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„Heimisch bin ich schon, aber Heimat ist es nicht“

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Von: Anja Laud, Andreas Hartmann, Meike Kolodziejczyk

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Meike Kolodziejczyk, Annette Schlegl, Anja Laud und Andreas Hartmann an der Friedberger Warte, einst Eingang der Stadt. Monika Müller
Meike Kolodziejczyk, Annette Schlegl, Anja Laud und Andreas Hartmann an der Friedberger Warte, einst Eingang der Stadt. Monika Müller © Monika Müller

Die Skyline, internationales Flair und Grüne Soße helfen beim Einleben in Frankfurt. Doch am Handkäs und am Stöffsche scheiden sich die Geister. Drei Eingeplackte im Plausch mit einer Hessin.

Sie haben nicht nur den Beruf, das Geburtsjahrzehnt und die ersten Buchstaben des Vornamens gemeinsam, sie sind auch alle drei „Eingeplackte“ in Frankfurt: FR-Redakteurin Anja Laud kommt von der Küste, Annette Schlegl aus dem Bayerischen Wald und Andreas Hartmann vom Bodensee. Mit ihrer Kollegin und gebürtigen Hessin Meike Kolodziejczyk plaudern sie über die Stadt, in der sie nun bereits seit einigen Jahren leben. Treffpunkt ist der Laudsche Küchentisch, die gepolsterten Stühle knarzen behaglich, die Gastgeberin schenkt Tee aus.

Annette Schlegl: Was sollte es bei einer Ostfriesin auch anderes geben als Tee.

Anja Laud: Ich bin keine Ostfriesin, ich komme aus Bremerhaven. Ich bin ein Fischkopf.

Andreas Hartmann: Bei uns ist das ein Schimpfwort für alle, die nördlich von Stuttgart wohnen.

Meike Kolodziejczyk: Erzählt doch erst mal, wann und wie es euch hierher verschlagen hat.

Anja: Ich lebe seit 1999 in Frankfurt, der Liebe wegen, um es mal pathetisch zu formulieren. Meinen Mann lernte ich im Urlaub kennen, er wohnte damals im Taunus. Wenn ich ihn an den Wochenenden besuchte, sind wir oft in Frankfurt ausgegangen. Und als wir merkten, dass es uns ernst war mit der Beziehung, mussten wir nicht lange überlegen, wo wir zusammenziehen wollen.

Annette: Auch ich bin wegen eines Mannes nach Frankfurt gezogen. Ich war da daheim, wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen: im Bayerischen Wald nahe der tschechischen Grenze. Meine Freundin hatte schon länger einen Freund aus Frankfurt, und der brachte irgendwann seinen besten Kumpel mit – und da war es um mich geschehen. Das war vor 19 Jahren.

Andreas: Geboren und aufgewachsen bin ich in Friedrichshafen am Bodensee. Als Student habe ich mich dann langsam nach Norden gehangelt, von Tübingen nach Marburg. Meinen ersten Job bekam ich 1997 in Frankfurt. Ich bin zunächst gependelt, seit 1999 lebe ich hier.

Meike: Welchen Eindruck hattet ihr eingangs von Frankfurt?

Anja: Kurz nach dem Volontariat wurde ich als Jungredakteurin von meiner damaligen Zeitung zu einer Pressekonferenz nach Frankfurt geschickt. Ich hatte natürlich diese ganzen Klischees von der Drogen- und Kriminalitätshauptstadt Deutschlands im Gepäck und überlegte mir schon im Zug: Oh, du musst ganz vorsichtig sein und fährst am besten mit dem Taxi zum Hotel. Und als ich gerade am Hauptbahnhof ausgestiegen war, fragt mich als erstes so ein Typ: „Ey, willste Stoff?“ Obwohl ich lange in Hamburg gelebt hatte und der Hamburger Hauptbahnhof auch nicht gerade freundlich ist, ist mir dort so was nie passiert. Ich habe mir dann tatsächlich ein Taxi genommen.

Andreas: Als ich in Frankfurt ein WG-Zimmer suchte, bin ich auf dem Rückweg von einem Vorstellungsgespräch in der S-Bahnstation an der Hauptwache von einem Mann angefallen worden. Der hat mich von hinten gewürgt, einfach so, der war offenbar geistesgestört. Das war der Paukenschlag, mit dem es losging. Und ich fragte mich: Willst du wirklich in diese Stadt ziehen?

Anja: Hat dir jemand geholfen?

Andreas: Das war ganz fürchterlich: Die Leute standen alle nur da und glotzten. Niemand ist auf die Idee gekommen, einzuschreiten.

Annette: Aber trotzdem bist du hergezogen.

Andreas: Ja, es hat sogar geklappt mit der WG. Kurze Zeit später hat mich eine alte Freundin besucht. Wir gingen in ein Café in der Fressgass, eigentlich eine vornehme Lage. Plötzlich kam ein Drogensüchtiger direkt an unser Fenster. Er hatte einen Verband am Arm, den zog er hoch und kratzte sich das blutige Fleisch auf. Da kommt Besuch vom Land und zack: Alle Klischees erfüllt.

Meike: Und Annette, kannst du das noch toppen?

Annette: Überhaupt nicht, zum Glück. Als ich zum ersten Mal meinen damaligen Freund in Frankfurt besucht habe, hat er mich auf den Eisernen Steg geführt. Da habe ich die Frankfurter Skyline gesehen – und hätte vor Entzücken heulen können. Ich war so emotionalisiert, das war der Hammer. Mir ging es noch ein zweites Mal so, als ich die Skyline erstmals bei Nacht gesehen habe. Ích hatte Gänsehaut am ganzen Körper.

Anja: Ich bin immer empört, wenn Leute zu mir sagen, dass Frankfurt eine so potthässliche Stadt sei mit den ganzen Hochhäusern. Wenn ich die Skyline sehe, ist es immer noch eine Freude für mich.

Meike: Bleiben wir doch mal beim Positiven: Was schätzt und mögt ihr noch an Frankfurt?

Anja: Die Internationalität. Und die Toleranz. Eine Freundin hat mal zu mir gesagt, nur weil ich in Frankfurt wohne, dürfe ich nicht glauben, dass die Leute überall so aufgeschlossen sind gegenüber Fremden und Fremdem. Tatsächlich gewöhnt man sich an dieses Miteinander, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass es woanders anders sein könnte.

Andreas: Ja, das ist schon sehr selbstverständlich hier. In Frankfurt leben Menschen aus aller Welt, mit allen religiösen, sexuellen und sonstigen Orientierungen. Ich finde dieses Bunte und Vielfältige sehr reizvoll. Und wie sich hier alles trifft und kreuzt. Ich bekomme ständig Besuch, weil irgendjemand in Frankfurt umsteigt, zwischenlandet oder mit dem Auto vorbeifährt.

Anja: Gleichzeitig ist Frankfurt eine kleine Großstadt. Trotz der Größe und des Gewusels ist sie kompakt und überschaubar, das Leben lässt sich gut managen, weil die Distanzen überbrückbar sind. Ich hänge nicht nur in meinem Kiez fest, sondern bin fast täglich in mehreren Stadtteilen unterwegs.

Annette: Auch ich schätze an Frankfurt, dass ich nicht ewig weit fahren muss, um etwas zu erleben. Hier bin ich mitten im Geschehen. Ob Literatur, Musik, Theater: Alles ist da, und das auf relativ kleinem Raum.

Anja: Wobei es für mich anfangs komisch war, dass sich in Apfelweinkneipen einfach fremde Leute an meinen Tisch setzten. Norddeutsche sind ja eher reserviert. Mit Unbekannten so eng beieinander zu essen und zu trinken, war mir äußerst befremdlich.

Annette: Im bayerischen Biergarten hockt man schon so zusammen. Aber nicht auf einer Bank wie in der Apfelweinkneipe, da sitzt jeder auf seinem eigenen Stuhl. Den kannst du im Zweifel so verrücken, dass nicht alle deine Gespräche mithören. Das geht auf einer Bank halt nicht.

Meike: Apropos Apfelwein: Daran scheiden sich ja die Geister. Wie haltet ihr es mit dem Stöffsche?

Annette: Ich mag Apfelwein. Aber nicht pur.

Meike: Aber doch hoffentlich nicht süßgespritzt?

Annette: Natürlich nicht!

Anja: Ich habe nur ein einziges Mal Apfelwein getrunken. Was heißt denn süßgespritzt?

Meike: Mit Limo.

Anja: Apfelwein mit Limo?

Andreas: Versuch mal, das in einem Traditionslokal zu bestellen.

Anja: Schmeißt man mich raus?

Frankfurt kennenlernen

Jenseits touristischer Besuche bietet Frankfurt erstaunliche Facetten – wer zum Beispiel regelmäßig die „Frankfurter Rundschau“ liest, weiß das. Auch für die hier Lebenden gibt es zahllose Überraschungen, wenn sie genau hinsehen. Dabei helfen etwa die Führungen der „Frankfurter Stadtevents, www.frankfurter-stadtevents.de, Tel. 069/ 97460-327. Sehr originell sind beispielsweise die Touren von Stadtführer Christian Setzepfand auf den Spuren der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt oder durch das verfallene Alte Polizeipräsidium.

Empfehlenswerte Frankfurt-Bücher gibt es in Fülle, vom kunsthistorischen Nachschlagewerk bis zum Kinderbuch. Fast jede lokale Buchhandlung hat mindestens ein eigenes Regal. Gut gemacht sind die Stadtspaziergänge „Frankfurt zu Fuß“ von Kristiane Müller-Urban und Eberhard Urban, deren inzwischen achte Auflage 2019 im Societäts-Verlag erschien. Schön illustriert und liebevoll beschrieben sind auch die 80 „Glücksorte in Frankfurt“ von Hartmut Heinemann und Sonja Morawietz aus dem Droste-Verlag.

Es lohnt sich auch für Einheimische, mal in der Tourist-Information am Römerberg oder der Bürgerberatung in der neuen Altstadt vorbeizuschauen, dort findet sich etwa der gut gemachte kostenlose Faltplan „Zum neuen Frankfurt auf Schienen“ mit bedeutenden Bauwerken der 1920er Jahre (online unter www.forum-neues-frankfurt.de).

Sport verbindet – und die großen Sportvereine, zum Beispiel die TG Bornheim oder die FTG in Bockenheim mit ihrer Sportfabrik, haben ein riesiges, sehr günstiges Angebot. aph

Annette: Oder der Ober behauptet eiskalt: „Hammer net!“

Anja: Und wo krieg ich das dann?

Andreas: Ein paar Kneipen machen das schon, gerade für Touristen. Ich trinke jedenfalls ganz gern mal einen Apfelwein – aber ich hatte auch mal einen schlimmen Kater davon, obwohl ich gar nicht so viel intus hatte.

Annette: Für puren Apfelwein musst du schon standhaft sein. Ich trinke nur Sauergespritzten.

Anja: Und sauergespritzt heißt dann Apfelwein mit Apfelsaft?

Meike: Mit Sprudelwasser.

Annette: Das habe ich als Getränk für den Sommer für mich entdeckt. Sauergespritzter löscht wirklich den Durst. Aber nur, wenn er tiefgespritzt ist, (zu Anja gewandt) also mit wenig Apfelwein und viel Wasser.

Meike: Prüfen wir mal, wie es ansonsten mit eurer kulinarischen Integrationsbereitschaft steht. Liebe Anja: Handkäs mit Musik oder Grünkohl mit Pinkel?

Anja: Oh, das ist leicht: Grünkohl mit Pinkel. Handkäs mit Musik habe ich noch nie gegessen.

Annette: Ich auch nicht. Allein der Geruch! Wenn neben mir jemand Handkäs isst, rücke ich immer so weit weg wie möglich.

Anja: Ich finde schon den Anblick ganz schrecklich. Dieser Käse. Und dann die Zwiebeln.

Meike: Ich bin zwar gebürtige Hessin, aber dem Handkäs habe ich mich bis weit in meine Studienzeit verweigert. Ich wollte einfach nichts essen, was aussieht wie aufgeweichte Hornhaut. Mein damaliger Mitbewohner, ein echter Frankfurter, wollte mich bekehren und hat mir eines Abends einen selbst zubereiteten Handkäs kredenzt. Leider hatten wir in unserer WG-Küche keinen Essig parat. Mein erster Handkäs badete in Balsamico.

Andreas: Hat bestimmt auch geschmeckt.

Meike: Ja, war lecker. Seitdem esse ich sehr gern Handkäs mit Musik. Aber lieber mit echtem Essig.

Andreas: Ich mochte Handkäs am Anfang auch nicht. Aber dann bin ich doch auf den Geschmack gekommen und esse ihn inzwischen regelmäßig.

Anja: Du bist also eingenordet.

Andreas: Eingefrankfurtert. Doch die Qualitätsunterschiede sind extrem. Es gibt so tollen Handkäs – aber auch ganz widerlichen.

Annette: Kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass es da Unterschiede gibt.

Anja: Und ich glaube, ich muss mal wieder Grünkohl mit Pinkel essen.

Meike: Aber Grüne Soße mögt ihr doch hoffentlich alle, oder?

Alle: Ja!

Meike: Uff, mir fällt ein Handkäs vom Herzen. Aber wo wir gerade dabei waren: Wo hapert es noch an eurer Liebe zu Frankfurt?

Andreas: Was mich manchmal nervt, ist diese Selbstgefälligkeit. So wie es schon Friedrich Stoltze schrieb: „Wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei.“ Als sei Frankfurt der Nabel der Welt. Etwas weniger Selbstverliebtheit täte gut. Frankfurt ist auch eine anstrengende Stadt. Und sehr laut. Von oben tost der Fluglärm, die Straßenbahn rattert vorbei, in der Kneipe um die Ecke grölen die Gäste, vorm Haus tobt der Junggesellenabschied, im Nachbarhaus feiern sie dreimal die Woche bis in die Puppen eine Party. Die Anonymität der Stadt fördert eine solche Rücksichtslosigkeit.

Annette: Aber das ist doch nicht nur typisch für Frankfurt, sondern überhaupt ein Großstadtproblem. Wobei Frankfurt schon sehr hektisch ist. Seit ich hier wohne, bin ich selbst viel ungeduldiger geworden als früher.

Anja: Frankfurt war immer gut zu mir, ich war anderswo schon unglücklicher. Natürlich nervt mich auch manches. Die RMV-Tarife zum Beispiel. Oder der Verkehr.

Annette: Ja, der Verkehr hier ist auch hektisch. Und der Fahrstil erst. Das war anfangs für mich eine Katastrophe. Mittlerweile hab ich mich dran gewöhnt.

Andreas: Frankfurt zu mögen, ist durchaus ein Stück Arbeit. Das erschließt sich erst. Je länger man hier ist, desto besser wird es.

Meike: Fühlt ihr euch denn jetzt heimisch hier?

Alle: Ja!

Anja: Doch auf die Frage, wo ich mein Leben beenden möchte, würde ich antworten: Ich liebe Frankfurt, aber hier will ich auf keinen Fall begraben werden. Dann geht es zurück in die Heimat.

Annette: Heimisch bin ich hier schon, aber Heimat ist es nicht.

Andreas: So geht es mir auch. Der Langener Waldsee ist halt nicht der Bodensee.

Anja: Und der Main ist nicht das Meer.

Annette: Und der Feldberg ist nicht die Zugspitze.

Grüne Soße mögen sie alle – Apfelwein nicht unbedingt. Andreas Arnold
Grüne Soße mögen sie alle – Apfelwein nicht unbedingt. Andreas Arnold © Andreas Arnold

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