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Hilde Hess in ihrem Lieblingscafé, dem Laumer, im Westend. Hier frühstückte schon Theodor W. Adorno.

Stadtentwicklung

„Frankfurt nicht den Superreichen überlassen“

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Die Aktionsgemeinschaft Westend wird 50 Jahre alt. Ein Treffen mit dem langjährigen Mitglied Hilde Hess.

Der Fleck ist weg. Hilde Hess weiß das natürlich. Und doch: Jedes Mal, wenn sie das Café Laumer im Frankfurter Westend betritt, wandern ihre Augen automatisch zu der Stelle auf dem Teppichboden. „Da hat Adorno in den 60er Jahren mal Eier im Glas fallenlassen und dann haben sie das jahrelang nicht weggemacht, wegen der Erinnerung.“ Der Philosoph und Direktor des Instituts für Sozialforschung der Universität pflegte im Laumer zu frühstücken. Wenige Monate vor seinem Tod im Sommer 1969, nämlich am 17. April, kamen im Viertel eine Handvoll Menschen zusammen und gründeten eine Bürgerinitiative. Sie gilt heute, 50 Jahre später, als die vielleicht älteste der Bundesrepublik – die „Aktionsgemeinschaft Westend“ (AGW).

Und Hilde Hess, „ein echtes Frankfurter Würstchen“, wie sie sich mit Lachfalten um die Augen vorstellt, war fast von Anfang an dabei. Sie beteiligte sich an der 68er-Revolte an der Frankfurter Universität, ging auf die Straße für mehr Demokratie im Lehrbetrieb und andere Lehrinhalte. Die Pädagogik-Studentin büffelte Texte von Marx und von den Professoren der Kritischen Theorie in Frankfurt: Adorno, Horkheimer. In ihrer Marx-Schulungsgruppe tauchte ein junger Mann aus Baden-Württemberg auf, ein gewisser Joseph Fischer. Als der iranische Aktivist Ahmad Taheri 1969 in seine Heimat abgeschoben werden sollte, was vielleicht seinen Tod bedeutet hätte, ging sie natürlich auch auf die Straße: „All das hat mich politisiert.“

Aber da war noch mehr. Im gutbürgerlichen Westend, in dem damals vielleicht 40 000 Menschen lebten, hatte eine unheimliche Veränderung begonnen. Der sozialdemokratische Magistrat mit dem Planungsdezernenten Hans Kampffmeyer hatte 1967 den „Fünf-Finger-Plan“ vorgelegt. Er erklärte die durch das Westend führenden fünf Achsen Mainzer Landstraße, Bockenheimer Landstraße, Reuterweg, Grüneburgweg und Eschersheimer Landstraße zu Entwicklungszonen für eine intensive Büro-Bebauung. Die Investoren erwarben die Gründerzeit-Wohnhäuser dort, um sie abreißen zu lassen.

Hess schrieb 1971 gerade ihre Examensarbeit, als die Häuserkämpfe so richtig losbrachen. „Wir wohnten im Dachgeschoss in einem Haus in der Altkönig-straße“. Damals waren schon mehrere Hundert Häuser im Westend „entmietet“, standen leer oder wurden von den Besitzern übergangsweise an die „Gastarbeiter“ vergeben, die Arbeits-Migranten aus dem Süden Europas, die seit einigen Jahren nach Frankfurt kamen. „In den Häusern Altkönigstraße 12, 14, 16 war jedes Zimmer an eine Familie von Gastarbeitern vermietet“. In einem heruntergekommenen Haus gab es nicht mal Strom, die Studenten legten eine illegale Leitung.

Eines der besetzten Häuser in der Bockenheimer Landstraße im Jahre 1971.

Hess ließ ihre Examens-Prüfung sausen, als eine griechische Familie geräumt werden sollte und Demonstranten versuchten, das zu verhindern. Die AGW-Mitglieder mit der ersten Vorsitzenden Odina Bott („eine sehr kämpferische Frau“) waren dabei, aber auch die spätere SPD-Fraktionsvorsitzende im Römer, Barbara Heymann. Wie überhaupt die Frauen eine zentrale Rolle spielten. „Die Barbara Klemm und die Abisag Tüllmann haben die Häuserkämpfe fotografiert.“

Hess wurde junge Lehrerin im Landkreis Offenbach. „Wir haben den Aufbruch an den Schulen organisiert.“ Die 68er-Pädagogen beteiligten sich an Schulstreiks für die hessischen Rahmenrichtlinien, die den Unterricht umwälzten – zum Beispiel gab es erstmals Sexualkunde. „Bei uns kam sogar der Regierungspräsident an die Schule und erklärte uns: Sie dürfen nicht streiken!“ Hess lacht.

Die nächsten Jahrzehnte fasst sie mit dem schönen Satz zusammen: „Es gab immer was zu kämpfen!“ Zum Beispiel, so erzählt sie, gegen den Bau der Startbahn 18 West des Frankfurter Flughafens Anfang der 80er Jahre. Die radikale Veränderung des Westends hin zum Hochhaus-Standort konnte die AGW nicht verhindern. Und doch ist Hess stolz: „Wir haben nicht alle Wohnhäuser retten können, aber einige doch.“

Und heute? Heute ist die seit 2012 pensionierte Lehrerin 70 Jahre alt, was sie so schlecht nicht findet: „Ich habe wieder mehr Zeit, mich zu engagieren.“ Heute ist Hess regelmäßige Besucherin des Planungsausschusses im Römer und der Sitzungen des Ortsbeirates, nimmt an vielen Demonstrationen gegen Mietwucher und Mietervertreibung teil.

„Ich liebe das Westend“, sagt sie leise

Sie schaut von ihrem Kaffee hoch, lässt den Blick durch das Café Laumer schweifen und sagt entschlossen: „Wir können die Stadt nicht den Superreichen überlassen.“ Heute sind nicht mehr die Bürotürme das allererste Spekulationsobjekt, sondern die Luxus-Eigentumswohnungen. Gerade im Westend wandeln die Spekulanten etliche Mietshäuser um. „Viele alten Leute im Viertel haben Angst, ihre Wohnung zu verlieren“, berichtet die Aktivistin. Was die Stadt tue, halte mit der Dynamik des kapitalistischen Wirtschaftens überhaupt nicht Schritt. „Beim Milieuschutz ist nix Entscheidendes passiert.“

Alle zwei Wochen treffen sich die Mitglieder der AGW donnerstags um 17 Uhr im Bürgertreff Rothschildscher Pferdestall, Ulmenstraße 20. Was die Menschen dort berichten, ist für Hilde Hess eine Bestandsaufnahme des Lebens in Frankfurt.

Und im Westend natürlich. Sie ist nie weggezogen aus dem Viertel. „Ich liebe das Westend“, sagt sie leise. Aber die Veränderungen seit den 70er Jahren sind doch gravierend. „Der Verkehr hat zugenommen, es ist zeitweise einfach Wahnsinn.“ Immer mehr Grün verschwindet, immer mehr Freifläche wird versiegelt. Deshalb kämpft Hess gerade engagiert dafür, dass auf dem Gelände des Botanischen Instituts am Palmengarten kein Luxus-Wohnquartier entsteht, dass sich in den Grüneburgpark hineinfrisst. „Heute ist das alles dort noch eine Oase und das muss es bleiben.“

Das Laumer füllt sich mit den Besuchern des Nachmittages, viele Stammgäste wie Hilde Hess sind da. Stimmengewirr und Gelächter. Die pensionierte Lehrerin, die England, die Sprache und Kultur dort so liebt, wird im Westend bleiben.

Sie freut sich darüber, dass heute viele junge Leute auf die Straße gehen gegen Mietenwahn und Luxusmodernisierung. „Bei der letzten Demo waren wir über 6000, und wir sind gut vernetzt, das ist doch toll!“ Ihre Augen glänzen. Plötzlich wirkt die 70-Jährige sehr jung.

Die Aktionsgemeinschaft Westend im Überblick

Das 50-jährige Bestehen feiert die Aktionsgemeinschaft Westend (AGW) am Donnerstag, 9. Mai 2019, im Bürgertreff Rothschild’scher Pferdestall, Ulmenstraße 20, im Westend.

Ort der Feier ist das Restaurant „Herr Franz“ im Erdgeschoss. Es wird vom ehemaligen Wirt des alten Literaturhauses an der Bockenheimer Landstraße, Franz Zlunka, betrieben.

Angesagt haben sich auch zahlreiche frühere Mitglieder der AGW.

Die Bürgerinitiative zählt heute rund 100 Mitglieder. Der Vorsitzende ist Hans-Jürgen Hammelmann. Er ist auch Fraktionschef der Linken im Ortsbeirat 2 (Bockenheim, Kuhwald, Westend).

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