der Verlängerung.

Ein letztes Dribbling der Franzosen, ein zu schwacher Schuss – Abpfiff. Im Elfmeterschießen siegen die beiden Jungs, die Barcelona genommen haben. Sie haben gut lachen, während die Gegner etwas böse dreinschauen. Doch schnell wird Revanche gefordert und werden neue Teams gewählt.

Es ist ein fast normaler Tag im Kleinen Zentrum in Niederursel, außer, dass es zu warm ist. Nur etwa zehn Besucher sind am Nachmittag anwesend. „Sonst sind es 30 bis 40, im Winter sogar mehr“, erzählt Teamleiterin Kathrin Szameitat. Dass die Welt in Ordnung scheint, sei ein Trugschluss. Vielleicht wahrt auch das große Engagement der Sozialarbeiter den Schein. Doch wer nachfragt oder sich die Öffnungszeiten an der Vordertür anschaut, stößt auf die Wahrheit.

Die sieht so aus, dass Szameitat und ihr Kollege Tarik Moufid jeweils nur noch zu 90Prozent arbeiten. Nicht etwa, weil sie nicht mehr wollen, sondern weil der Träger Junularo Geld sparen muss. Wie bei allen freien Frankfurter Trägern der offenen Kinder- und Jugendarbeit reichen die Zuschüsse nicht mehr aus, um vor allem die durch Tariferhöhung gestiegenen Löhne zu stemmen. Und weniger Arbeit heißt auch kürzere Öffnungszeiten.

Wer den Jugendclub betritt landet zunächst im blaugestrichenen Essraum. Links stehen Stühle und Tische, es gibt ein Regal mit Brettspielen. Gleich neben der Eingangstür surrt die Klimaanlage, um die Hitze des Tages wenigstens etwas auszugleichen. Vorbei am Spieleregal geht es zum Hausaufgabenraum mit den Computern, der an diesem Tag aber nicht frequentiert ist. Die linke Tür vom Essraum aus führt in einen zweites, noch größeres Zimmer mit Tischtennisplatte, einem Kicker und einem Billardtisch. Auf der großen Tafel an der Wand stehen mit Kreide noch blass die Ergebnisse des jüngsten Tischtennisturniers.

Rund um die Platte stehen drei Jungs und wechseln sich beim Spielen ab. Einer von ihnen, ein 15-Jähriger in Sportklamotten, sagt, während er den Schläger schwingt: „Wir sind etwa einmal die Woche hier.“ Dass der Jugendclub nicht mehr so lange offenhat wie früher, sei nicht gut. „Wir können nicht mehr so lange hierbleiben.“ Stattdessen säßen sie dann zu Hause oder träfen sich eben draußen im Viertel. Auf die Frage, was sich in der Einrichtung verbessern könnte, sagt er: „Mehr Betreuer. Und dass länger offen ist.“

Beide Wünsche sind aus den genannten Gründen schwer zu erfüllen. Neben den beiden Sozialarbeitern gibt es noch eine Sozialarbeiterin im Anerkennungsjahr. „Doch auch zu zweit und bei voller Zeit sind wir unterbesetzt“, sagt Teamleiterin Szameitat.

Die Reduzierung der Öffnungszeiten von 19.30 Uhr auf 18 Uhr und donnerstags von 21.30 Uhr auf 21 Uhr sei ein notwendiger Schritt gewesen. Es ging nur um die Frage, ob eher die Jüngeren oder die Älteren die Leidtragenden würden. Man entschied schließlich zugunsten der jüngeren Besucher und macht am Abend zeitiger zu statt am Nachmittag später auf. „Die Älteren fühlen sich von uns im Stich gelassen“, sagt Kathrin Szameitat und guckt plötzlich trauriger. Einige kämen aus Trotz nun gar nicht mehr.

Die Jüngeren bekämen von den Problemen zwar weniger mit, doch auch sie merkten einmal im Monat, dass sich etwas geändert hat. Immer an einem Donnerstag im Monat bleiben alle Einrichtungen der freien Träger zu. Das nächste Mal wird es heute der Fall sein. Diesen „Tag der geschlossenen Tür“ nutzen die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter für Protest vor dem Römer. Damit sollen die Stadtverordneten an die prekäre Situation erinnert werden.

Im Tonstudio des Jugendclubs Kleines Zentrum sitzt der 22 Jahre alte Jonny. Der junge Mann kommt seit zwölf Jahren in die Einrichtung. Auch jetzt, da er berufstätig sei, komme er noch ab und an vorbei. Jonny ist Rapper und hat im Tonstudio bereits einige Lieder aufgenommen. Zwei spielt er vor; das eine handelt von Liebe, das andere von der Sommerzeit.

Das neugeschaffene Tonstudio ist bei den Älteren beliebt. Am Mischpult des Computers können Tonspuren übereinandergelegt werden. Am Mikrofon wird der eigene Song eingesungen, zudem gibt es ein Piano. Wegen der kürzeren Öffnungszeiten hätten die Jugendlichen aber weniger Zeit für den Raum und die Musik. Auch Jonny sagt, dass es schön wäre, wenn mehr Leute im Jugendclub arbeiteten und meint damit die Betreuer.

Barbara Weichler ist die Geschäftsführerin des Trägers Junularo. Sie erzählt, dass die freien Träger nur das fordern, was in der Koalitionsvereinbarung vermerkt wurde: eine Erhöhung der Zuschüsse für die Träger, damit die Tarifsteigerungen ausgeglichen werden können. Aktuell müsse man an den reduzierten Öffnungszeite festhalten. Es könnten sogar noch weitere Konsequenzen folgen, etwa, dass die speziellen Jungen- und Mädchentage einmal pro Monat ausfallen müssen. „Wir zahlen jetzt schon drauf, doch das hat Grenzen.“

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