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Dank Pfarrer Jürgen Mattis gibt es in Frankfurt eine Kulturkirche für Jugendliche.
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Dank Pfarrer Jürgen Mattis gibt es in Frankfurt eine Kulturkirche für Jugendliche.

Porträt

Nie einen Konflikt gescheut

  • Steven Micksch
    vonSteven Micksch
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Pfarrer Jürgen Mattis setzte sich im Evangelischen Regionalverband stets für die Jugend ein – nun geht er nach fast 30 Jahren in den Ruhestand.

Seinen Hang zur Seelsorge hat Jürgen Mattis bereits in seiner Studienzeit entdeckt. Der langjährige Stadtjugendpfarrer in Frankfurt fuhr damals Taxi durch die Mainmetropole, um sich etwas dazuzuverdienen. Aber es habe ihm auch geholfen, diese Stadt zu verstehen. „Die Menschen haben mir im Taxi von ihren Problemen erzählt. Oftmals haben wir uns am Ziel noch in der Kneipe weiter unterhalten“, sagt der 63-Jährige. Es sei immer interessant gewesen zu erfahren, wen man da im Auto hatte. Auch später in seinem Leben konnte Jürgen Mattis noch gut zuhören.

Am heutigen Mittwoch, 16. Dezember, geht der Leiter des Fachbereichs Beratung, Bildung und Jugend des Evangelischen Regionalverbands Frankfurt und Offenbach nach fast 30 Jahren Zugehörigkeit in den Ruhestand. Seinen Abschied hat der Pfarrer am Nachmittag in kleiner, ausgewählter Runde in der St.-Peters-Kirche. Wegen der Pandemie werden viele Menschen nur digital dazugeschaltet sein. „Total merkwürdig für einen Abschied“, sagt der 63-Jährige dazu.

Passend ist der Ort der Verabschiedung. Die Jugendkulturkirche Sankt Peter in der Bleichstraße würde es ohne Mattis heute vermutlich nicht geben. Gut ein Jahrzehnt kämpfte der gebürtige Frankfurter für eine Kirche, die auch für Jugendliche mit religiösem Traditionsabbruch interessant ist. Mit viel Hartnäckigkeit und etwas Glück gelang es ihm, das Konzept zu realisieren. Doch der Reihe nach.

Jürgen Mattis wird 1957 in Frankfurt geboren und wächst in Bonames auf. Sein Elternhaus steht dort heute noch. „Ich war das Kind einer Arbeiterfamilie“, sagt er. Die Mutter war evangelisch und aus dem Gallus, der Vater katholisch und aus dem Sudetenland. Trotzdem wächst Mattis evangelisch auf und findet seine Heimat in der evangelischen Jugendarbeit. Er engagiert sich im Evangelischen Jugendwerk Frankfurt ehrenamtlich und verbringt nach dem Abitur 1976 auch seinen Zivildienst dort. Fast logisch, dass danach ein Theologiestudium in Frankfurt und Marburg folgt.

Doch bereits damals hat die Kirche mit schwindenden Mitgliederzahlen zu kämpfen. Der Frankfurter nimmt deswegen noch ein Soziologiestudium auf. In dieser Zeit ist er ehrenamtlich bei Gesprächskreisen im Gefängnis Schwalmstadt dabei und denkt viel über eine säkulare evangelische Ethik nach. Sein Vikariat beginnt er 1986 in der Pfingstkirchengemeinde in Griesheim und setzt es als Gefängnisseelsorger in der Frankfurter U-Haftanstalt in Preungesheim fort. „Diese sieben Monate mit Straftätern hinter Mauern haben mich theologisch nachhaltig geprägt“, sagt er heute. Im Anschluss wird er Gemeindepfarrer in der Johannes-Gemeinde Neu-Isenburg. Eine Zeit, die ihm viel Spaß bereitet habe.

Doch 1993 reizt ihn eine neue Chance. Er wird Stadtjugendpfarrer und Leiter des Fachbereichs Kinder und Jugendarbeit im Evangelischen Regionalverband Frankfurt. Zum einen bedeutet es die Rückkehr in seine Geburtsstadt, zum anderen sitzt er nun an einer Schnittstelle zwischen Politik und Gesellschaft.

Mattis beginnt, die Kirche aus Sicht der Jugend zu denken. „Die Jugend muss ernst genommen werden“, sagt er. Als schließlich die Frage aufkommt, was aus der St.-Peters-Kirche werden soll, entwickelt Mattis 1997 mit dem katholischen Jugendpfarramt ein Konzept – womit wir wieder am Anfang der Geschichte wären.

Jahrelang wirbt der damalige Stadtjugendpfarrer für das Projekt: eine Kulturkirche, mit der die evangelische Kinder- und Jugendarbeit aus den Kellerräumen geholt werden soll. Doch sowohl bei Stadt- und Landeskirche als auch der Stadt Frankfurt als Eigentümerin der Kirche reagiert man verhalten: zu teuer. Doch 2001 kommt eine einmalige Gelegenheit. Der Kirchentag findet in Frankfurt statt. Mit Fokus auf die Jugend entsteht ein erstes zielgruppenorientiertes Zentrum für Jugendliche um die St.-Peters-Kirche, und es gelingt Mattis zu zeigen, was eine Kulturkirche bedeuten kann. Dank diesem großen Erfolg sagt die Landeskirche ihre finanzielle Unterstützung beim Umbau zu. Schnell holt der Frankfurter auch die anderen Beteiligten an Bord. Zwar dauert die Umgestaltung länger und wird teurer als geplant. Aber am 1. Advent 2007 ist es endlich so weit, die Jugendkulturkirche Sankt Peter wird eingeweiht. Und Mattis? Der sagt nach seinem bisher größten Erfolg Ade als Stadtjugendpfarrer. Er wird Oberkirchenrat und Leiter des neu strukturierten Fachbereichs Beratung, Bildung und Jugend im Evangelischen Regionalverband.

Doch den 63-Jährigen nur auf die Schaffung der Jugendkulturkirche zu reduzieren, würde seinem Wirken nicht gerecht werden. Über Jürgen Mattis’ Berufsleben gäbe es viel zu erzählen. Da wäre sein Kampf Mitte der 90er Jahre gegen die vom Magistrat verfügte Schließung von mehreren Jugendhäusern in der Stadt – samt Klage vor dem Verwaltungsgericht und schließlich einem Kompromiss mit der Stadt.

„Seitdem wurde kein Jugendhaus mehr geschlossen“, sagt Mattis mit einer gewissen Zufriedenheit in der Stimme. „Wir brauchen die Jugendhäuser in Frankfurt, weil wir an der Seite der vielen benachteiligten Kinder und Jugendlichen in der reichen Stadt sein müssen“, sagt er auch mit Blick auf den aktuellen Streit über die Finanzierung der offenen Kinder- und Jugendarbeit zwischen Trägern und Stadt.

Auch die Schaffung einer Produktionsschule nach dänischem Vorbild, die an der Schule gescheiterten Jugendlichen externe Schulabschlüsse und Zugang in eine duale Ausbildung ermöglicht, zählt zu diesen Erfolgsgeschichten. Oder als er status- und obdachlosen „Lampedusa-Flüchtlingen“ unter den Mainbrücken half und diese von 2013 bis 2015 aus eigenen Mitteln seines Fachbereichs in der Gutleutkirche betreuen ließ. Mattis hat sich irgendwie nie verbogen und immer versucht, Menschen dabei zu helfen, auf eigenen Beinen zu stehen.

Seiner Kirche wünscht er, dass sie nicht weiter den Mitgliederrückgang betrauert. Es gehe im christlichen Glauben ja nicht darum, den Fortbestand der Kirche zu sichern, sondern sich um sich selbst, den Nächsten und Gott zu kümmern. Mit einem glaubwürdigen Handeln aus Glauben heraus werde die Kirche nie obsolet werden.

Künftig wird er wohl etwas mehr auf sich selbst schauen. In der folgenden „anderen Lebensphase“ will er sich zunächst etwas ausruhen, aber auch seine Frau unterstützen. Mehr Zeit wird der passionierte Bergsteiger und Skifahrer dann für lange Wanderungen und das Segeln haben. Und für das Tennisspiel. „Seit 15 Jahren trainiere ich einmal pro Woche, ohne bisher einmal in der Mannschaft mitgespielt zu haben.“ Zeit würde es. Und Mattis wäre nicht Mattis, wenn er nicht auch noch auf andere Ideen käme.

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