Demo der Gruppe Antifa Kollektiv 069 Ende Juli vorigen Jahres in Wächersbach. 
+
Demo der Gruppe Antifa Kollektiv 069 Ende Juli vorigen Jahres in Wächersbach.

Onlineplattform

Neue Meldestelle für rechte und rassistische Angriffe

  • Valerie Eiseler
    vonValerie Eiseler
    schließen

Die Onlineplattform „Hessen schaut hin“ soll Fälle antisemitischer und rassistischer Gewalt sichtbar machen.

An Medienberichten zu rassistischer und rechter Gewalt in Hessen mangelt es nicht. Einige werden nationales Thema, wie die rechtsextremen Drohbriefe gegen eine Frankfurter Anwältin, der rassistische Angriff von Wächtersbach und der rechtsterroristische Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Andere Vorfälle finden weniger Beachtung, wie jener in Taunusstein, wo ein Mann aus rassistischen Motiven mit einer Schleuder Metallkugeln auf Passanten geschossen haben soll.

All diese Fälle sind öffentlich und dadurch in gewissem Maß sichtbar gemacht worden. Dabei bilden sie nur die Spitze eines Eisbergs unbekannter Größe. Denn wie macht man jene Fälle sichtbar, die für viele Hessen und Hessinnen Alltag sind? Rassistische Beleidigungen in der Bahn oder die rechten Parolen des Nachbarn?

Ein Versuch ist seit Anfang Januar die Onlineplattform „Hessen schaut hin“ – eine Initiative der Beratungsstelle Response, angesiedelt in der Bildungsstätte Anne Frank. Auf der gleichnamigen Website können sowohl Betroffene als auch Zeuginnen und Zeugen rechte und rassistische Vorfälle melden und dokumentieren.

Schon vor zwei Jahren hat das Response-Team in Zusammenarbeit mit dem Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt mit der Arbeit an dem Projekt begonnen. Ziel ist es laut Olivia Sarma, der Leiterin des Beratungsteams, eine möglichst niedrigschwellige Anlaufstelle zu schaffen. „Wir wollen die Erlebnisse der Betroffenen aus ihrer Perspektive sichtbar machen.“

Um einen Vorfall auf der Website zu melden, müssen Nutzer und Nutzerinnen ein kurzes Formular ausfüllen, das derzeit in den Sprachen Deutsch, Arabisch, Englisch und Französisch zur Verfügung steht. Darin können sie das Erlebte schildern und, falls gewollt, auch Angaben zu den Tätern oder Täterinnen machen. So ließe sich auch das Milieu sichtbar machen, in dem die Vorfälle passieren, betont Sarmas Kollege Roman Jeltsch. „Häufig passiert es eben nicht in der dunklen Gasse.“ Auf Wunsch bleibt die Meldung anonym, vor allem besteht aber auch die Kontaktmöglichkeit für eine anschließende Beratung durch Response.

Das Bedürfnis zur Veröffentlichung rechter und rassistischer Vorfälle habe es schon vor „Hessen schaut hin“ gegeben, ergänzt Jeltsch. „Seit Response besteht, wollen Leute ihre Erfahrung dokumentieren.“ Innerhalb der ersten zwei Tage habe es schon mehr als 20 Meldungen gegeben.

Oft Fehleinschätzungen

Gerade Fälle, die die Polizei nicht als rechts oder rassistisch motivierte Taten erfasst, sollen auf diese Weise eingeordnet werden. Fehleinschätzungen von Behörden und Justiz sind laut Sarma nicht selten. Und Betroffene stellten sich häufig die Frage, „Wo soll ich hin damit?“, sagt Jeltsch. „Viele wollen sich das Geschehene einfach von der Seele schreiben.“

Bisherige Fälle hat das Team in einer Chronik auf der Response-Website gesammelt. Die neue Plattform habe man nun professionalisiert und mit den nötigen technischen Mitteln wie einer verschlüsselten Datenübertragung ausgestattet.

Von „Hessen schaut hin“ erhoffen sich Sarma und Jeltsch die Möglichkeit, Vorfälle aus ganz Hessen darzustellen. Gerade Betroffenen im ländlichen Raum wollen sie damit mehr Sichtbarkeit, aber auch Beratungsmöglichkeiten geben. Sollten sich durch die Dokumentation bestimmte Muster und Lücken ergeben, will Response mit den Erkenntnissen auch Forderungen an die Politik stellen.

Weitere Infosund Fälle melden unter: www.hessenschauthin.de.

Eine 20-Jährige wird mitten in Groß-Gerau rassistisch beleidigt und gedemütigt. Alle schauen weg. Und die Polizei bedauert ein „kommunikatives Missverständnis“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare