Heimatforscher Werner Hardt vor dem gut erhaltenen Mahre-Eck.
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Heimatforscher Werner Hardt vor dem gut erhaltenen Mahre-Eck.

Niederrad

Wo die Historie langsam verschwindet

Der Ortskern in der Kelsterbacher Straße schrumpft, immer mehr Häuser werden abgerissen.

Die Kelsterbacher Straße ist heute eine ruhige Nebenstraße. Kaum einer, der etwa neu in Niederrad wohnt und auf die Bruchfeldstraße als Ortskern tippen würde, ahnt, dass die Kelsterbacher lange Zeit Hauptverkehrsader des Stadtteils war. Werner Hardt erinnert sich gut: „Noch in den 80er Jahren bretterte hier alles durch.“

Im Winter 1988 war die Uferstraße als Umgehungsstraße fertig. „Seitdem ist es ruhig hier“, sagt Hardt. Seither wohnt der Heimatforscher an der Kelsterbacher in einem Idyll: Vorne an der Straße steht das von ihm sanierte historische Gebäude, er selbst und seine Frau wohnen in einem neueren Haus im Hof, das sie gebaut haben – mit Blick ins Grüne. „Schöner geht’s nicht“, ist Hardt überzeugt.

Der Niederräder wohnt gern im alten Ortskern. Denn nirgends lässt sich die Historie so gut sehen und spüren wie in der Kelsterbacher. Noch. Denn wenn es so weitergeht mit den Abrissen, die trotz Ensembleschutz in der Kelsterbacher vom Denkmalamt erlaubt werden, wird bald nicht mehr viel übrig sein vom alten Niederrad. Leider, bedauert Hardt, lassen viele Hausbesitzer die Substanz verfallen. Das Nachbargebäude etwa könnte eine Sanierung gut gebrauchen.

Denn das Haus mit dem seltenen vorgebauten ersten Stock („So konnte man an der Grundfläche sparen“) hat durchaus Geschichte: „Die Kelsterbacher Straße 18 war ehedem das Bahnarbeiterhaus der Frankfurter Waldbahn, die hatte direkt vor der Haustür ihre Endstation.“ Gebaut 1886, fuhr die Bahn von der Untermainbrücke bis vors Haus. Die Straße hieß damals noch Frankfurter Straße. Erst mit der Eingemeindung 1900 wurde sie in Kelsterbacher Straße umbenannt.

Das bekannteste denkmalgeschützte Gebäude ist der Frauenhof, die ehemalige Kattunfabrik eingangs der Kelsterbacher. Gebaut wurde der erste Teil 1761. 20 Jahre später folgte der Teil mit dem Torbogen. Auch dieses einst stattliche Gebäude verfällt heute zusehends. Viele Niederräder sind enttäuscht, dass der Eigentümer Schmierereien im Torbogen seit Jahren duldet. Das Denkmalamt hat wohl versucht, auf den Eigentümer einzuwirken – bislang ohne sichtbaren Erfolg.

Weniger bekannt ist, dass Niederrad, ähnlich wie Oberrad, einst beliebtes Ausflugsziel der Frankfurter vor den Toren ihrer Stadt war. „Die Kelsterbacher war eine Vergnügungsmeile“, weiß Werner Hardt. „Hier gab es einst acht Tanzsäle und mehrere Kinos.“ Schon Goethe ward hier oft gesehen, zuletzt im Jahr 1815.

Der alte Bamberger Hof etwa, Kelsterbacher Straße 14, der 1944 zerbombt wurde, war im 19. Jahrhundert eine gutbürgerliche Gaststätte mit schönem Biergarten, die auch der spätere Reichskanzler Bismarck oft besuchte. In den 20ern wurden Maskenbälle im Tanzsaal gefeiert. Heute steht dort das Hauptgebäude der Suchthilfe Fleckenbühl.

Im „Weißen Schwan“ in der Hausnummer 16 und im sanierten „Weißen Ross“ in der 22 wurde gespeist und getanzt, in letzterem war später ein Kino. In der „Schwarzen Katz“ in der Kelsterbacher Straße 28 wurde noch bis 2017 ausgeschenkt. Dann schloss die älteste Kneipe Niederrads, weil die neue Eigentümerin dort keine Kneipe mehr wollte. Wie berichtet, hat die Eigentümerin Mamax GmbH nun vor, das Vorderhaus mit Walmdach aus dem 17. Jahrhundert abzureißen. Die Anwohner kämpfen mit anwaltlicher Hilfe und Unterschriftensammlungen dagegen an.

„Der Ensembleschutz, der für den Ortskern gilt, ist nur sinnvoll, wenn nicht ständig Lücken in das Ensemble gerissen werden“, sagt auch Anwohner Harald Will, der früher für die SPD im Ortsbeirat 5 saß. „Die Substanz vieler alter Häuser ist zugegebenermaßen schlecht – Niederrad war eben ein armes, altes Dorf.“ Aber das rechtfertige nicht ihren Abriss: „Diese Häuser sind unsere Geschichte“, sagt Will.

Das Verschwinden des Alten geschehe heimlich, still und leise. „Man bekommt nichts davon mit, bis die Abrissbagger anrücken.“ So war es schon 1983 im Fall der Bürgermeisterei neben der Kleinen Kirche. Der beherzte Kampf der Anwohner nutzte nichts. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde sie an einem Januarmorgen abgerissen.

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