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Seit zehn Jahren betreibt Johannes Wicht seinen Fahrrad- und Skateboardladen in Nieder-Erlenbach und hat damit seine Passion zum Beruf gemacht.
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Seit zehn Jahren betreibt Johannes Wicht seinen Fahrrad- und Skateboardladen in Nieder-Erlenbach und hat damit seine Passion zum Beruf gemacht.

Stadtteile

Frankfurt: Nieder-Erlenbach - Per Bus in die Entschleunigung

Nieder-Erlenbach ist der nördlichste Frankfurter Stadtteil. Fühlen sich die Menschen, die hier leben, überhaupt noch als Teil der Mainmetropole?

Frankfurt - Weite Felder ziehen links und rechts der Straße am Fenster der Buslinie 25 mit Endstation „Im Fuchsloch“ vorbei. Die Sonne scheint, und trotzdem ist es so kalt, dass der Tau auch noch um halb zehn Uhr morgens auf den Grashalmen glitzert. Der Bus ist unterwegs in den nördlichsten Stadtteil Frankfurts: nach Nieder-Erlenbach. Ein Ort, der, wenn man der Großstadthektik entkommen ist, schnell vergessen lässt, dass er noch zur Mainmetropole gehört.

Nur wenige Menschen sind auf der Straße zu sehen, die am Rathaus vorbei durch den alten Ortskern führt. Etwa 4700 Menschen wohnen im Stadtteil, eine davon ist Sabine Maus, die warm eingepackt in ihren Wintermantel den Gehweg entlangläuft. Sie sei Zugezogene und lebe seit 1993 in Nieder-Erlenbach, erzählt sie. Der Liebe wegen sei sie damals hergekommen. „Zum Kindergroßziehen ist es hier ideal“, sagt sie. „Man kennt sich hier beim Namen, egal ob beim Bäcker oder bei der Post. Das macht es liebenswert.“

Nieder-Erlenbach: Schneller in Bad Vilbel als in Frankfurt

Auf die Frage, ob sie Vorteile darin sehe, neben der Abgeschiedenheit auch schnell mal ins Frankfurter Zentrum fahren zu können, lacht sie und entgegnet: „Schnell geht hier gar nicht.“ Man sei zügiger in Bad Vilbel als in Frankfurt, aber für Kulturelles nehme sie schon gerne auch mal den Weg in die Innenstadt auf sich. Bevor sie weiterzieht, gibt sie noch einen Tipp: „Wenn Sie ein richtiges Erlenbacher Urgestein suchen, dann gehen Sie zum Herrn Kötter.“

Der Pfeil wies Anna Laura Müller den Weg nach Nieder-Erlenbach.

Ein paar Schritte weiter trägt besagter Bernd Kötter gerade eine stattliche Nordmanntanne auf seinen Hof und stellt sie zu einer weiteren Handvoll Bäumen, die an der Wand des alten Hauses lehnen. Der 83-Jährige betreibt einen kleinen Weihnachtsbaumverkauf. Früher führte er hier auch einen landwirtschaftlichen Betrieb, und bis vor fast zwei Jahren verkauften seine Frau Ingrid und er Gemüse in einem dazugehörigen Hofladen. „Den haben wir aus Altersgründen aufgegeben“, erzählt sie und fügt hinzu, es sei wohl genau der richtige Zeitpunkt gewesen, bevor die Pandemie begann und sie wahrscheinlich sowieso gezwungen gewesen wären aufzuhören.

Stadtteile in Frankfurt: „Ich bin Erlenbacher“

300 Jahre alt sei das Haus, in dem sie leben. „1930 hat meine Familie das Haus gekauft, also noch bevor ich geboren wurde“, erzählt Bernd Kötter. Er zeigt auf eine Hauswand, an der Ziegel und Holzbalken offengelegt wurden. „Wir sind gerade dabei zu renovieren, aber wir müssen warten, bis es wieder frostfrei ist.“ Ob er sich überhaupt als Frankfurter fühlt? Seine Antwort fällt klar aus: „Auf keinen Fall! Ich bin Erlenbacher.“

Zufälliges Ziel

Ganz unvorbereitet gehen FR-Reporter für diese Serie auf Tour. An einen Ort, der zufällig bestimmt wird – durch einen ungezielten Pfeilwurf auf den Frankfurter Stadtplan.

Wo der Pfeil steckenbleibt, sind Fotograf und Schreiber am selben Tag unterwegs, sehen sich genau um und fragen die Leute, die sie treffen: Was machen Sie denn da?

Die Zufallstreffer, die daraus entstehen, sind Geschichten, die sonst vielleicht nie erzählt worden wären.

Die Eingemeindung Nieder-Erlenbachs ist knapp 50 Jahre her, aber es fällt nicht schwer zu verstehen, warum das hier für manche keine Rolle spielt. Die vielen Einfamilienhäuser, der Schaukasten am Rathaus, in dem unter anderem der Gesangverein, in dem Bernd Kötter singt, aktuelle Informationen aushängt, und die Nähe zur Natur rund um Nieder-Erlenbach sind für Außenstehende nur einige Indizien dafür, dass hier eher dörfliche Gemütlichkeit als schnelllebiges Stadttreiben herrscht.

Frankfurt: „Wheelspin“ - Fahrrad- und Skateboardladen Nieder-Erlenbach

Überraschend wuselig geht es dafür auf der anderen Straßenseite zu. Schräg gegenüber von Kötters Hof öffnet Johannes Wicht gerade sein Fahrrad- und Skateboardgeschäft „Wheelspin“. Der kleine Laden ist vollgepackt mit unterschiedlichsten Fahrrädern, Skateboards und sonstigem Zubehör in vielen Farben und Formen. Mittendrin steht der Inhaber selbst und begrüßt gut gelaunt die erste Kundin des Tages. Und die ist nicht nur regelmäßig hier, um ihr Fahrrad reparieren zu lassen, sondern auch die Erzieherin von Wichts Kindern in der ansässigen Kita.

„Man kennt sich hier eben“, sagt Wicht und erzählt, während er am Fahrrad herumschraubt, dass er den Laden, der gleichzeitig Werkstatt ist, vor zehn Jahren eher durch Zufall eröffnete. Damals stand der heute 38-Jährige am Ende seines BWL-Studiums und wollte unbedingt etwas Sinnvolles mit seiner Zeit anfangen. Der leerstehende Laden kam ihm gerade recht, statt eines Nebenjobs machte er sich selbstständig. Insgesamt sei sein Leben und vor allem sein Bildungsweg nicht immer linear verlaufen, aber er sei froh, jetzt an diesem Punkt und auch in Nieder-Erlenbach angekommen zu sein.

Wicht sagt, das Skaten begleite ihn schon seit Kindheitstagen, und der Laden sei für ihn mehr eine Passion als reine Arbeit. „Mir ist es wichtig, am Ende des Tages durch meine Arbeit auch eine sichtbare Leistung zu erbringen.“ Während seines Studiums habe er auch mal bei einer großen Bank gearbeitet, dort sei ihm aber bewusst geworden, dass er etwas machen wolle, bei dem er direkt das Ergebnis seiner Arbeit sehen könne. „Deswegen mag ich den direkten Kundenkontakt im Laden, bei dem ich sehe, wie sich die Leute freuen, wenn ich ihre Fahrräder wieder fit mache.“

Ohne Auto bleibt hier nur der Bus, um zur nächsten S-Bahn-Station in Richtung Innenstadt zu kommen.

Frankfurt: „In Nieder-Erlenbach gibt es alles, was man braucht“

Zwar habe er sich auch mal überlegt, einen Laden wie diesen näher am Zentrum in Frankfurt zu eröffnen, aber das wäre natürlich ein ganz anderes Arbeiten gewesen – ganz abgesehen von den viel höheren Mieten. Seine Frau und er haben außerdem mittlerweile drei Kinder und ein eigenes Haus im Ort. „Das Besondere hier ist einfach, dass man sich noch grüßt, wenn man sich auf der Straße sieht. Man wird hier sehr geerdet.“ Im Gegensatz zu den Kötters gegenüber verstehe er sich aber schon immer noch als Frankfurter. „Das ist ja auch etwas, worauf man stolz sein kann.“

Nach ein paar routinierten Handgriffen hat Wicht das Fahrrad seiner Kundin repariert. Die ist froh darüber, dass es den Fahrradladen im Ort gibt. Da sie kein Auto besitze, sei sie auf das Rad angewiesen. „Insgesamt gibt es in Nieder-Erlenbach alles, was man braucht, aber besser mit den öffentlichen Verkehrsmitteln angebunden könnte es schon sein“, stellt sie fest und radelt mit ihrem wieder funktionstüchtigen Rad davon.

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