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Blick vom Frankfurter Domturm, entstanden um 1940.

Fotosammlung

Neues Buch zeigt das alte Frankfurt in Farbe

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
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Ein neues Buch zeigt teils noch nie veröffentlichte Fotos der unzerstörten Stadt aus einer Dreieicher Privatsammlung.

Die Welt war nie schwarz-weiß. Und doch scheint sie es in einem Teil unserer Erinnerung zu sein – das liegt auch daran, dass Farbaufnahmen lange selten und teuer waren. Historische Bilder, ob in der Zeitung oder im Geschichtsbuch, sind so in eine graue Ferne entrückt. Dabei gibt es echte Farbfotografie bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Auch bei den Farbwerken Hoechst forschte ein Chemiker an der neuen Methode. Für ein größeres Publikum nutzbar – aber teuer – waren aber erst die Farbfilme der US-Firma Kodak und des deutschen Unternehmens Agfa, die Mitte der 1930er Jahre auf den Markt kamen.

Seit rund 20 Jahren ist der Dreieicher Henning Jost, Jahrgang 1977, auf der Jagd nach frühen Farbfotografien, die vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden sind – rund 10 000 historische Negative, Dias, Postkarten oder auch gedruckte bunte Reiseprospekte hat er seither zusammengetragen und bereits mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem über Darmstadt und Dreieich.

Der neueste, soeben im Wartberg-Verlag erschienene Band widmet sich in Farbe einer vor dem Zweiten Weltkrieg sehr berühmten verlorenen Schönheit, der Frankfurter Altstadt, die großenteils bei den Bombenangriffen 1944 zerstört wurde. Rund 300 Ansichten von Frankfurter Gässchen und Fachwerkhäusern, Plätzen und Prunkbauten besitzt Jost, das Buch zeigt eine Auswahl.

Der Blick vom Frankfurter Domturm, entstanden 2020.

Immer wieder tauchen aus Nachlässen, auf Flohmärkten oder inzwischen auch online neue, bisher unbekannte Bilder auf. Viele Erben wüssten gar nicht, was sie da besäßen und nun loswerden wollten, sagt der Sammler. Immer wieder stößt er auf noch unbekannte Farbfotos der Altstadt. „Ich habe mal bei Ebay zwei Dias gefunden, die angeblich Hildesheim zeigten. Aber es war Frankfurt!“, berichtet er stolz. „Einige der Fotos in dem Buch waren wohl noch nie öffentlich zu sehen. Schwarz-Weiß-Bilder der Altstadt gibt es ja sehr viele, aber ich glaube, das sind die ersten bekannten Farbabbildungen des Goethehauses, des Kornmarkts, der Kannengießergasse oder der Katharinenpforte.“

Das Buch

Henning Jost und seine Frau Daniela Harnisch haben „Frankfurt - gestern und heute in Farbe“ gemeinsam gestaltet. Er sammelte die historischen Farbfotografien, sie steuerte aktuelle Aufnahmen der selben Orte bei, die alle in diesem Jahr entstanden sind. „Frankfurt - gestern und heute in Farbe“, Wartberg-Verlag Gudensberg, 16,90 Euro

Straßen und Plätze wirken durch die neue Technik viel präsenter, lebendiger, gegenwärtiger. Der Effekt ist verblüffend, regt die Vorstellungskraft an. „Da ist die zeitliche Distanz plötzlich weg“, sagt Jost.

Der Sammler, eigentlich studierter Betriebswirt, und seine Frau Daniela Harnisch, gelernte Werbekauffrau, zogen dafür im Frühjahr dieses Jahres durch die von Corona geleerte Frankfurter Innenstadt und suchten nach den auf den historischen Farbaufnahmen gezeigten Orten. „Wir haben einige Sondergenehmigungen erhalten“, berichtet Jost. „Den Domturm, der aktuell wegen Corona gesperrt ist, durften wir zum Beispiel trotzdem besteigen.“ Auch Ladenbesitzer waren hilfsbereit, ließen die beiden für ihre Fotos in obere Stockwerke und öffneten sonst verschlossene Türen.

Das Fünffingerplätzchen in der Frankfurter Altstadt, heute teils von der Schirn überbaut.

Diese dabei entstandenen Gegenüberstellungen von einst und jetzt machen einen weiteren, durchaus auch erschütternden Reiz des Buches aus. Vieles ist praktisch nicht mehr wiederzuerkennen, statt der alten Kleinteiligkeit dominieren an vielen Stellen Großbauten das heutige Stadtbild. Anderes ist inzwischen zwar wiederaufgebaut, doch zeigt ein Vergleich mit den originalen Ansichten vor der Zerstörung, dass sich die vielen Details, Erker, Giebelchen, Pfeiler oder Fassadenmalereien unmöglich rekonstruieren lassen. Wollte man noch weitere Altstadtstraßen rekonstruieren, gäbe es noch zahlreiche malerische Winkel, die das Buch dokumentiert.

Jost, der von den sanften Farben und der heute fast vergessenen Architektur fasziniert ist, ist über seine Sammelleidenschaft regelrecht zum Bauhistoriker geworden, weiß genau, wann welches Haus abgerissen oder zerstört wurde. Man darf ja nicht vergessen: Etliches, was den Krieg überstanden hatte, wurde erst in den Nachkriegsjahren gedankenlos abgerissen, das Schauspielhaus am heutigen Willy-Brandt-Platz etwa oder das berühmte Schumanntheater am Hauptbahnhof. Und schon vor dem Krieg verschwanden historische Bauwerke wie die 1932 zerstörten klassizistischen Zollschuppen am Mainufer vor der Leonhardskirche, die auf einem Farbfoto von 1927 noch zu sehen sind.

Blick von der Hauptwache auf die Frankfurter Zeil.

„Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mussten Privatleute ihre Farbfilme abgeben, weil sie als kriegswichtig galten“, sagt Jost. Trotzdem hat er auch etliche Aufnahmen entdeckt, die erst kurz vor der endgültigen Zerstörung der Altstadt entstanden sein müssen. Offenbar hielt sich nicht jeder Fotograf an die offiziellen Vorschriften des NS-Regimes.

„Da sieht man zum Beispiel auf dem Römer ein Löschwasserbecken, das dort wegen der Bombenangriffe angelegt wurde“, berichtet Jost. „Bei anderen Bilder entdeckt man beim genauen Hinsehen, dass nach den ersten Bombenangriffen statt der zerbrochenen Fensterscheiben Pappendeckel eingesetzt wurden.“ An manchen Fassaden wehen Hakenkreuzfahnen. Solche Details zeigen bei aller Nostalgie: Die Kriegszerstörungen hatten einen Grund.

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