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„Erfüllung eines Lebenstraums“: Klement Tockner.

Porträt

Den Krieg gegen die Zukunft beenden

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Der neue Senckenberg-Generaldirektor Klement Tockner hat mit dem Naturmuseum Großes vor. Er wirbt für einen offenen Dialog zwischen Gesellschaft und Forschung.

Wir führen Krieg, sagt Klement Tockner: „Krieg gegen die Zukunft. Es ist ein unfairer Kampf, weil sich die Zukunft nicht wehren kann.“ Wenn er verloren gehe, dieser Krieg, dann sei er für immer verloren.

Der Österreicher Tockner, 58, ist der neue Senckenberg-Generaldirektor. Am Donnerstag stellt er sich der Presse in einer digitalen Runde vor. Als siebtes von insgesamt neun Kindern seiner Eltern wuchs er auf einem Bergbauernhof in der Steiermark auf. „Ohne TV, ohne Auto, ohne Traktor“, blickt er zurück. Aber mit der Natur. Aufregend sei es gewesen, mit dem Schlitten hinab ins Dorf zu fahren.

Weitgereister Fachmann

Der Weg führte rasch weiter an die Uni in Wien, wo er Zoologie und Botanik studierte und seine Doktorarbeit über Gewässerökologie schrieb. Tockner erweiterte sein Wissen auf vielen Auslandsstationen, unter anderem in Ruanda. „Zwei Wochen vor dem Ausbruch des Völkermords bin ich nach Wien zurückgekehrt“, sagt er. Zwei seiner Mitarbeiter seien in dem afrikanischen Staat während der Auseinandersetzungen ermordet worden.

Als international führender Ökologe will der neue Generaldirektor ökologische Lösungen für die Probleme der Menschheit finden. Probleme, die er so skizziert: „Pro Jahr verbrennen wir 500 000 Jahre Erdgeschichte.“ Kohle, Erdöl, Erdgas. Außerdem entließen die Menschen 100 000 synthetische Chemikalien in die Umwelt, ohne zu wissen, welche Folgen das habe. „Im Prinzip führen wir globale Großversuche durch, mit ungewissem Ausgang.“ Covid-19 sei eine der Folgen – und die stark gefährdete Vielfalt auf der Erde eine weitere.

ZUR PERSON

Klement Tockner, geboren 1962, wird im Januar Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Der Österreicher ist damit zuständig für sieben Forschungsinstitute und drei Museen unter dem Dach der Frankfurter Zentrale, von Wilhelmshaven bis Tübingen, von Bockenheim bis Dresden. Tockner ist noch Präsident des Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF und wird als Generaldirektor am 1. Januar Nachfolger von Volker Mosbrugger.

Was hat er also vor? „Wir müssen gegensteuern“, sagt Tockner, durch Forschung in Echtzeit, neue Ansätze im Umgang mit den Ökosystemen und durch den offenen Dialog der Wissenschaft mit der Gesellschaft. Als Ort des Dialogs will er das Senckenberg-Museum zu einem „Museum von Weltformat“ ausbauen. Die Wissenschaft allen zur Verfügung stellen: „Wissenschaft demokratisieren, die Bevölkerung dafür begeistern, Neugier unterstützen.“ Über allem steht: „Die Qualität der Wissenschaft, die wir hier liefern, ist nicht verhandelbar.“

Die Weltbevölkerung sei erst am „Beginn der großen Beschleunigung“, sagt Tockner. Niemand wisse, wie sich der Verlust der biologischen Vielfalt konkret auswirke. Mit dem bestverfügbaren Wissen müsse die Forschung dagegenhalten, denn: „Wissenschaft schützt.“ Auch die Demokratie.

Auch „Entdecker von Frankfurt“ will Klement Tockner sein. Er freue sich auf den Austausch mit den Menschen und das „immense Privileg“, an der Spitze der Senckenberg-Gesellschaft zu stehen, die er als Zukunftsinstitut bezeichnet: „Damit geht ein Lebenstraum in Erfüllung.“ Senckenberg erarbeite seit 200 Jahren das Wissen und stelle es allen zur Verfügung. „Wir blicken Millionen Jahre zurück, um aus den Erfahrungen für die Zukunft zu lernen.“

Zeitgleich mit Tockner fängt im Januar eine neue Museumsdirektorin bei Senckenberg an. Sie will sich in Kürze vorstellen.

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