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Neues aus dem AWO-Wunderland

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Von: Stefan Behr

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Mini-Jobs der ehemaligen Stellvertreterin Jürgen Richters haben juristisches Nachspiel

Es ist wieder eine dieser Geschichten aus dem untergegangenen Wunderland der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Man weiß ja, was einen erwartet, ist dann aber doch immer wieder fasziniert, was im Gunstkreis des Ehepaars Richter so alles möglich war.

Am Montagmorgen muss sich Jasmin K. wegen Beihilfe zur Untreue verantworten. Die 40-Jährige war von Januar 2015 bis Oktober 2019 hauptberuflich für die AWO Frankfurt tätig – erst als persönliche Referentin des damaligen Geschäftsführers Jürgen Richter, später als dessen Stellvertreterin. Nun könnte man meinen, ein Jahreseinkommen von 123 500 Euro lasse eigentlich wenig Wünsche offen, aber das ist wohl eine Frage der Perspektive. Wie so viele andere Frankfurter Spitzenkräfte bekam auch K. als Finanzspritze einen Mini-Job vom AWO-Kreisverband Wiesbaden, den Jürgen Richters Ehefrau Hannelore leitete: Für 450 Euro im Monat arbeitete sie nebenbei als Sozialdiensthelferin im Robert-Krekel-Haus, einem AWO-Altenheim in Wiesbaden. Und das so dezent und unfallfrei, dass sich niemand dort an sie erinnern kann.

Als wohl aus Vertuschungsgründen im Herbst 2017 sämtliche Wiesbadener Bonus-Jobs für Frankfurter Großverdiener auch dorthin ausgelagert wurden, arbeitete K. als Mini-Jobberin für die AWO-eigene Johanna-Kirchner-Stiftung und zwar als irgendwas. Auf eine Stellenbeschreibung wurde diesmal ganz verzichtet, vermutlich, weil K. dort „ohnehin nichts arbeiten sollte“, so die Anklage. Die erschlichenen Leistungen beziffert sie auf 23 500 Euro, was in der AWO-Welt Peanuts entspricht.

So wie auch der Strafbefehl über 120 Tagessätze à 75, also 9000 Euro, gegen den K. Einspruch eingelegt hat. Vor Gericht lässt sie über ihren Verteidiger ausrichten, sie habe sehr wohl für ihr Geld gearbeitet, und zwar wie ein Pferd und weit jenseits der vereinbarten 38,5-Stunden-Woche. Zum einen als Referentin und später Stellvertreterin für Jürgen Richter, aber nebenbei eben auch für dessen Frau, die als „Sonderbeauftragte“ für die Frankfurter AWO dort zwar ein Büro gehabt habe, dort aber wohl ebenso wenig präsent war wie K. im Robert-Krekel-Haus. Dass sie dort offiziell als Helferin gearbeitet hätte, habe sie gar nicht gewusst, das sei von Hannelore Richter in den Arbeitsvertrag „nachträglich handschriftlich eingefügt worden“.

In Wirklichkeit habe sie ganz andere Sachen gemacht, die sie auch schriftlich belegen könne. Das ist nun wieder eine Überraschung für die Staatsanwaltschaft, die von diesen Neuigkeiten erst am Montag erfährt. Der Prozess wird daraufhin ausgesetzt, erst einmal müssen die neuen angeblichen Beweise gesichtet werden.

Jasmin K. ist mittlerweile Freiberuflerin. Über ihren Ex-Brötchengeber ist sie dennoch auf dem Laufenden. Und spricht von ihm als „Herr Doktor … ähh … Herr Richter.“ Jürgen Richter kämpft derzeit in zweiter Instanz darum, dass sein mutmaßlich frei erfundener Doktortitel, den er an einer US-Geheimuni gebaut haben will, doch wieder anerkannt wird. Mit dieser leidigen Sache muss das Landgericht sich am kommenden Montag wieder befassen.

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