Frankfurt am Main, 04.05.2020
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Kaffee gibt es erst mal nicht, doch Haarewaschen ist jetzt Pflicht: „Karthago“-Inhaberin Claudia Ltaief legt selbst Hand an.

Coronakrise in Frankfurt

Friseure öffnen wieder - Der Haarschnitt ist das neue Klopapier

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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In Frankfurt öffnen nach den Corona-Lockerungen die Friseure und werden von Kunden belagert. Die Betreiber nehmen den Andrang mit Gelassenheit.

Frankfurt - Es war einmal vor langer Zeit ein Land, da lebte jeder herrlich und in Freuden, weil alles seine Ordnung hatte: Draußen gab’s nur Kännchen, niemand sprang verbotswidrig vom Beckenrand, und Friseure hatten montags Ruhetag. Dieses Land aber ist bereits vor vielen Jahren untergegangen. So weit die schlechten Nachrichten.

Und jetzt die gute: Wenigstens ist Karthago nicht zerstört worden. Es wird am Montagmorgen zwar belagert von maskierten Menschen, aber der tapfere kleine Friseurladen in der Saalburgstraße ergibt sich nicht, auch wenn die Menschen drinnen ums Überleben kämpfen. „Schreibe Sie in die Rundschau: ,Friseure ersticken’!“, sagt die Frau mit der Maske, von der zumindest die Stammkunden vermuten können, dass es sich bei ihr um die Friseurin Claudia Ltaief handelt. Also gut: Friseure ersticken!

Frankfurt: Friseure haben wieder geöffnet - Großer Andrang bei der Kundschaft

Bequem ist anders, aber was nimmt man nicht alles in Kauf, um sich nach qualvollen Monaten endlich die Haare schneiden zu lassen.

Aber warum sollte es den Belagerten besser gehen als den Belagerern. Sie sei mehrere Stationen mit der Trambahn bis hierher gefahren, klagt eine wartende Frau, die sich die Maske zum Rauchen an den Hals hinuntergezogen hat, einer nach wie vor maskierten Mitwartenden ihr Leid. „Aber mit der Maske schaffe ich höchstens drei Stationen, dann kommt die Atemnot.“ Vielleicht sollte die VGF mal über Preisnachlass für Kurzatemstrecken nachdenken. Immerhin: Beim Friseur Karthago sind die durchaus moderaten Tarife auch in Seuchenzeiten die alten geblieben, und Betreiber Mahdi Ltaief hat nach wie vor die Würde und den Anstand, sich Friseur und nicht Hairstylist oder Haute Coiffeur zu nennen.

Also vieles beim Alten – und doch alles ganz anders. Für die Ltaiefs und ihre Kollegen in der ganzen Stadt ist dieser Montag tatsächlich ein Feiertag, aber keiner, bei dem man den Laden zulässt. Endlich darf wieder geschnitten werden. An den meisten Friseurläden klären Schilder an der Tür die Kunden bereits auf, was sich drinnen alles geändert hat, im Karthago setzt man auf das persönliche Gespräch: Bitte draußen warten, nicht in Begleitung kommen, Maske tragen. Gesichtsnahe Dienstleistungen wie Barttrimmen und Augenbrauenzupfen sind passé. Vor dem Schnitt herrscht Haarwaschzwang. Es wird kein Kaffee serviert. Zeitschriften gibt’s auch nicht.

Friseure in Frankfurt öffnen nach Corona-Schließung

Das fördert die zwischenmenschliche Kommunikation. Auf die Frage, wie er denn auszusehen wünsche, antwortet der Kunde, das sei ihm egal, er wolle nur nicht länger rumlaufen wie der Mann aus den Bergen. Das zaubert ein Runzeln auf die unmaskierte Stirn des gebürtigen Tunesiers Ltaief. Eine Kundin klärt auf: Sie erinnere sich an die Fernsehserie „Der Mann aus den Bergen“, die sei anno Tobak, als Röhrenfernseher noch die Welt regierten, gelaufen. „Da ging es um einen Mann, der mit einem Bären in den Bergen wohnte.“ Dass der Bär in der Serie wesentlich besser frisiert war als der Mann, verschweigt die Dame aus Höflichkeit.

Abgesehen von den maskenbedingten Atemsorgen neigen die Ltaiefs nicht zum Nölen. Ständig seien die Leute am Motzen wegen der Corona-Sicherheitsvorschriften, sagt etwa Claudia Ltaief, aber das sei wie üblich „Jammern auf allerhöchstem Niveau“, man solle doch mal nach Frankreich, Spanien oder Italien gucken, da seien die hiesigen Maßnahmen gar nichts dagegen. Und auch ihr Ehemann will sich nicht beschweren. Die letzten arbeitsfreien Wochen seien vielleicht wirtschaftlich nicht allzu prickelnd gewesen, aber er habe die Freizeit bestens genutzt: „Ich habe zu Hause Baustelle gemacht“, da sei genug zu tun gewesen und jetzt kein Stein mehr auf dem anderen. Zudem gehe ihm die Lockerung in Deutschland viel zu schnell.

Frankfurt: Friseure wieder in Betrieb - Kunde besorgt um zu schnelle Öffnungen

Wenn sie wollten, könnten Mahdi und Claudia Ltaief jeden Abend bis 21 Uhr arbeiten. Wollen sie aber nicht. Schon gar nicht mit Maske.

Auch die Wiedereröffnung der Friseurläden sehe er als Betroffener eher kritisch. Ihm sei das eigentlich viel zu früh. In Algerien etwa habe man die Friseurläden auch recht zügig wiedereröffnen lassen und gleich wieder dichtgemacht, weil sich die Öffnung als virologisch kontraproduktiv erwiesen habe. Aber es sei nun mal, wie es sei. Und die Nachfrage sei enorm: Diese Woche gehe ohne Termin gar nichts mehr, und für die nächste werde es auch schon eng. „Wenn ich wollte, könnte ich jetzt jeden Tag bis neun Uhr abends arbeiten“, sagt Ltaief. Will er aber nicht. Bis 18 Uhr langt ihm vollkommen. Auch montags.

Dank der Unerschrockenheit des Meisters kommt der Kunde nicht bloß in den Genuss eines neuen Haarschnitts, sondern auch in den Genuss kultureller Unterschiedlichkeiten, die die Mainstreammedien totschweigen. Etwa der, dass in Tunesien die Friseure montags Ruhetag haben. Das liege aber nicht daran, dass da alles seine Ordnung habe, sondern an der Tatsache, dass die Menschen dort am liebsten sonntags zum Friseur gingen, und irgendwann müsse der schließlich auch mal pausieren.

Frisöre in Frankfurt wieder geöffnet: Haare schneiden nach der Corona-Schließung

An Pausieren aber ist an diesem Montag in Frankfurt nicht zu denken, die Zahl der maskierten Belagerer auf der Saalburgstraße nimmt schon wieder bedrohlich zu, und der frisch frisierte Kunde tritt hinaus in eine Stadt, in der wie in letzter Zeit üblich lange Menschenschlangen vor einigen Geschäften stehen. Nur sind es diesmal nicht die Supermärkte, sondern die Friseurläden, und im Übrigen könnte man der Meinung sein, dass der Haarschnitt das neue Klopapier ist.

Von Stefan Behr 


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