Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Polizei und Feuerwehr machen sich am Sonntagmorgen für den Einsatz bereit. Foto: Monika Müller
+
Polizei und Feuerwehr machen sich am Sonntagmorgen für den Einsatz bereit.

Bombe in Frankfurt-Niederrad

Um 8 Uhr aus dem Bett geklingelt

  • vonSabine Schramek
    schließen
  • Timur Tinç
    Timur Tinç
    schließen

Die Evakuierung von 4500 Personen im Stadtteil Niederrad verläuft unkompliziert. In der Notunterkunft werden am Sonntag 110 Menschen versorgt.

Morgens um sechs Uhr sind bereits Polizeikräfte am Bombenfundort bei minus zwei Grad Celsius in der Saonestraße im Einsatz. Es ist stockfinster und still. Nur ein Scheinwerfer leuchtet auf das weiße Zelt mit roter Aufschrift Feuerwehr-Frankfurt. Hier liegt die Weltkriegsbombe, die ab 11 Uhr entschärft werden soll. Einer der Entschärfer vom Kampfmittelräumdienst des Regierungspräsidiums Darmstadt fragt die Polizisten, ob sie Kaffee möchten, damit sie sich aufwärmen können. Kaffee spielt an diesem Tag eine wesentliche Rolle.

Bis acht Uhr muss jeder die weiträumige rote Sperrzone verlassen haben. Verschlafen und verwuschelt machen sich Familien, Singles, Leute mit Hunden per Rad, Inline-Skatern, Autos, Taxis und öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg. Raus aus Niederrad. Manche haben nur eine Tasche dabei, andere Koffer, Tüten, Spielzeug, Kinderwagen, Nordic-Walking-Stöcke und Fußbälle. Viele tragen einen Kaffeebecher oder eine Thermoskanne in der Hand. „Das Wetter wird schön. Da können wir warm bleiben und die Jungs bolzen“, sagt eine Mutter von zwei Jungen, die nur widerwillig ins Auto steigen. Sie wollen den Tag auf den Lohrberg verbringen.

Auch das 10. Polizeirevier liegt in der roten Evakuierungszone. Beamte mit Kaffeebechern in der Hand besteigen Lautsprecherwagen. Es ist noch bitterkalt. Feuerwehr-, Polizei- und Rettungswagen sind überall. Wie Weckrufe schallen die Aufforderungen, die Wohnungen zu verlassen durch das Viertel. Lichter gehen aus, immer mehr Menschen verlassen die Zone. Wer Familie oder Freunde in der „gelben Zone“ hat, hat Glück. Dort müssen ab 11 Uhr zwar alle Fenster und Türen geschlossen sein und niemand darf mehr raus, aber die Bewohner:innen dürfen bleiben. Einige gehen noch kurz beim Bäcker vorbei. Neugierig schauen sie aus Balkons und Fenstern auf gegenüber liegende Straßenseiten.

Wie in der Melibocusstraße. Auf einer Seite müssen die Bewohner:innen raus, auf der anderen Straßenseite dürfen sie bleiben. An jedem Haus klingelt die Polizei. Sie wollen sicher sein, dass die Häuser leer sind. „Bis jetzt ist alles unkompliziert“, sagt einer der Beamten, der mit weiteren fünf Kolleginnen und Kollegen bereits das fünfte Haus absucht. „Die meisten sind schon weg, zwei oder drei waren gerade dabei, rauszugehen und ein Pärchen hat geschlafen.“ Die beiden lachen müde. „Tut uns leid“, sagt die junge Frau, die eilig mit ihrem Freund das Haus verlässt.

Wer nicht wegfährt oder Freunde und Familie woanders hat, findet in der Carl-von-Weinberg-Schule eine Unterkunft. „Wir haben uns heute früh um 5.30 gesammelt und ab 6 Uhr die Betreuungsstelle aufgebaut“, berichtet Oliver Pitsch, Regionalvorstand Rhein-Main der Johanniter-Unfall-Hilfe. 110 Menschen suchen die Unterkunft auf, für 250 wäre maximal Platz gewesen. Für alle gibt es Getränke, Essen sowie Feldbetten und Decken.

In Covid-Zeiten mussten alle Gäste einzeln befragt werden, wie es um ihr Wohlbefinden steht. Anschließend wurden sie registriert und auf drei Räume verteilt. In einem weiteren Raum wurden sogenannte isolationspflichtige Menschen untergebracht. „Das sind Menschen, die vom Gesundheitsamt eine Absonderungsverfügung bekommen haben, weil sie zum Beispiel Reiserückkehrer sind“, erklärt Pitsch.

Mustapha Berday und seine Frau Farah stehen vor der Schule und rauchen Zigaretten. „Wir sind um 8 Uhr von der Polizei aus dem Bett geklingelt worden“, berichtet er. Das Ehepaar wohnt in der Trifelsstraße, die genau zwischen der roten und der gelben Zone liegt. „Wir haben natürlich gehofft, in der Wohnung bleiben zu können“, sagt er. Durften sie aber nicht. Bülent Günebakan hat von dem Bombenfund gar nichts mitbekommen. „Ich hatte auch keinen Zettel im Briefkasten“, sagt Günebakan, der einen dicken Verband um seinen linken Fuß hat. Er wurde mit einem Krankentransporter in die Schule gebracht.

In der Zwischenzeit ist auch Feuerwehrdezernent Markus Frank (CDU) eingetroffen. Er berichtet warum sich die Entschärfung, die um 11 beginnen sollte, etwas verzögert. Eine Frau, die eigentlich aus ihrer Wohnung abgeholt werden sollte, sei plötzlich verschwunden. Die Tür musste sogar aufgebrochen werden, bestätigte später Polizeisprecher Andrew McCormack. „Die Frau war seh-, geh- und hörbehindert. Deswegen mussten wir nachschauen. Sie war aber nicht da“, erklärte er. Die Tür musste anschließend von der Feuerwehr notversiegelt werden.

Trotz des Sonnenscheins bleiben die meisten Leute in der Schule, statt draußen spazieren zu gehen. Die Einsatzkräfte bekommen mittags eine warme Suppe mit Würstchen und Brötchen. Davor wollen ein Mann und eine Frau in die Schule. „Ich bin Lehrertrainer. Sie stört es doch nicht, wenn ich in den Kraftraum gehe?“, fragt er die Johanniter-Mitarbeiterin. Nach kurzem hin und her dürfen die beiden tatsächlich in den Fitnessraum und ihre Muskeln etwas stählen.

Um 14.15 Uhr kommt dann die erlösende Nachricht von der Bombenentschärfung. „Vorbei?“, fragt ein Mann ungläubig, der in seinem Auto sitzt. „Vorbei!“, bestätigt ihm ein Feuerwehrmann. „Gott sei Dank“, sagt der Mann und fährt nach Hause.

Zwei Personen registrieren sich in der Unterkunft.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare