Stephanie Krömer ist Direktorin der Agentur für Arbeit Frankfurt.

Interview zum Arbeitsmarkt

„Nicht alle sollten nach einem Studienabschluss streben“

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Die Frankfurter Arbeitsagentur-Chefin Stephanie Krömer über den Anstieg der Arbeitslosigkeit, den Zuzug von Beschäftigten und Irrtümer bei der Berufswahl.

Frau Krömer, die Arbeitslosigkeit in Frankfurt ist im Januar leicht gestiegen. Geht der jahrelange Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt langsam zu Ende?

Nein. Die Arbeitslosenquote ist zwar aus saisonalen Gründen, aber auch wegen konjunktureller Schwächen leicht gestiegen. Das beunruhigt mich aber nicht. Die Beschäftigung in Frankfurt ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, auf mittlerweile mehr als 602 000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte. Und der Frankfurter Arbeitsmarkt ist weiter sehr aufnahmefähig. Ich gehe davon aus, dass die Beschäftigung weiter zunimmt und die Arbeitslosenquote auf niedrigem Niveau stagniert.

Wie stark treffen Frankfurt die Probleme im verarbeitenden Gewerbe?

Natürlich spüren wir die auch bei uns. Vor allem im Bereich der Zeitarbeit. Die Beschäftigung über Zeitarbeit in gewerblich-technischen Unternehmen ist deutlich zurückgegangen.

Zeitarbeiter werden entlassen?

Nicht unbedingt. Teils werden sie derzeit auch von den Unternehmen, für die sie tätig sind, übernommen. Entlassungen treffen überwiegend Zeitarbeitskräfte, die als Helfer tätig waren, nicht qualifizierte Arbeitskräfte. Selbst in der jetzigen konjunkturellen Delle sichern sich Unternehmen ihre Fachkräfte möglichst, weil sie wissen, dass diese ein rares Gut sind.

Spielt Kurzarbeit in Frankfurt schon eine Rolle?

Ja. Unternehmen stellen zum Teil vorsorglich einen Antrag auf Kurzarbeitergeld, weil sie nicht wissen, wie sich die nächsten Monate entwickeln. Im Januar haben wir neun Anträge bekommen, von denen rund 250 Beschäftigte tangiert sein könnten. Auch diese Entwicklung beunruhigt mich aber nicht.

Im Banksektor gibt es ebenfalls Probleme. Auch wegen der Digitalisierung bauen mehrere große Institute Stellen ab. Belastet das den Arbeitsmarkt stark?

Ich glaube, dass sich die Situation bei den Banken stabilisiert hat. Der Dienstleistungssektor in Frankfurt ist zudem so stark, dass sehr viele, die ihre Stelle verlieren, eine neue Tätigkeit finden.

Die Unternehmen im IHK-Bezirk Frankfurt nennen immer wieder Fachkräftemangel als das größte Risiko für ihren Geschäftsbetrieb. Gleichzeitig steigen die Beschäftigtenzahlen in Frankfurt auf immer neue Rekordwerte. Wo finden die Unternehmen denn noch Leute?

Die Unternehmen sind sehr viel offener, Menschen einzustellen, die sie vielleicht vor wenigen Jahren nicht genommen hätten. Sie sind eher bereit, neue Beschäftigte selbst für die Tätigkeit zu qualifizieren.

Welche Rolle spielt der Zuzug von Menschen außerhalb der Region für die Deckung des Fachkräftebedarfs?

Eine beträchtliche. Der Frankfurter Arbeitsmarkt ist so attraktiv, dass nicht nur immer mehr Menschen nach Frankfurt pendeln, um hier zu arbeiten. Viele Beschäftigte ziehen auch aus anderen deutschen Regionen oder dem Ausland zu. Der Ausländeranteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Frankfurt liegt bei mehr als 20 Prozent und steigt ständig an.

Zur Person

Stephanie Krömer(38) leitet seit Herbst 2019 die Frankfurter Agentur für Arbeit.

Die Diplom-Verwaltungswirtin, die in Hagen aufwuchs, hatte zuvor das Jobcenter des Kreises Siegen-Wittgenstein geleitet. 

Die Frankfurter Wirtschaft wächst also letztlich auf Kosten anderer Regionen, denen sie ständig Arbeitskräfte abzieht.

Ja. In kleineren Regionen gibt es eben nicht so ein Angebot und so eine Vielfalt an Möglichkeiten wie hier. Bei der Arbeitsvermittlung setzen wir uns aber nicht künstlich Grenzen. Wir verweisen durchaus auch auf Angebote in anderen Kommunen der Region.

Bekommen Menschen, die in Frankfurt arbeitslos werden, schneller einen neuen Job als anderswo?

Das ist so. Im Regelfall ist niemand länger als drei Monate bei uns arbeitslos. Es muss aber nicht das Beste sein, so schnell wie möglich einen neuen Job aufzunehmen. Für Unqualifizierte kann es sinnvoller sein, sich zunächst weiterzubilden, um danach etwas Besseres finden zu können.

Raten Sie auch einem 35- oder 40-Jährigen noch zu einer Ausbildung?

Ich rate das auch einer oder einem 50-Jährigen oder jemand noch Erfahrenerem. Menschen sollen ja bis mindestens 65 erwerbstätig sein. Und dann ist es doch sinnvoll, in Bereichen zu arbeiten, wo es eine hohe Nachfrage gibt und man möglichst gut verdient, so dass man sich ein Leben in Frankfurt und Umgebung leisten kann.

Man hört manchmal, dass die Arbeitsagenturen eher das Ziel verfolgen, Arbeitslose so schnell wie möglich zu vermitteln.

Es gibt gesetzlich den Vorrang der Vermittlung. Aber ein neues Beschäftigungsverhältnis muss tragfähig und nachhaltig sein. Und das kann heißen, jemanden zunächst in Richtung Fachkraft zu qualifizieren.

Die Wirtschaftskammern beklagen, dass zu viele Schüler ein Studium anstreben, statt eine duale Ausbildung zu beginnen. Sehen Sie das auch so?

Für den Arbeitsmarkt ist es nicht erforderlich, dass alle nach einem Studienabschluss streben. Mir ist wichtig, dass für die Jugendliche oder den Jugendlichen die passende Lösung gefunden wird. Deshalb begleiten wir die Schüler, ihre Eltern und die Lehrer schon früh. Wir sind bereits in den siebten statt in den achten Klassen unterwegs und zeigen auch auf Messen Entwicklungs- und Verdienstmöglichkeiten auf. Es gibt zum Beispiel immer noch den Irrglauben, Bürojobs seien besser bezahlt als etwa Tätigkeiten im Handwerk.

Funktioniert das denn? Bleiben nicht trotzdem Ausbildungsplätze unbesetzt?

Rein zahlenmäßig könnte alles wunderbar passen. Leider bleiben aber jedes Jahr Stellen unbesetzt, und es bleiben Bewerberinnen und Bewerber, die nichts für sie Passendes finden und dann zum Beispiel weiter zur Schule gehen. Deshalb versuchen wir sehr umsichtig zu beraten, genau zu schauen, wo jemand seine Stärken hat und in welchen Bereichen es für die Bewerber gute Chancen gäbe.

Interview: Christoph Manus

Arbeitslosigkeit

22 282 Menschensind im Januar bei der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter als arbeitslos gemeldet gewesen. Das sind 1322 mehr als im Januar 2019.

Die Arbeitslosenquotelag im Januar mit 5,4 Prozent 0,2 Prozentpunkte höher als im Vorjahrsmonat.

Die Unterbeschäftigtenquotelag mit 7,4 Prozent 0,3 Punkte über dem Wert von Januar 2019. In diese Quote fließen auch Menschen in entlastenden arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen und in kurzfristiger Arbeitsunfähigkeit ein.

9496 offene Stellenwaren im Januar bei der Arbeitsagentur gemeldet, 1733 weniger als vor einem Jahr.

Besonders gesuchtwerden Arbeitskräfte für die Lagerwirtschaft, Objekt- und Personenschutz, Post, Zustellung und Güterumschlag. Gute Möglichkeiten gibt es laut Arbeitsagentur auch in den Bereich Büro und Sekretariat, Gastronomie, Verkauf und Informatik.

Hessenweitwaren im Januar 159 848 Frauen und Männer arbeitslos gemeldet. Das waren 2983 Menschen mehr als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote stieg auf 4,7 Prozent.

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